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Glasmalerei : Das Glas wieder zum Leuchten bringen

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Der Glasmalermeister Bernhard Loers restauriert in seiner Werkstatt in Glückstadt-Nord mit viel Leidenschaft alte Kirchenfenster

Konzentriert beugt sich Bernhard Loers tief über eine große Glasplatte, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Mit einem kleinen Messer kratzt er vorsichtig weiße Farbspritzer von der bunten Oberfläche. Es handelt sich um das Fragment eines Buntglasfensters aus der Bonifatiuskirche in Schenefeld. Viele einzelne, farbige Glasscheiben bilden zusammen filigrane Blumenornamente in hellen Gelb- und Grün-Tönen, in der Mitte ist ein Kreuz mit den griechischen Buchstaben Alpha und Omega zu sehen. Dadurch, dass das Fenster-Fragment von unten angestrahlt wird, leuchten die über hundert Jahre alten Farben so intensiv, als wären sie gerade erst aufgepinselt worden. „Ich sitze mit Respekt vor der Arbeit der Künstler vergangener Zeiten“, sagt Bernhard Loers. „Es hat etwas Befriedigendes, das mit der Arbeit meiner eigenen Hände für die Zukunft bewahren zu können.“

Loers übt den seltenen Beruf des Glasmalermeisters aus. In seiner Werkstatt in Glückstadt-Nord restauriert der 54-Jährige umgeben von Skizzen, Pinseln, Federkielen und zahllosen bemalten Glasscheiben vor allem Kirchenfenster. Hier ersetzt er ein brüchig gewordenes Bleinetz, da entfernt er eine Schmutzablagerung. Bei dem Fenster aus der Bonifatuiskirche liegt ein großes Stück Arbeit vor ihm: „Ich nehme die Scheiben ganz aus der Verbleiung und mache sie neu. Auf diese Weise wird dieses Fenster auch hundert weitere Jahre überstehen, in denen es Wind und Wetter ausgesetzt ist.“ Eine Woche benötigt Loers für ein solches Glasfragment, das zusammen mit sechs weiteren Elementen ein Kirchenfenster bildet.

Die Verbleiung zu ersetzen, ist nur ein Teil der Arbeit. Wenn Loers mit einem neuen Kirchenfenster beginnt, reinigt er zunächst die einzelnen Fragmente von Schmutz und Farbresten. „Dabei muss ich sehr vorsichtig sein, damit ich nichts beschädige. Diese Fenster haben zwei Weltkriege überstanden, da sollen sie jetzt nicht durch die Fehler eines Handwerkers zerstört werden.“ Für Loers ist die Restaurations-Arbeit eine gesellschaftliche Pflicht. „Es wäre beschämend, wenn wir in unserer heutigen Zeit, in der wir alles erreichen können, nicht in der Lage wären, die Kulturgüter unserer Vorfahren zu erhalten.“

Fehler in der Verbleiung lötet Loers neu oder ersetzt die Verbleiung, wie im Fall der Bonifatiuskirche, ganz. Wenn Teile des Glases fehlen, macht er sich auf die Suche nach dem richtigen Farbton und bestellt das Glas bei einer Glashütte in der Oberpfalz. „Das ist die einzige Glashütte, die in Deutschland noch mundgeblasenes Echt-Antik-Glas herstellt“, erklärt er. Authentizität ist ihm unglaublich wichtig, die meisten Materialien, Methoden und Werkzeuge die Loers verwendet, wurden so auch schon vor 500 Jahren eingesetzt. „Sie haben sich bewährt“, erklärt er schlicht. Das bunte Glas schneidet der Glasmalermeister auf die richtige Größe zu und trägt die passenden Strukturen mit einer selbst zusammengerührten Schwarzlot- oder Braunlot-Farbe auf. Anschließend wird die Farbe bei 600 Grad eingebrannt.

Seinen Beruf erlernte Loers Ende der 70er Jahre in Köln. Damals leitete sein Vater als Stadtplaner die Sanierung der romanischen Kirchen. Als sein Sohn auf der Suche nach einem handwerklichen Beruf mit künstlerischen Anteil war, brachte er ihn mit den Glasmalerin zusammen, die eng mit der Dombauhütte zusammenarbeitete – „so dass wir an den Restaurierungsarbeiten im Dom beteiligt waren.“

In Zwiesel im Bayrischen Wald absolvierte der Geselle 1985 die Meisterschule. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau Martina kennen, eine Feinoptikerin und gebürtige Glückstädterin. So kam er der Liebe wegen nach Glückstadt und machte sich hier 1992 selbstständig. „Ich fühle mich hier sauwohl, die Stadt ist wunderschön“, sagt er. Seine Frau hilft ihm häufig auch in der Werkstatt, sie ist für die Abdichtung der Fenster mit historischem Leinöl-Kreidekitt zuständig.

Auch wenn Loers noch nie in der Glückstädter Kirche tätig war – „dort gibt es keine Bleifenster“ – ist seine Arbeit doch in zahllosen Kirchen in der näheren und weiteren Umgebung zu finden, wie etwa in Brokdorf, Krempe oder Wilster. Für andere Aufträge muss Loers auch weiter fahren, größtenteils arbeitet er aber in Kirchen in Schleswig-Holstein und Hamburg.

Ihm macht die Arbeit umso mehr Spaß, umso komplexer und filigraner die Bemalung der Fenster ist. Er hat den Anspruch, seine Arbeit genießen zu können – am liebsten ohne Zeitdruck und mit viel Ruhe. Auch wenn das nicht immer möglich ist, so liebt er es, in aller Stille in seiner Werkstatt zu arbeiten, „mit nichts, das mich stört – außer der Nachbarskatze, die manchmal durch das Fenster kommt.“

Bei einer Arbeit, die so sehr auch Leidenschaft ist, bleibt nur wenig Zeit für andere Dinge. „Fahrradfahren ist eigentlich mein einziges Hobby“, sagt Loers. Und auch wenn er mit dem Rad unterwegs ist, oder in den Urlaub fährt, besucht er am liebsten Kirchen – ganz zum Leidwesen seiner 14-jährigen Tochter. „Die schönsten Kirchenfenster habe ich in Chartres gesehen – davon war ich überwältigt, einfach total platt. Das ist eine Pracht und eine Fülle, die haut einen einfach nur um.“ Aber auch in Schleswig-Holstein gebe es viele schöne Kirchenfenster – „die sind eben nur meistens nicht so alt.“

So wie Bernhard Loers es schätzt, in Ruhe seiner Arbeit nachzugehen, so liebt er auch ganz besonders den letzten Schritt bei der Glasbemalung, bei dem die feinen Strukturen, die Schatten in den Gesichtern und Gewandfalten herausgearbeitet werden. Dafür überzieht er die bemalte Glasscheibe mit einer grauen Farbschicht und wischt sie mit einem sogenannten Dachshaarvertreiber überall dort wieder fort, wo er die Verdunkelungen nicht haben will. „Dachshaar ist besonders geeignet, weil Dachse von Natur aus Spliss haben – das macht die Haare noch feiner“, erklärt er und beugt sich wieder über seine Arbeit, um noch mehr Authentizität und Detailtreue in das Glasfragment zu bringen.

 

 

 

 

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