zur Navigation springen

Flugzeugunglück 1982 : Das Phantom von Brokdorf

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Es war einer der schlimmsten Abstürze in der Region: 1982 zerschellte ein Kampfjet der Bundeswehr neben dem Störsperrwerk – nur wenige Flugsekunden vom damals noch im Bau befindlichen Kernkraftwerk Brokdorf entfernt.

Wer im vermeintlich allwissenden Internet die Stichwörter „Flugzeugabsturz“ und „Kernkraftwerk Brokdorf“ eingibt, wird tausendfach fündig. Die drohenden Gefahren durch eine aus dem Luftraum über dem Meiler kommende Katastrophe werden vor allem von Atomkraftgegnern in allen Varianten beschworen. Lange suchen muss man aber nach einem Flugzeugabsturz, der sich nur wenige Flugsekunden vom Kraftwerk entfernt tatsächlich ereignet hat. Am 3. Mai 1982 stürzte unmittelbar neben dem Störsperrwerk ein Jagdbomber vom Typ Phantom F4 ab. Zwei Menschen kamen damals ums Leben. Im Internet ist das Unglück im wahrsten Sinne eher ein Phantom. Zwar ging das Kraftwerk in Brokdorf erst vier Jahre später ans Netz. Gerade Anfang der 1980er Jahre aber hatten auf der Baustelle noch erbitterte Auseinandersetzungen stattgefunden.

In Auflistungen von Militärmaschinen der Bundeswehr, die früher aus verschiedenen Gründen gleich hundertfach am Boden zerschellten, stößt man bei Nachforschungen allenfalls auf den Standort Glückstadt. Vermutlich wollten Chronisten damals der Unglücksstelle nur einen im weiteren Umkreis bekannten Ort zuordnen. Aus bundesweiter Sicht wird allenfalls Wewelsfleth noch als Absturzstelle lokalisiert. Dass Brokdorf gleich nebenan liegt, spielt in der Historie kaum eine Rolle.

Heute würde ein solcher Flugzeugabsturz nur wenige Kilometer von einem Kernkraftwerk sicher die Diskussionen um Sicherheit und ein noch vorzeitigeres Abschalten wieder so richtig anheizen. Damals fand das Thema interessanterweise fast keinen medialen Niederschlag. Tschernobyl alarmierte die Menschen erst drei Jahre später. Und Fukushima galt bei allen, außer den Atomkraftgegnern, als eher unvorstellbar.

Spannend ist in der Rückschau aber auch, wie sich Umfeld und Arbeitsweise der Berichterstattung geändert haben. Telefone hatten 1982 noch Wählscheiben, Faxgeräte gab es noch nicht. Und an einen schnellen Informationsaustausch per Mail war schon gar nicht zu denken. Heute würde sich ein solches Unglück in Windeseile verbreiten. Vermutlich würden auch Heerscharen von Fernsehteams in Marsch gesetzt.

Vor 35 Jahren standen die Lokalreporter noch allein auf weiter Flur. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Meldung von einem Flugzeugabsturz war seinerzeit telefonisch in der Redaktion aufgeschlagen. Unter der Regie des damaligen Chefredakteurs Heinz Longerich und seines früh verstorbenen Stellvertreters Hartmut Velmede wurden zwei junge Reporter losgeschickt. Die alten Hasen am Redaktionsschreibtisch dürften gewusst haben, weshalb sie sich nicht selbst in die Niederungen ihres Verbreitungsgebietes begaben. Die über deutlich bessere Kommunikationsmittel verfügende Bundeswehr, das Militär war natürlich mit Funkgeräten ausgerüstet, hatte die Absturzstelle bereits weiträumig abgesperrt. So waren längere Fußmärsche durch die Wilstermarsch angesagt.


Feldjäger riegeln den Unglücksort hermetisch ab

Viel geholfen hat das nicht. Höfliche, aber auch kompromisslose Angehörige der Feldgendarmerie riegelten alle Zufahrtswege hermetisch ab. Nur aus sehr großer Entfernung konnte man erkennen, dass hier eine Militärmaschine heruntergekommen war. Das Jagdflugzeug vom Typ Phantom hatte es in sämtliche Einzelteile zerlegt, die sich über die Weiden verteilten. Zahlreiche Bauteile waren auch in der Stör versunken. Der Kollege von der damals noch selbstständigen Wilsterschen Zeitung hatte am Ende die besseren Bilder. Auch ihn ließen die Militärpolizisten zwar nicht passieren. Er kannte aber noch den letzten Schleichweg.

Am nächsten Morgen erfuhren dann auch die Zeitungsleser, was genau passiert war. Laut ersten Augenzeugenberichten sollen drei der amerikanischen Mehrzweckflugzeuge eine Art Luftkampf geübt haben. Das kam in jener Zeit öfter vor. Es herrschte noch Kalter Krieg. Die Elbe diente den Piloten als wichtige Markierung. Eventuell sei es dabei zu einer Berührung gekommen, so mutmaßte man. Eine der im westfälischen Rheine-Hopsten stationierten Phantom des Jagdbombergeschwaders 36 sei dann wohl abgestürzt. Die beiden Insassen, ein Oberleutnant und ein Leutnant, kamen ums Leben. Es war damals der 21. Absturz eines der als sehr sicher geltenden Düsenjäger.

Weitere Informationen gab es von offizieller Seite nicht. Die Bundeswehr verhängte einfach eine Nachrichtensperre. Lediglich einige Augen- und Ohrenzeugen kamen zu Wort – so wie Alwin Andres als Bediensteter im Sperrwerk. „Wir dachten, es fallen Bomben“, zitiert ihn die Rundschau. Der mit großer Ortskenntnis ausgestatteten Wilsterschen Zeitung konnte man noch entnehmen, dass die Familien Kienitz und Beiser nur um Haaresbreite an einer Katastrophe vorbeigeschrammt seien. Sie waren seinerzeit die Bewohner zweier landeseigener Einfamilienhäuser unmittelbar im Bereich der Unglücksstelle. Für den Aufmacher auf der Titelseite unserer Zeitung reichte der Absturz übrigens nicht. Die wurde von der Falklandkrise und einer massiven Kritik Herbert Wehners an der FDP beherrscht. Bemerkenswert aus heutiger Sicht auch eine weitere Topmeldung in der Rundschau-Ausgabe vom 4. Mai 1982, nach der die Bundesbank die Leitzinsen auf 9 Prozent (!) senkte.


Ein Gerichtsurteil mit weitreichenden Folgen

Für die weitere Diskussion um die Sicherheit von Kernkraftwerken spielte das Unglück aus dem Jahr 1982 keine Rolle. Ohnehin galt nach amtlicher Einschätzung der Brokdorfer Meiler als stabil genug, um einer Phantom standhalten zu können. Bei älteren Anlagen legte man in den Genehmigungsverfahren übrigens noch den theoretischen Aufprall eines deutlich leichteren Starfighters zugrunde.

Dennoch blieb das Thema Flugzeugabstürze bis heute aktuell. Von später errichteten Anlagen wird denn auch erwartet, dass sie einem Passagierjet der Größenordnung eines A 380 standhalten können. Das Thema beschäftigte Jahre später die Gerichte. Ein Brunsbütteler Ehepaar kämpfte zehn Jahre lang juristisch gegen die Baugenehmigung für ein atomares Zwischenlager an. Zur Überraschung der Betreiber bestätigten die Bundesrichter mit ihrem Urteil die Aufhebung der Genehmigung für das Standortzwischenlager in Brunsbüttel durch das Oberverwaltungsgericht (OVG) Schleswig im Juni 2013. Damit wurde der Anwohnerklage stattgegeben, die einen unzureichenden Schutz der Anlage vor terroristischen Angriffen befürchtete. Die Genehmigung aus dem Jahr 2003 enthalte Ermittlungs- und Bewertungsdefizite, so urteilten die Schleswiger Richter. So sei auch bei der Untersuchung der Folgen eines Angriffs mit panzerbrechenden Waffen nur ein älterer Waffentyp aus dem Jahr 1992 berücksichtigt worden. Dabei könnten modernere Waffen größere Zerstörungswirkung haben. Diese Einschätzung sei nicht zu beanstanden, so das Bundesverwaltungsgericht. Zudem hatte Schleswig gerügt, dass es das Bundesamt für Strahlenschutz versäumt habe, Folgen des Absturzes eines Airbus A  380 auf das Zwischenlager zu ermitteln, obwohl die erforderlichen Daten vorgelegen hätten.

Wie sensibel das Thema Flugzeugabsturz und Kernenergie bis heute ist, wurde in Brokdorf erst vor wenigen Wochen deutlich. Mitten hinein in eine Protestblockade vor dem Tor der Anlage platzte ein so genannter Renegade-Alarm. Weil der Funkkontakt zu einem Passagierjet im thüringischen Luftraum abgebrochen war, schlugen die Behörden Alarm, und alle Mitarbeiter mussten das Kraftwerksgelände verlassen. Das Thema kocht sicher auch am 23. April noch einmal hoch. Dann rufen Atomkraftgegner zur Protest- und Kulturmeile am Kraftwerk auf.

zur Startseite

von
erstellt am 24.Apr.2017 | 15:59 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen