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Zukunftsprojekt : „Das ist eine wahnsinnige Werbung“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Zur Halbzeit des Elbmarschen-Forschungsprojekts Regiobranding ziehen die Koordinatoren positive Bilanz.

shz.de von
erstellt am 28.Feb.2017 | 12:00 Uhr

Mit Workshops im Itzehoer Kreishaus wird heute Abend die zweite Runde des groß angelegten Forschungsprojekts für die Zukunft der Elbmarschen eingeläutet. Unter dem Namen Regiobranding untersuchen Wissenschaftler von gleich drei Universitäten die Besonderheiten der Region. Um die Koordinierung vor Ort kümmern sich aus der Kreisverwaltung Peter Huusmann (Kreisentwicklung) und Beate von Malottky (Denkmalpflegerin). Wir sprachen mit ihnen über die bisherigen Erkenntnisse und die weitere Entwicklung.

Wie fällt die Zwischenbilanz aus?
Peter Huusmann: Die Zwischenbilanz fällt insgesamt positiv aus. In den ersten beiden Projektjahren ging es hauptsächlich darum, sich und die unterschiedlichen Fokusregionen kennenzulernen, die gemeinsamen Projektziele und den Weg abzustecken und aufeinander abzustimmen. Es ist nicht immer ganz einfach, die wissenschaftlichen Forschungsansätze in die Praxis zu übertragen. Für die Wissenschaft ist der akademische Weg wichtig, für uns zählen am Ende die umsetzbaren Ergebnisse. Für dieses Experiment braucht es Vertrauen und Offenheit. Unsere Aufgabe bestand darin, die Vertrauensbasis vor Ort herzustellen, denn das Forschungsvorhaben lebt von den Stimmen und Akteuren in der Region. Das Interesse der Bürger an dem Projekt scheint da zu sein, das belegen die Rückläufe bei der Haushaltsbefragung und die Teilnehmerzahl bei dem Regionalforum.


Was nehmen Sie aus den bisherigen Veranstaltungen und Auswertungen mit?
Huusmann: Am Anfang war schon eine Skepsis spürbar. Kritik gab es auch dafür, dass wir uns auf die Steinburger Elbmarschen beschränkt haben und nicht den ganzen Kreis Steinburg in den Fokus genommen haben. Wir wollten uns auf den Teil des Kreises konzentrieren, wo der Kulturlandschaftswandel aufgrund der Energiewende, des demographischen Wandels und des Strukturwandels der Landwirtschaft am größten ist. Eine wichtige Erkenntnis aus dem bisherigen Projektverlauf ist aber auch, dass man sich für den Beteiligungsprozess Zeit nehmen muss, um Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären. Nur so kann man den Bürger mitnehmen.
Beate von Malottky: Wir sollten es schon nutzen, wenn eine Menge Wissenschaftler sich mit unserer Region beschäftigen. Das ist ja auch eine wahnsinnige Werbung für uns.


Wo sehen Sie vordringlichen Bedarf für Maßnahmen? Und wo sehen Sie konkrete Handlungsmöglichkeiten, die man schon heute anpacken kann?
Huusmann: Die Landwirtschaft spielt eine ganz große Rolle. Sie muss auch für die Zukunft lebensfähig sein, sonst ist die Kulturlandschaft nicht zu halten. Die Weidewirtschaft als ein prägendes Identitätsmerkmal der Elbmarschen wird es in Zukunft nur noch geben, wenn die Landwirte von dieser Bewirtschaftungsform auch leben können. Das spielt jedenfalls eine ganz große Rolle, wenn wir über die Zukunft der Marsch sprechen.

Von Malottky: Ein weiteres wichtiges Thema ist die besondere Hauslandschaft der Elbmarschen mit ihren reetgedeckten Bauernhäusern und Scheunen, die in weiten Teilen aufgrund des landwirtschaftlichen Strukturwandels und Höfesterbens bedroht ist. Auch wenn uns bewusst ist, dass man nicht jeden Hof halten kann, wurden in den Veranstaltungen die Wiederauflage des Reetdachprogramms, aber auch die Förderung von Hartbedeckungen für die Fachhallen- und Barghäuser diskutiert. Die 300 bis 400 Jahre alten Hausgerüste haben sich auf dem weichen Marschboden gut bewährt und sind bei guten Konzepten vielfältig nutzbar. Wir haben festgestellt, dass hier ein großer Diskussionsbedarf besteht.

Huusmann: Im Bereich der erneuerbaren Energien wurden ebenfalls Vermittlungsprojekte vorgeschlagen wie z.B. ein öffentlicher Stromzähler, der die Energieerzeugung des Kreises sichtbar macht. Zudem besteht die Idee, einen Teil der Ausgleichsgelder der Windenergie neben Naturschutzprojekten auch in die Kulturlandschaft zu investieren, zum Beispiel zur Förderung der Dachdeckungen der Bauernhäuser. Das Thema Wasser und die Lage unter dem Meeresspiegel könnten in Zukunft noch stärker das Profil der Region stärken. Durch das Sichtbarmachen in Form von Wassersäulen an der tiefsten Landstelle oder auf dem Marktplatz in Wilster. Hier könnte im Rahmen des Projektes zum Beispiel versucht werden, die Landwirte bei der Vermarktung ihrer Produkte in der Region bzw. Metropolregion Hamburg zu unterstützen, um weniger abhängig von den Weltmarktpreisen zu sein.

Regiobranding kommt bisher ja recht akademisch daher. Wie macht man Zukunftsvisionen einer breiten Öffentlichkeit schmackhaft?
Huusmann: Es geht zunächst darum, die Zukunftsvision für die Elbmarschen gemeinsam mit den Akteuren und den Bürgern zu entwickeln. Dadurch wird diese schon von einer breiteren Öffentlichkeit getragen. Visionen können Menschen verbinden und bewegen etwas in den Köpfen.

Am Ende muss es doch auch um konkrete Maßnahmen und deren Umsetzung gehen. Wie verhindert man, dass die Ergebnisse des Projekts doch wieder sang- und klanglos in Schubladen verschwinden?
Huusmann: Der demographische Wandel, der Strukturwandel in der Landwirtschaft und der Ausbau der erneuerbaren Energien sind aktuelle Themen, die die Menschen zurzeit bewegen und wo sie nach Lösungen suchen. Unser Ziel muss es sein, über Regiobranding die Menschen für die Stärken und Besonderheiten ihrer Region zu begeistern, ihnen die Zusammenhänge und die Komplexität der Probleme und möglicher Lösungsansätze zu erklären. Nur wer sich selbst mag und weiß, was ihm wichtig ist, ist bereit, die Herausforderung von Veränderungsprozessen anzunehmen. Insofern gehen wir davon aus, dass die Menschen aus Eigeninteresse aktiv werden und die Ergebnisse des Projektes für sich nutzen werden.

Nach allem, was man aus den Veranstaltungen und Untersuchungen bisher so mitnehmen kann: Was, denken Sie, wird man in 10 oder 20 Jahren davon auch tatsächlich in der Region wiederfinden?
Huusmann: Der Wandel ist ein Wesensmerkmal von Kulturlandschaften, damit sie sich immer wieder an gesellschaftspolitische Veränderungen anpassen können und damit überlebensfähig bleiben. Von daher werden sich die Elbmarschen in den nächsten 10 bis 20 Jahren ändern, aber es werden weiterhin die Besonderheiten dieser Kulturlandschaft sichtbar sein, weil die Menschen erkannt haben, dass ihnen diese Besonderheiten einen Halt, ein Stück Heimat in der globalisierten Welt geben, und deren Erhalt deshalb lohnenswert ist.

Von Malottky: Meine persönliche Wunschvorstellung ist der Erhalt der Hauslandschaften – und dass sich der Markt in Richtung Hamburg mehr öffnet. Der ländliche Raum mit seiner besonderen Hauslandschaft bietet aufgrund des Ausbaus des Glasfasernetzes individuelle Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten.

Huusmann: Wir müssen eine neue Nutzung für alte Höfe schaffen. Da ist durch eine flächendeckende Versorgung mit Breitbandanschlüssen an individuellen Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten künftig viel machbar.

Von Malottky: Das alles ist aber nur vorstellbar, wenn auf den Weiden auch in der Zukunft noch Kühe stehen.

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