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Jubiläum : „Das Itzehoer Wochenblatt nützt uns mehr als eine Armee“

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

In bewegten Zeiten erschien 1817 die erste Ausgabe des Itzehoer Wochenblattes, aus dem später die Norddeutsche Rundschau hervorging. 1840 drohte dem jungen Blatt bereits das Verbot.

Vor 200 Jahren wurde die Norddeutsche Rundschau gegründet – von einem 22-jährigen Buchdruckergehilfen. Zunächst unter dem Namen Itzehoer Wochenblatt war es ein schmales Blättchen: Der gebundene gesamte Jahrgang 1818 hat eine Buchrückenhöhe von 17 Zentimeter und wiegt mit seinen 440 Seiten in 52 Ausgaben gerade einmal 245 Gramm. Politisch hatte die Zeitung schon wenige Jahre später erheblich mehr Gewicht.

Ende März 1817 traf der junge Peter Samuel Schönfeldt zu Fuß von Husum kommend in Itzehoe ein, um sich dort selbstständig zu machen. Der gebürtige Hamburger hatte 1813 in der Hansestadt eine Buchdruckerlehre abgeschlossen und anschließend bei der Meylerschen Druckerei in Husum gearbeitet. Nun hatte er sich ein Königliches Privileg zum Betrieb einer Buchdruckerei in Itzehoe erteilen lassen. Persönlich stellte er sich bei Itzehoes Bürgermeister Detlef Heinrich Rötger vor und beantragte die Aufnahme in die Bürgerrolle, das heißt in die Liste derjenigen, die Bürgerrechte besaßen. Ein Vierteljahr später, am 5. Juli 1817, gab er die erste Nummer des von da an wöchentlich erscheinenden Itzehoer Wochenblattes heraus.


Unterstützung durch Probst Hudtwalcker

Ohne Unterstützung örtlicher Honoratioren wäre dies nicht ohne Weiteres möglich gewesen. „Aber Schönfeldt hatte es verstanden, in seiner bescheidenen, doch vertrauenerweckenden Weise sich von der ersten Nummer an die Gunst und Mitarbeit eines Mannes zu erwerben, der sich im ganzen westlichen Holstein einer besonderen Popularität erfreute und vor allem in Itzehoe selbst hohes Ansehen genoß“, schrieb der Journalist Emil Pörksen zum 100-jährigen Bestehen des Blattes im Jahre 1917 in der Zeitschrift Die Heimat, „es war der Haupt- und Klosterprediger Konsistorialrat Probst Christian Martin Hudtwalcker.“ Dem Geistlichen sei es auch zu verdanken, dass sich weitere Amtsträger und Intellektuelle schon im ersten Jahr des Wochenblattes mit kleinen freiwilligen Beiträgen beteiligten. Unter ihnen waren der weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Itzehoer Schriftsteller Johann Gottwerth Müller, damals schon 74 Jahre alt, außerdem der Privatgelehrte und Lexikograf Hans Schröder aus Krempdorf, der Itzehoer Bürgermeister Rötger und Hudtwalckers Amtsbruder Zachariae.

Der zunächst beschränkte Leserkreis soll sich, schreibt Emil Pörksen, schnell erweitert haben, „daß schon sein zweiter und die weiteren Jahrgänge ein Interesse größerer Kreise bekundeten, wie sie weder die in Glückstadt erscheinende Fortuna noch selbst der Altonaische Mercur hatten aufbringen können.“ Dabei war die 1740 gegründete Fortuna die zweitälteste Tageszeitung Schleswig-Holsteins und der Mercur das Massenblatt in Altona, der damals nach Kopenhagen zweitgrößten Stadt des Königreiches Dänemark.

In den folgenden Jahren gehörten zu den gelegentlichen Mitarbeitern auch der deutsche Dichter und bedeutende Übersetzer Johann Heinrich Voß und der Kieler Arzt und medizinische Schriftsteller Franz Hegewisch. Seit den 1820er Jahren schrieben verstärkt „Lokalberichterstatter“ über auswärtige Ereignisse, etwa in Altona, Hamburg, Flensburg, Gottorf, Heide oder Brunsbüttel. Auch ökonomisch begann das junge Blatt zu florieren: Die zuerst recht spärlich von außerhalb eingehenden Anzeigen mehrten sich.


Leiborgan der Lehrer Schleswig-Holsteins

Mitte der 1820er Jahre dehnte sich die Leserschaft über ganz Schleswig-Holstein aus. Zu den Lesern gehörten die Schullehrerseminare in beiden Landesteilen, „wodurch es dann allmählich zum Leiborgan fast sämtlicher Lehrer Schleswig-Holsteins“ wurde. Als Uwe Jens Lornsen, 1830 zum Landvogt von Sylt ernannt, im selben Jahr seine hochpolitische und patriotische Schrift „Ueber das Verfassungswerk in Schleswigholstein“ herausgab, wurde auch das Itzehoer Wochenblatt in die nationale Bewegung für ein vereintes und unabhängiges Schleswig-Holstein gezogen. Nachdem der dänische König Friedrich VI. in seiner Funktion als Herzog von Holstein im Mai 1831 im dänischem Gesamtstaat die Gründung von Ständeversammlungen als beratende Körperschaft angeordnet hatte, legte das Itzehoer Wochenblatt seine anfängliche politische Reserviertheit ab. Pörksen: „Nun ging ein Rauschen durch die Seiten wie rechtes Lenzwehen.“

Entsprechend wirbt die Zeitung 1832 in ihrer Abonnementseinladung damit, besonders auf „vaterländische Gegenstände und Gemeinwohl betreffende Abhandlungen Rücksicht zu nehmen.“

Auch äußerlich spiegelt sich das verstärkte Aufkommen von Beiträgen wider: Nachdem das Zeitungsformat schon 1825 von Klein-Oktav mit 17 Zentimeter Rückenhöhe – etwa heutiges Taschenbuchformat – auf ein Groß-Quart von fast 40 Zentimeter vergrößert worden war, erhalten nun die Seiten drei statt der bisher zwei Spalten. Als zum 1. Oktober 1835 erstmals die gewählten Holsteinischen Stände, ein erstes Regionalparlament, einberufen wurden, musste Raum für die Flut von Texten geschaffen werden. Der Griff zu kleineren Lettern ermöglichte es, alle möglichen Fragen aus den verschiedenen Kulturgebieten des Landes zu besprechen. So trat das Itzehoer Wochenblatt „wie kein anderes Blatt des Landes“ in die politische Arena ein – und das, obwohl ihm seit seiner Gründung konzessionell die Beschränkung auferlegt war, keine politischen Nachrichten bringen zu dürfen. Ihre Volkstümlichkeit stärkte die Zeitung dadurch, dass sie seit 1838 die Landwirtschaftliche Zeitung für die Herzogtümer Schleswig und Holstein vierzehntägig als Beilage mit übernahm.

Mit dem Tod Friedrichs VI. am 3. Dezember 1839 ging nicht nur eine 31-jährige Regierungszeit zu Ende, es eskalierte auch die schleswig-holsteinische Frage. Für Peter Samuel Schönfeldt war absehbar, dass der öffentliche Diskussionsbedarf weiter zunehmen würde: Für die Erörterung politischer und landesrechtlicher Fragen stand ab 1840 mit einem Itzehoer Wochenblatt im Folio-Format der doppelte Umfang zur Verfügung.


Der erste Redakteur: Karl Lobedanz
 

Eine weitere Neuerung: 22 Jahre nach Gründung wurde 1839 mit dem Untergerichtsadvokaten Karl Ludwig Theodor Lobedanz ein Redakteur eingestellt – wenn auch nur nebenberuflich. Bis dahin hatte Schönfeldt – in Rat und Tat unterstützt durch den 1835 verstorbenen Hudtwalcker – das Blatt selber redigiert. „Was das Itzehoer Wochenblatt in den 40er Jahren an erfreulicher Entwicklung nach verschiedenen Seiten hin aufwies, das hatte es der Bildung dieses Herrn, seiner Einsicht und seinem Geschmack zu verdanken“, urteilt Emil Pörksen 1917 mit Blick auf Lobedanz. Den Einfluss des Presseorgans während der 1840er Jahre beschreibt Wilhelm Beseler, einer der führenden Patrioten Schleswig-Holsteins: „Das Itzehoer Wochenblatt nützt uns mehr als eine Armee!“


Verbot politischer Artikel
 

Da sich die Zeitung zunehmend den Hass der dänischen Regierung zugezogen hatte, blieben deren Sanktionen nicht aus. Nach einer scharfen Verwarnung, auf die Schönfeldt mit einer erneuten Formatvergrößerung reagiert hatte, erging am 6. Februar 1846 durch den Kammerherrn Ludwig Nicolaus von Scheele – übrigens ein gebürtiger Itzehoer – folgender Befehl: „Dem Rathsverwandten Schönfeldt in Itzehoe zu erkennen zu geben, dass er von nun an in das Itzehoer Wochenblatt keine politische Artikel aufzunehmen habe.“ Der Umfang des Wochenblatts musste auf sein vorheriges Format zurückgeführt, die Spaltenzahl von fünf auf vier reduziert werden. Die Folge beschreibt Emil Pörksen: „Eine Maßregel, die im Volk geradezu als ein Schlag ins Gesicht empfunden wurde, im übrigen aber nur dazu angetan war, dieses noch fester an seine Zeitung zu binden und dem Wochenblatt einen umso größeren Einfluss zu sichern.“


Offizielles Organ der führenden nationalen Kreise

Mit den Jahren der Schleswig-Holsteinischen Erhebung 1848 bis 1851, jenem dreijährigen Krieg zwischen der deutschen Bewegung und dem Deutschen Bund auf der einen und dem Königreich Dänemark auf der anderen Seite, begann für das Itzehoer Wochenblatt eine neue Ära. Schönfeldt stellte 1848 erstmals einen hauptamtlichen Redakteur, den Theologen Hermann Wolf, ein. Um dem erhöhten politischen Informationsbedarf Rechnung zu tragen, erschien die Zeitung ab dem 8. April 1848 zweimal wöchentlich.

Während des Krieges erwarb sich die Zeitung derart das Vertrauen der führenden politischen Kreise in den Herzogtümern, dass es zum amtlichen Organ der Provisorischen Regierung und des Oberbefehlshabers der Schleswig-Holsteinischen Armee, des Prinzen Friedrich von Noer, wurde. Auch Herzog Christian August von Augustenburg, der für eine Unabhängigkeit der Herzogtümer von Dänemark eintrat, nutzte das Wochenblatt für seine Verlautbarungen. „Von der einstigen offenen Haltung gegenüber anderen Meinungen blieb kaum etwas übrig, die Zeitung wurde in ihrer Tendenz zum Meinungsblatt“, kritisiert der Historiker Jürgen Ibs in der 1991 erschienenen Itzehoer Stadtgeschichte.

In der 1840er Jahren hatte das Itzehoer Wochenblatt das in Kiel erscheinende Correspondenz-Blatt als meinungsführendes Medium in Schleswig-Holstein abgelöst. Damals belieferte Schönfeldt bis zu 8000 Abonnenten. Sein Geld legte der Verleger auch in der Schifffahrt an. So wurde er – neben dem Itzehoer Bürgermeister Friedrich Johannes Heinrich Rötger und anderen – „Mitdirektor“ der 1839/40 gegründeten Dampfschiffahrts-Gesellschaft.


Verkauf 1851 an Gottfried Pfingsten
 

Nach dem Frieden von Berlin, der den Ersten Schleswig-Holsteinischen Krieg im Juli 1850 beendete und Dänemarks Autorität wieder herstellte, wurde das Wochenblatt am 12. August 1850 im Landesteil Schleswig verboten. Schönfeldt verhielt sich nun vorsichtiger. Um ein Verbot auch in Holstein zu vermeiden, verkaufte er schließlich am 19. Februar 1851 die Zeitung an den Werkmeister seiner Druckerei, Gottfried Josef Pfingsten. Itzehoe verlor in der Folge seine überregionale Bedeutung als Sitz der Ständeversammlung. Das Wochenblatt formulierte aber noch lange seinen landesweiten Anspruch.

 

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erstellt am 24.Apr.2017 | 16:07 Uhr

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