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Welt-Braille-Tag : Das Alphabet auf den Punkt gebracht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der blinde Itzehoer Ludolf Westphal erklärt, warum die Tastschrift auch nach fast 200 Jahren nicht an Bedeutung verloren hat.

von
erstellt am 03.Jan.2016 | 16:28 Uhr

Die Bibel und ein englisches Wörterbuch – für mehr Bücher ist in dem Regal von Ludolf Westphal kein Platz. „Mein Buchbestand ist nicht sehr groß. Ansonsten bräuchte ich ein ganzes Haus, um sie aufzubewahren“, erzählt der Itzehoer. Denn beide Werke nehmen im Regal zusammen rund 60 Zentimeter Platz ein – zwei dicke und unterarmhohe Wälzer, die nicht in Schwarzschrift, sondern in Brailleschrift auf extra starkem Papier verfasst sind. Ludolf Westphal ist blind. Dass er überhaupt Bücher lesen kann, verdankt er dem Franzosen Louis Braille (siehe Infokasten), der vor rund 200 Jahren als Kind sein Augenlicht verlor.

Sein Schicksal ebnete Braille den Weg für seine bahnbrechende Erfindung: ein System aus sechs tastbaren Punkten, die durch unterschiedliche Kombinationen die Zahlen, Buchstaben und Satzzeichen abbilden. Die Tastschrift hat auch im Computerzeitalter nicht an Bedeutung verloren. Seit 2001 wird jedes Jahr am 4. Januar der Welt-Braille-Tag begangen, der von der Weltblindenunion betreut wird.

Die Tastschrift befreit blinde Menschen wie Ludolf Westphal davon, ein Leben als Analphabeten zu fristen. „Lesen und Schreiben ist das bedeutendste Kulturgut“, findet der 63-Jährige. Deshalb übernahm er vor zwei Jahren in der Bezirksgruppe des Kreises Steinburg des Blinden- und Sehbehindertenvereins gern die Aufgabe, auch anderen Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben, diese Art der Kommunikation näher zu bringen. Wenn Interesse besteht, startet er jederzeit wieder einen neuen Kursus, bisher hatte er erst zwei Schüler. Mit einer speziellen Schreibmaschine, die jeder Schüler mitbringen sollte, bringt er den Teilnehmern dann Buchstabe für Buchstabe bei. „In der Kurzschrift steht jedes Symbol für einen Buchstaben. Das zu lernen, reicht den meisten schon“, weiß Westphal. In der Vollschrift wird es komplizierter, das Symbol A steht mit einem anderen Vorzeichen für die Zahl eins, eine Silbe, das Wort „aber“ oder den Winkel Alpha. „Das muss man dann aus dem Kontext erschließen“, erzählt er. „Kinder lernen die Brailleschrift in der Schule. Aber die Altersblinden bilden den größten Teil unter den Blinden. Da besteht oft kein großes Interesse mehr, die Punkte-Schrift noch zu lernen. Es ist im Alter aber auch schwieriger, die Sensibilität lässt nach.“

Es braucht aber viel Fingerspitzengefühl und vor allem Geduld, um die erhabenen Punktkombinationen zu entschlüsseln. „Ich habe drei Jahre gebraucht, um die Blindenschrift und Stenographie zu lernen.“ Nach der Regelschule ging Ludolf Westphal nach Hamburg zur Berufsfachschule für Blinde. Als Schüler konnte er zunächst noch ein wenig sehen und im Unterricht mitschreiben, „mit einem dicken Filzstift und der Nase auf dem Papier“. Irgendwann versank seine Welt in Schatten, in der er sich seither tastend fortbewegt – und liest und schreibt. Anfangs habe er eine halbe Stunde gebraucht, um eine Seite in einem Buch zu lesen. 100 Wörter in der Minute wie erfahrene Braille-Leser ertasten können, schaffe er zwar nicht, aber mit der Zeit wurde er immer besser. Zum Vergleich: sehende Leser schaffen etwa 250 bis 300 Wörter pro Minute. Schnell zu lesen sei gar nicht das Entscheidende. Die Brailleschrift sei nicht nur das Tor zum Kulturgut, sondern auch im Alltag eine wichtige Hilfe. Blinde haben zwar oft eine deutlich bessere Merkfähigkeit als Sehende, „sie können sich ja nicht mal eben etwas notieren“, aber sich Dinge wie den Einkaufszettel aufzuschreiben, sei ein großes Stück Lebensqualität. „Auch bei Medikamenten ist es von Vorteil, die Brailleschrift zu beherrschen. Die ist mittlerweile auf alle Verpackungen geprägt.“

So sehr Ludolf Westphal die Brailleschrift schätzt: Wenn er Lust auf Krimis und Geschichtswerke hat, greift er doch lieber zum Hörbuch. „Das ist platzsparender.“


>Info: Die Bezirksgruppe Steinburg des Blinden- und Sehbehindertenvereins trifft sich jede Woche freitags von 14 bis 17 Uhr im Gesundheitsamt in der Viktoriastraße 17a in Itzehoe.

>Kontakt: Karl Friedrich Steltmann, 04822/361473, Handy: 0173/2379718.

>Internet: www.bsvsh.org/index.php?menuid=45

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