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Typographie aus Steinburg : Das Alphabet des Michael Herold

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"Times New Roman" und "Arial" bekommen Konkurrenz: Ein Steinburger erfindet die neue Schriftart "Lamont".

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erstellt am 20.Mär.2010 | 05:01 Uhr

heiligenstedten | Als ein britischer Steinmetz im Jahre 1834 feinsäuberlich die Worte "In memory of Norman Lamont, Member of Parliament for the City of Wells" in eine graue Grabplatte meißelte, konnte er nicht ahnen, dass 172 Jahre später eben diese Zeichen einen Steinburger zu einer neuen Schriftart inspirieren würden. Doch drei Jahre nach seinem Spaziergang im Innenhof der Kathedrale von Wells und rund 700 Stunden Arbeit später, hatte Michael Herold, 44, Grafikdesigner aus Itzehoe, sie erschaffen: Die "Lamont", eine Schriftart, "die ganz besonders gut lesbar ist und diese klaren Rundungen hat", schwärmt der Typograph.

Begonnen habe er ganz klassisch am Zeichenbrett; auf die Bleistiftzeichnungen folgte die Arbeit mit einem speziellen Computerprogramm, um den einzelnen Buchstaben ihre endgültige Form zu geben. Alle Schriftzeichen müssen dabei demselben System folgen: jeder Bogen, jeder Winkel und Strich muss genau berechnet und angepasst werden, die Proportionen müssen stimmen und die Abstände zwischen den Buchstaben ebenfalls. Und außerdem: "Eine Schrift, das ist mehr, als nur 26 Buchstaben", so Michael Herold. Alle wiederkehrenden Zeichen vom Apostroph über Klammern, Anführungszeichen, Symbole für Lire, Pfund, Euro, bis hin zu sämtlichen mathematischen Zeichen gehören dazu. Damit die Schrift auch für Ost-, Nord- und Südeuropäer verwendbar ist, hat Michael Herold zudem alle Sonderzeichen dieser Sprachen entworfen - und deswegen hat die "Lamont" insgesamt 700 Zeichen. Dazu zählen die Klein- und Großbuchstaben und alle Lettern gibt es selbstverständlich in dünn, normal, halbfett und fett und in diesen Versionen alle nocheinmal in kursiv.

Einige Buchstaben sind schwieriger zu entwerfen als andere. "Die 6 und die 9 sind ein Hammer, da sitzt man mehrere Stunden dran, und die 3 neigt dazu umzufallen, wenn man nicht alles richtig abstimmt", erklärt Michael Herold, der an seinem Bildschirm zeigt, wie sehr auch auf optische Täuschungen geachtet werden muss.

Besonderheiten der "Lamont" sind der Versal ß, also das ß als Großbuchstabe, und die Zahlen im Kleinformat, "die laufen viel harmonischer neben kleinen Buchstaben, zum Beispiel auf Visitenkarten", zeigt Herold auf seiner eigenen Karte, die ihn als Diplom Kommunikations-Designer ausweist. Vor 19 Jahren, nach seinem Studium an der Muthesius-Schule in Kiel, machte er sich in Itzehoe als Typografikdesigner selbstständig. Während er in der Arbeitszeit Plakate, Theaterprogramme, Anzeigen oder Kunstkataloge gestaltet, entstand die "Lamont" in seiner Freizeit.

"Reich wird man mit einer solchen Schriftfamilie eher nicht", sagt Michael Herold, es sei denn Microsoft entscheidet sich, sie in die Word-Kollektion aufzunehmen oder ein großes Unternehmen macht sie zu seiner Hausschrift. 70 Jahre lang läuft Herolds Urheberrecht an der "Lamont", die er von dem Hamburger Unternehmen URW vertreiben lässt. Auf deren Internetseite kann seit dem 1. Januar 2010 jeder auf der ganzen Welt die "Lamont" für sein Computerschreibprogramm erwerben. Ob sie so erfolgreich wie die allseits bekannten Schriftarten "Times New Roman" oder "Arial" werden wird, ist nach ein paar Monaten auf dem Markt nicht absehbar - aber eines hat die "Lamont" den beiden jetzt schon voraus: die schönste Entstehungsgeschichte - dank Norman Lamont.

Michael Herold sitzt bereits an den Entwürfen für eine weitere Schrift. "Fou", stammt zwar nicht von einem französischen Grabmal, ist aber, wie der Name schon sagt, ein bißchen verrückt und dennoch hervorragend lesbar, "denn das muss eine gute Schrift für mich immer sein".

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