Handwerker-Fest : Das Ende der Männergesellschaft

Rauchen die Tonpfeife: (v.l.) Peter Labendowicz, Mark Helfrich und der ehemalige Kreispräsident Friedrich Tiemann.
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Rauchen die Tonpfeife: (v.l.) Peter Labendowicz, Mark Helfrich und der ehemalige Kreispräsident Friedrich Tiemann.

Große Mehrheit spricht sich dafür aus, dass traditionelle Fest der Handwerker in Glückstadt für Frauen zu öffnen.

shz.de von
01. März 2017, 05:00 Uhr

Seit 159 Jahren gibt es bereits den „Handwerkerstammtisch Grogkeller von 1858“, er ist damit die älteste noch existierende Vereinigung in Glückstadt. Die ehemalige Gaststätte „Grogkeller“ am Fleth war das Gründungslokal, inzwischen tagt der Stammtisch im „Anno 1617“. Und die Mitglieder legen großen Wert auf ihre Traditionen. Eine davon ist das Fest der Handwerker am Rosenmontag als reine Männerveranstaltung. Damit könnte bald Schluss sein. Sprecher Klaus Kühn fragte die Teilnehmer: „Ich bin der Meinung, dass sollten wir ändern.“

Er ließ die Besucher für ein Stimmungsbild abstimmen. Die große Mehrheit sprach sich bei fünf Gegenstimmen dafür aus, auch Frauen zuzulassen. Hintergrund der Abstimmung war die konsequente Absage von Bürgermeisterin Manja Biel: „Solange keine Frauen zugelassen sind, komme ich nicht.“

Die Mitglieder des Stammtisches werden nun im Laufe des Jahres eine Entscheidung treffen. Immerhin war eine Frau anwesend: Elke Heist spielte das Akkordeon im Shanty Chor „De Molenkieker“. Das Thema wurde ausgiebig an den Tischen diskutiert und Joachim Klindt und Heinrich Pollmann waren sich einig. Ziegelei-Besitzer Heinrich Pollmann: „Diese Tradition ist nicht mehr zeitgemäß. In vielen Bereichen des Handwerks sind Frauen heute die Leistungsträgerinnen. Das würde der Veranstaltung noch mal neuen Schwung geben.“

Pünktlich um 18 Uhr hatte Klaus Kühn das Fest der Handwerker mit dem Satz „Gott schütze das ehrbare Handwerk“ eröffnet. Frank Ostmann öffnete mit drei Hammerschlägen die Handwerkslade und eine fröhliche Feier begann. Beim „Ehrentrunk auf die ehrbare Gesellschaft“ ging der große Bierkrug durch die Reihen. Der Shanty Chor umrahmte das gesellige Treiben mit seinen Liedern und bei „Glückstädter Matjes“, „La Paloma“ und „Den schönsten Frühling sehn wir wieder“ sangen alle Anwesenden kräftig mit.

In seinem Grußwort betonte Kreispräsident Peter Labendowicz, dass er aus der karnevalsfreien Zone Ostwestphalen stamme und auch deshalb „ins norddeutsche Exil geflüchtet sei, um dieser Seuche zu entgehen.„ Aber der Virus hat auch hier einen Nährboden, inzwischen sind wir schon Beobachtungsgebiet.“ Und Bundestagsmitglied Mark Helfrich (CDU) ergänzte: „Auch in Berlin macht sich die Seuche breit.“ Er wünschte dem Handwerk einen goldenen Boden und talentierten Nachwuchs. Bürgervorsteher Paul Rohloff erzählte ein paar Döntjes und Sprecher Klaus Kühn wies darauf hin: „Dies ist kein Karneval, sondern das Fest der Handwerker.“

Zu den Ritualen dieses Festes gehört auch der Punkt „Umfrag un Oplag“. In plattdeutsch fragte Klaus Kühn: „Mit Gunst un Verlööv in disse ehrbare Gesellschopp, hett een watt vörtobringen?“ Da meldete sich Herbert Matys und bemängelte, dass Frank Ostmann im vergangenen Jahr die Handwerkslade nicht standesgemäß geöffnet hat. Dafür musste Ostmann ein Strafgeld in den Spardosen-Zylinder stecken.

Im Tagesordnungspunkt Ehrungen bedankte sich Klaus Kühn bei drei langjährigen Mitgliedern des Shanty Chores. Karl-Heinz Müller, Hannes Wehde und Jürgen Lentfert erhielten eine Urkunde für ihre 40-jährige Mitgliedschaft bei den Molenkiekern und ihrer langjährigen Teilnahme am Handwerkerfest.

Nach dem Verteilen der Tonpfeifen wurde beim Lied „Een Piep Tabak“ das Lokal auch von passionierten Nichtrauchern kräftig verqualmt, sodass einige Teilnehmer nur noch hinter einer grauen Wolke zu erahnen waren. Bei dem anschließenden geselligen Teil berichtete Herbert Matys von den Anfängen der Stadtgeschichte und den Geldsorgen. „Für den Deichbau, die Kirche und das Rathaus mussten die Umlandgemeinden das meiste Geld aufbringen.“ Manfred Bittrich erntete viele Lacher, als er typisch norddeutsche Eigenarten beschrieb: „Regen ist erst, wenn die Heringe auf Augenhöhe vorbeischwimmen. Und Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben.“ Bezogen auf die Handwerker meinte er: „Wenn ein norddeutscher Handwerker „Oha“ sagt, dann lässt es sich meistens noch reparieren. Sagt er aber „Ohhauaha“, dann wird es richtig teuer.“

Klaus Kühn nahm die Verwaltung aufs Korn. Jetzt, wo er nicht mehr bei der Stadt beschäftigt sei, könne er den Mund ja weiter aufmachen: „Ich habe nichts gegen Beamte – die tun doch nichts. Und im Rathaus ist es immer so dunkel, weil das Licht über Bewegungsmelder angeschaltet wird.“ Er stellte die Frage, was die Frau sagt, wenn ihr beamteter Mann mit einem blauen Auge nach Hause kommt: „Na, bist du wieder auf dem Stempelkissen eingeschlafen?“

Mit weiteren witzigen Geschichten von Walter Protz, Hannes Wehde und Hans Mester schloss diese gemütliche Männerrunde. Aber vielleicht wird sich der Ton im nächsten Jahr ändern.

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