Büttel : Das fast verschwundene Dorf

Treffen sich noch immer regelmäßig – fünf Ur-Bütteler, die heute in Wilster und Nortorf leben: Uwe Maaßen, Magda Kalinna, Linda Maaßen sowie Telsche und Siem Schrade.  Fotos: Mehmel/Dorfchronik
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Treffen sich noch immer regelmäßig – fünf Ur-Bütteler, die heute in Wilster und Nortorf leben: Uwe Maaßen, Magda Kalinna, Linda Maaßen sowie Telsche und Siem Schrade. Fotos: Mehmel/Dorfchronik

Wenn die Gemeinde Büttel morgen ihr 700-jähriges Bestehen feiert, denken ehemalige Einwohner wehmütig an alte Zeiten zurück.

shz.de von
13. September 2018, 10:19 Uhr

„Im Dorf war immer ordentlich was los.“ Uwe Maaßen muss es wissen. Er ist in Büttel aufgewachsen, hat bis Ende der 1970er Jahre dort gelebt. Damals zählte die Gemeinde an der Elbe noch fast 700 Einwohner. Übrig geblieben sind 40. Alle anderen mussten den ehrgeizigen Plänen für ein Industriegebiet weichen. Die Wohnhäuser und auch viele stattliche Höfe wurden plattgemacht. Von 225 Hofstellen und Wohngebäuden blieben damals nur 17 stehen. Viele der Einwohner zogen nach Wilster oder Brunsbüttel oder wurden in alle Winde verstreut. Und auch bei Uwe Maaßen sind nur noch die Erinnerungen lebendig.

„Mein Elternhaus stand in Nordbüttel. Ich habe im Altenteil gewohnt, gleich neben der Bäckerei Krützfeldt“, blickt der heute 75-Jährige zurück. „Wir waren sehr verwachsen mit der Gemeinde und es gab einen sehr großen Zusammenhalt.“ Dafür sorgte allein schon die Vielzahl der Vereine. Neben der freiwilligen Feuerwehr trafen sich die Bütteler bei den Schützen, im Gesangverein oder im Kegelclub. „Jeder kannte jeden – mit all seinen Macken“, denkt Maaßen gerne zurück. Die wenigen Ur-Bütteler treffen sich noch heute im „Elbkrug“, der als einziges von einst zahlreichen Gasthäusern im Dorf stehen geblieben ist. Dort werden auch noch immer Geburtstage gefeiert. Und selbst zu Dienstabenden der längst mit dem benachbarten St. Margarethen verschmolzenen Feuerwehr rücken die alten Bütteler Kameraden noch gerne an.

Präsent sind vor allem noch die Jahre, in denen das Dorf fast vollständig von der Landkarte verschwand. Erst hatte man den Einwohnern noch 15 Jahre Zeit zur Räumung gegeben, dann musste alles plötzlich in sechs Jahren abgewickelt werden. „Die eingefleischten Bütteler konnten das nicht alle verknusen. Schließlich wurden ja auch Bekannten- und Freundeskreise auseinander gerissen“, weiß Maaßen. Mit den Baggern, so erinnert er an düstere Zeiten, seien auch die Plünderer gekommen, die nicht einmal vor noch bewohnten Häusern halt gemacht hätten.

Ob es da keine Proteste gegen die Zwangsumsiedelung gegeben habe? „Wir konnten uns ja nicht wehren und haben uns in unser Schicksal ergeben.“ „Schön war die Stimmung damals nicht“, erinnert sich mit Siem Schrade ein weiterer Ur-Bütteler an die rund 40 Jahre zurückliegende Zeit. Immerhin: Vor allem die Landwirte seien ja gut entschädigt worden. Für einige mit ihren oft zu kleinen Höfen sei das wohl sogar die Rettung gewesen. „Es gab aber auch eine Bürgerinitiative. Und manch einer hat geklagt“, wirft Siem Schrade noch ein. Die Wohnhäuser seien damals nach Schätzwert entschädigt worden. Dazu gab es zinslose Kredite. So ist dann auch der heute 79-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Telsche zu einem neuen Domizil in Wilster gekommen. „Als Mieter bekam man auch noch Gardinengeld und den Umzug bezahlt“, so Maaßen. Allerdings habe man auch „um jeden Knopf kämpfen müssen“.

Wie ihre Westentasche kennt auch Magda Kalinna den fast verschwundenen Ort. Ihre Eltern betrieben den weithin bekannten Gasthof Rusch, der nicht nur mit eigener Landwirtschaft verbunden war, sondern auch mit Kohlen-, Butter- und Käsehandel sowie mit dem Verkauf von Kolonial- und Eisenwaren. 1955 war noch die Tankstelle hinzugekommen. Die Tankstelle ging später in andere Hände über, die Gaststätte wurde von der Gemeinde übernommen. „Umstrittene Industrieansiedlungen haben das einst blühende Dorf ausgelöscht“, heißt es wehmütig am Ende der Dorfchronik, die nun am Sonnabend mit einer 700-Jahr-Feier aber dennoch fortgeschrieben wird.

Nur das mit dem Jubiläumsjahr kann Magda Kalinna sich nicht so recht erklären. In der von ihr mitarbeiteten dicken Chronik von 1989 ist Büttels Ersterwähnung noch auf das Jahr 1331 datiert. Aktuellere Erkenntnisse förderten dann das Jahr 1318 zu Tage.

„Uns ist das recht“, sagt Magda Kalinna schmunzelnd. So viele echte Bütteler gibt es schließlich auch nicht mehr. Uwe Maaßen hätte aber auch mit einem Jubiläum im Jahr 2031 kein Problem. „Dann feiern wir eben nochmal.“ Und fürs Feiern, so weiß er, fanden die Bütteler in ihrer langen Geschichte immer einen Anlass.

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