Personenbeförderung in Itzehoe : „Das Nachtgeschäft ist quasi tot“

Er kennt Itzehoe wie seine Westentasche: Jürgen Volkmann weiß genau, wo jede der 330 Straßen in der Kreisstadt liegt.
Er kennt Itzehoe wie seine Westentasche: Jürgen Volkmann weiß genau, wo jede der 330 Straßen in der Kreisstadt liegt.

Immer weniger Taxen werden nach 18 Uhr benötigt – Nachtschicht für Fahrer auf dem Prüfstand.

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09. Mai 2018, 05:00 Uhr

In unsere Serie stellen wir Menschen vor, die nachts arbeiten. Heute: Der Taxifahrer Jürgen Volkmann von Taxi Völker arbeitet im Wechsel Tag und Nacht. Die Nachtschicht beginnt um 18 Uhr und endet um 6 Uhr. Autofahren könnte er zwar 24 Stunden lang, sagt Volkmann – zur Arbeit kommt er jedoch lieber mit dem Rad.

Herr Volkmann, wo wollen die meisten Taxigäste nachts in Itzehoe hin?

Jürgen Volkmann: Ganz ehrlich? Nach Hause. Das Nachtgeschäft an sich hat sehr abgenommen. Es ist quasi tot. An Silvester vor fünf Jahren standen nachts um drei im Bermuda Dreieck noch 500 Leute. Dieses Jahr hat die letzte Kneipe um zwei zugemacht. In Itzehoe war diese Entwicklung eine schleichende.

Sehen Sie eine Verbindung von Gastronomie und Taxigewerbe?

Eine Kneipenlandschaft ist ja auch ein Spiegelbild davon, wie gut es der Gesellschaft geht. Viele können sich das nicht mehr leisten, deshalb ist entsprechend weniger los. Natürlich wirkt sich diese Entwicklung auch auf das örtliche Taxigewerbe aus.

Lohnt sich das dann überhaupt noch?

Laut meinem Chef fahren wir in den Nachtschichten eine schwarze Null ein. Wir nennen die Nachtschichten von Sonntag bis Mittwoch „Hungerschichten“, da sie nicht kostendeckend sind. Meine Chefs betrachten diese Schichten als Service für die Kunden.

...und wenn dann noch dazu kommt, dass ein Fahrgast nicht bezahlen kann?

Das geht natürlich gar nicht.

Erzählt man solche Geschichten weiter?

Nein, denn Diskretion im Taxi gehört dazu. Itzehoe ist ein Dorf und jeder kennt jeden, deshalb behalten wir so etwas für uns.

Muss man in so einer Stadt auch nachts Angst als Taxifahrer haben?

Die Angst fährt im Nachtgeschäft mit. Wir haben aber die Anweisung nicht jeden Gast zu befördern, der uns suspekt erscheint. Bestimmte Großveranstaltungen müssen wir auch nicht anfahren, weil das Risiko dort einfach zu groß ist.

Können Sie denn überhauptauch mal abends in die Kneipe gehen?

Klar, am Wochenende. Unter der Woche mache ich tagsüber nicht viel, wenn ich Nachtschicht habe, denn ich muss abends wieder fit sein. Mit Streichhölzern durch die Gegend fahren, um die Augen aufzuhalten – das geht nicht.

Haben ihre Freunde und Familie Verständnis dafür?

Meine Freunde arbeiten alle am Tag. Die wissen, dass ich Taxifahrer bin und dass ich nachts arbeite. Meine Frau hat mich so kennengelernt, als Taxifahrer und akzeptiert das. Da rüttele ich auch nicht dran.

Und wie viel Mal muss man rütteln, um sie nachmittags wach zu kriegen?

Gar nicht, ich stehe um 15 Uhr auf und esse dann erst mal Mittag.

Bringt das den Biorhythmus nicht total durcheinander?

Nein, das geht eigentlich. Der Körper gewöhnt sich bei unserem Schichtsystem erst gar nicht an das nachts arbeiten. Jeder hat seine Mittelchen wie man sich in der Nachtschicht wach hält. Manche Fahrer trinken viel Kaffee – bei mir wirkt der aber nicht mehr als Wachmacher.

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