Musikalische Wilstermarsch : Das musikalische Herz von Wilster

Ein Berg von Noten und immer ein Instrument griffbereit: Gustav Hintz, das musikalische Multitalent aus Wilster.
Ein Berg von Noten und immer ein Instrument griffbereit: Gustav Hintz, das musikalische Multitalent aus Wilster.

Gustav Hintz spielt seit frühester Jugend und tritt auch 82-jährig gerne noch auf – am liebsten mit Saxophon und Klarinette.

shz.de von
14. August 2018, 05:00 Uhr

Das musikalische Herz der Stadt Wilster schlägt am Kohlmarkt. Dort ist Gustav Hintz zuhause. Gleich mehrfach in der Woche schallt aus dem unscheinbaren Gebäude, einem ehemaligen Elektrogeschäft, Live-Musik durch die Straße – mal klassisch, mal jazzig. Immer aber hochprofessionell. Hier spielt der 82-Jährige mit Musikfreunden in unterschiedlichen Besetzungen zum Teil seit Jahrzehnten Stücke aus einem umfangreichen Repertoire.

Einem breiteren Publikum ist Gustav Hintz durch seine Auftritte in der St. Bartholomäus-Kirche, vor allem aber durch seine kleine Swingband „Die Evergreens“, die auch ab Herbst wieder regelmäßig zum Tanz aufspielen wird, bekannt geworden. Dabei lässt sein beruflicher Werdegang zunächst gar keine musikalische Ader vermuten. Hintz hat lange Jahre als Rechtspfleger gearbeitet. Zur Musik kam er allerdings schon in sehr jungen Jahren.

Gustav Hintz wurde 1935 in Polen geboren – als Nachfahre von Einwanderern, die zu Zeiten von Katharina der Großen ins Land gekommen waren. 1939 wurde er aus dem damals von Russland besetzten Teil ausgewiesen, sechs Jahre später musste er mit den Geschwistern im Pferdewagen fliehen, kehrte aber zurück und kam in einem Sammellager für Kinder unter. „Ich fühlte mich als Pole und wurde auch so behandelt“, hat er nur gute Erinnerungen an jene Zeit, die er gerne auch jüngeren Generationen nahe bringt, so als regelmäßiger Gast beim Zeitzeugen-Projekt an der Gemeinschaftsschule Wilster.

Seine musikalische Karriere begann schon Ende der 1940er Jahre. „Damals wurde eine Blaskapelle gebildet und ich habe mich gemeldet. Der Kapellmeister teilte mir die Klarinette zu“ – bis heute eines seiner Lieblingsinstrumente. „Ich habe gerne geübt und auch schnell begriffen“, erinnert er sich. Sein Talent blieb nicht unbemerkt. Hintz durfte auf ein Musik-Gymnasium, machte dort seine polnische Matura. Eine Karriere als Musiker schien vorprogrammiert. Dann kam es zur Familienzusammenführung.

Die Mutter lebte bereits in Wilster, der DRK-Suchdienst brachte beide wieder zusammen. Kurz nach der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Posen wechselte Gustav Hintz in seine jetzige Heimat – und machte nahtlos an der Hamburger Musikhochschule weiter. Mit dem Abschluss 1961 dann die Erkenntnis: „Ich wusste, dass es als Musiker nicht einfach ist, ein Auskommen zu sichern.“ Gustav Hintz wurde Rechtspfleger am Amtsgericht Altona, zuletzt arbeitete er am Landesrechnungshof. Aber auch da ließ ihn die Musik nicht los. „In Altona gab es ja Steinway und einen sehr großen Notenladen. Und so wurde Musik zu meinem schönsten Hobby.“

Er lernte immer wieder andere Menschen mit Freude am gemeinsamen Musizieren kennen, widmete sich der Kammer- ebenso wie der Tanzmusik. „1969 hatte ich meinen ersten Auftritt im Rathaus Wilster.“ 30 Jahre lang gab es diese Rathaus-Konzerte. „Mit dem Wegfall des Buß- und Bettages sind die leider eingeschlafen“, bedauert er.

Sein Terminkalender ist dennoch immer noch voll. „Dienstags treffen wir uns je nach Verabredung zum Saxophon-Quartett, mittwochs sind die Evergreens dran“, listet er auf. Und zwischendurch üben in seinem Haus auch noch die „Hot Doc’s“ – eine Jazz-Kapelle. Und dann gibt es noch eine Streichergruppe. „Weil ich ja einen so großen Notenvorrat habe.“

Wie Hintz selbst sind auch alle seine Mitstreiter in die Jahre gekommen. „Wir haben bei den Evergreens auch einen jungen dabei, der ist aber auch schon Jahrgang ’51“, fügt Gustav Hintz schmunzelnd hinzu.

Fragt man den musikalisch sehr breit aufgestellten Senior, der außer mit Klarinette und Saxophon auch mit Block- und Querflöte, Fagott und Oboe vertraut ist, nach seinen musikalischen Vorlieben, kommt spontan der Name Glenn Miller. „Den habe ich schon in meiner Jugendzeit in Polen geliebt.“

Die lebenslange Liebe zur Musik hat Gustav Hintz auch an seine Kinder weitergegeben. Die Tochter (52) hat Musik studiert, der Sohn (49) zwar Mathematik, musiziert aber nebenbei. „Die sind viel begabter als ich“, sagt der Wilsteraner bescheiden. Bei seiner Leidenschaft für die Musik dürfte er aber nur schwer zu übertreffen sein.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen