Archivarin im Amt : Das Gedächtnis der Wilstermarsch

Sorgt dafür, dass wichtige Dokumente der Nachwelt erhalten bleiben: Karin Schröder im Amt Wilstermarsch.
Sorgt dafür, dass wichtige Dokumente der Nachwelt erhalten bleiben: Karin Schröder im Amt Wilstermarsch.

Karin Schröder verwaltet seit 17 Jahren das Amtsarchiv in Wilster – und weiß, wie die Verwaltung Dokumente für die Nachwelt sichert.

shz.de von
25. Juli 2018, 04:57 Uhr

Das Protokoll einer Gemeinderatssitzung aus dem Jahr 1956 ? Für Karin Schröder ist das nicht viel mehr als ein Handgriff. Die 63-Jährige weiß genau, wo sie suchen muss. Seit 17 Jahren verwaltet sie das Archiv der Amtsverwaltung Wilstermarsch und ist damit sozusagen für das Gedächtnis einer Region mit 14 Gemeinden und den dort lebenden Menschen zuständig. Dabei ist sie von Hause aus gar keine Archivarin, sondern Verwaltungsfachangestellte. Einige Lehrgänge mussten damals reichen. „Schriftgut erfassen, erschließen, ordnen und nutzbar machen“, fasst sie ihre Arbeitsweise mit wenigen Worten zusammen. „Man braucht einfach nur ein gutes Suchsystem – dann kann man loslegen.“

In gewisser Hinsicht ist das Amtsarchiv in seiner jetzigen Form ein Auslaufmodell. In einigen Jahren wird es wohl komplett auf die Sammlung nur noch digitaler Daten umgestellt sein. Im Moment geht am Papier aber noch kein Weg vorbei. Berge davon liefern regelmäßig die einzelnen Abteilungen bei ihr ab. Karin Schröder entscheidet, was aufgehoben werden soll – und was nicht. „Die Verwaltung war eigentlich immer recht ordentlich“, lobt sie ihre Kollegen. In diesen Wochen kommt aber wohl noch zusätzliche Arbeit auf sie zu, weil es in zahlreichen Gemeinden einen Bürgermeisterwechsel gegeben hat. „Da werden einige wohl erst einmal ausmisten.“

Neben den amtlichen Dokumenten, Protokollen und Haushaltsplänen aus den Gemeinden und auch von vielen Verbänden, landet aber auch so manches Kleinod im Dachgeschoss des Verwaltungsgebäudes. So stehen im Regal die Kriegsaufzeichnungen des früheren Dammflether Wehrführers Albert Hellerich, der die Jahre 1941 bis 1945 penibel für die Nachwelt aufbereitet hat – einschließlich Originalpapieren, Bildern und Auszeichnungen bis hin zum Entlassungszeugnis. Oder eine Zeitungsbeilage aus dem Jahr 1973, in der von Wilster als „der aufstrebenden Stadt an der Westküste“ geschwärmt wurde. Geschriebene oder gedruckte Hinterlassenschaften des Familienvereins oder des Hebammenverbandes sind ebenfalls wahre Fundgruben. „Das spiegelt auch das gesellschaftliche Leben in der Wilstermarsch wieder“, freut sich Karin Schröder über das archivierte Salz in der sonst eher amtlich-trockenen Suppe.

Tatsächlich werden längst vergessen geglaubte Schriftstücke auch immer mal wieder gebraucht. Mitunter will die Verwaltung selbst noch einmal wissen, wie ein altes Bauprojekt eigentlich zustandegekommen ist. Oder es melden sich Familienforscher auf der Suche nach ihren Vorfahren. Umso schwerer fällt Karin Schröder auch die Entscheidung, was letztlich archivwürdig ist. So sollten einmal sämtliche Akten rund um das frühere Wilsteraner Klärwerk in den Papiermüll. „Nix da. Das wird aufgehoben“, entschied sie. Wie schnell dann doch mal etwas gebraucht wird, merkte sie, als Unterlagen im Zusammenhang mit Kriegerdenkmälern gesucht wurden. Die waren bei der Ämterzusammenlegung vor fast 50 Jahren unter die Räder gekommen. „Jetzt gibt es nur noch das, was auf den Steinen steht.“

Auch wenn jetzt die Digitalisierung im Amtsarchiv vor der Tür steht: All das, was Karin Schröder gesammelt und geordnet hat, wird wohl auf Dauer erhalten bleiben. „Die werden sicher nicht nachträglich digitalisiert“, hält sie den Aufwand für kaum vertretbar. Ohnehin ist Papier aus ihrer Sicht viel sicherer. „Wer weiß, ob das mit den Systemen in 30 Jahren noch lesbar ist. Bei Papier sind 500 Jahre nix.“ Zudem sind sämtliche Papiere in speziellen Archiv-Kartons untergebracht, die zersetzende Säure neutralisieren sollen. So wird das papierene Gedächtnis der Gemeinden wohl auch noch in 100 oder 200 Jahren nachlesbar sein. Und vielleicht steht in der Ecke dann ja noch die Fahne des längst ausgeklungenen Kudenseer Gesangvereins.


In einer unserer nächsten Ausgaben lesen Sie, wie das Amt sich in eine digitale Verwaltung verwandeln will.

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