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Norddeutsche Rundschau

19. Oktober 2017 | 05:53 Uhr

Darum dauert die Predigt nur 6 Minuten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Kirchengemeinde Brunsbüttel feiert speziellen Gottesdienst für demenzkranke Menschen in der Pauluskirche

von
erstellt am 18.Sep.2015 | 10:32 Uhr

Wenn sich der Schatten über die Erinnerung legt, Alzheimer in einer seiner verschiedenen Formen von Demenz allmählich das Gedächtnis löscht, bleibt den Betroffenen meist nur noch die lange zurückliegende Vergangenheit. Von den landesweit rund 45  000 an Erkrankten leben schätzungsweise 7000 bis 9000 Menschen in Dithmarschen – mit einer hohen Dunkelziffer. Demenz wird vielfach als Makel empfunden.

Das sieht Anette Nöldeke anders. Die gerontopsychiatrische Fachpflegerin, die lange Jahre im Brunsbütteler DRK–Altenhilfezentrum Haus Süderdöffte gearbeitet hat und sich jetzt selbst im Ruhestand dort noch engagiert, sagt: „Diese Menschen sind Teil der Gesellschaft. Wir wollen mit ihnen rausgehen.“ Altenpflegerin Marion Bodendörfer, ebenfalls im Ruhestand und dennoch aktiv im Haus Süderdöffte, weiß, wie wichtig das ist. Sie erzählt von einer Ausfahrt der Bewohner von Station 3, in der zurzeit 20 an Demenz erkrankte Menschen leben. Auf Nordstrand sei die Gruppe richtig aufgeblüht. Auch wenn vieles von dem Erlebten schnell wieder vergessen sei – für die Betroffenen seien solche Glücksmomente wichtig.

Daran anknüpfen wollen die beiden Frauen gemeinsam mit Pastor Jochen Driesnack. Sie planen anlässlich des Welt-Alzheimertags einen speziellen Gottesdienst in der Pauluskirche für Demenzkranke, deren Angehörige und alle anderen Bürger, die eine Woche vor dem offiziellen Termin schon einmal Erntedank feiern möchten.

Dass dieser Gottesdienst eine Herausforderung wird, wissen die Beteiligten. So wird Jochen Driesnack seine Predigt von den üblichen 20 auf maximal sechs Minuten verkürzen. Das erleichtert den Betroffenen die Konzentration auf das Gesagte. Oblaten, sonst neutral schmeckend, werden beim Abendmahl süß sein. Das weckt erfahrungsgemäß angenehme Erinnerungen an die Kindheit. Letztlich werde in einem solchen Gottesdienst sehr viel gesungen, erzählt Monika Bodenhöfer – auch Volkslieder. „Die Demenzkranken kennen da alle Strophen, während wir meist nach der zweiten passen müssen“, sagt sie. Jochen Driesnack ergänzt: „Wir versuchen an Erfahrungen anzuknüpfen, die für sie noch vorhanden sind.“ Immerhin entstammen sie in der Regel der Generation der 30er und 40er Jahre. Da habe sogar noch der Pastor in seinem Talar eine besondere Autorität. Gleichwohl weiß Driesnack, dass in diesem Gottesdienst sehr viel Geduld gefordert sein wird. Denn Demenz äußere sich auch in besonderer Unruhe, da könne durchaus jemand einfach mittendrin aufstehen und durchs Gotteshaus gehen. Das sei dann eben so, auch müsse niemand, der plötzlich zu reden beginne, zur Ruhe ermahnt werden. Rund 45 Minuten wird der Gottesdienst, an dem der evangelische Kinderchor beteiligt sein wird, dauern. Anette Nöldeke ist überzeugt: „Wir geben ihnen durch diesen Gottesdienst etwas zurück, das aus ihrer Vergangenheit stammt.“

Es ist am Sonntag, 27. September, der Versuch, diese Form des Kirchgangs für demenzkranke Menschen in der Region zu etablieren. Er soll zukünftig zweimal im Jahr gefeiert werden Eingeladen sind ausdrücklich nicht nur die Brunsbütteler, sondern alle Kirchgänger und betroffene Menschen von Marne bis Wilster. Die Kirchengemeinde bietet sogar einen Fahrdienst. Ganz wichtig ist den drei Organisatoren, dass die Pauluskirche barrierefrei ist, auch die Sanitärräume.


>Regionalgottesdienst für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sowie alle übrigen Kirchgänger: Sonntag, 27. September, 10 Uhr, Pauluskirche (Kautzstraße 11). >Fahrdienst: 04852/3407 oder 04852/7055 (jeweils mit Anrufbeantworter).

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