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Alkoholsucht : „Dann haben Sie noch eine Woche“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Zwei ehemalige Suchtkranke einer Itzehoer Selbsthilfegruppe sprechen über Alkoholismus.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2017 | 16:00 Uhr

Dass Alkohol das beliebteste Suchtmittel in Deutschland ist und jährlich Zehntausende an den Folgen des Konsums sterben, ist nicht neu. Neu ist aber, das Jugendliche ihn weniger früh konsumieren: Eine kürzlich veröffentlichte Studie fand heraus, dass mehr als ein Drittel der 12- bis 17-Jährigen noch nie Alkohol getrunken hat – der höchste Wert seit 2001. Trotzdem ist das Thema allgegenwärtig. Im Klinikum Itzehoe geht gerade eine Aktionswoche zu Ende, in der Arno Deister, Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin, Wege aufzeigte, um Alkoholprobleme in den Griff zu kriegen. Entsprechende Hilfsangebote sind im Gegensatz zu früher viele vorhanden. Auch im Kibis-Selbsthilfetreff in der Liliencronstraße gibt es eine Gruppe. Ihre beiden Leiter haben der Sucht vor mehr als drei Jahrzehnten abgeschworen.

„Wenn Sie wieder anfangen zu saufen, dann haben Sie noch eine Woche zu leben“, sagte eine Krankenschwester zu Peter Nowak, als er 1980 im Itzehoer Klinikum aus einem einwöchigen Koma erwachte. Der Hausarzt des Itzehoers hatte ihn dorthin geschickt, seine Leber war entzündet, die Augen gelb, die gemessenen Werte im Krankenhaus eine Katastrophe. Als Nowak dort einen Tag keinen Alkohol trinken konnte, klappte er zusammen und entkam dem Tod nur knapp. Der Satz der Krankenschwester rüttelte ihn auf: Nowak trank nie wieder einen Tropfen. Zuvor war er Spiegeltrinker und musste sich täglich einen gewissen Pegel antrinken, bis er ohne zitternde Hände durch den Alltag und seine Arbeit als Dreher kam. 30 Cognac brauchte es, bis er funktionierte.

Seine Mitstreiterin Irmgard Stührk traf Nowak nach dem Zusammenbruch in einer Selbsthilfegruppe. Sie war Konflikttrinkerin, das heißt, sie trank unregelmäßig, um Negatives zu vergessen und gute Laune zu bekommen. „Entscheidend dafür, ob der Konsum von Alkohol als Abhängigkeit zu bezeichnen ist, ist die Funktion des Konsums. Wenn jemand trinkt, weil es ihm gut geht, ist meist alles in Ordnung. Wenn jemand Alkohol trinkt, damit es ihm gut geht, wird es kritisch. Und wenn es jemandem nur gut geht, wenn er getrunken hat, dann braucht er Hilfe“, sagt Deister.

Alkohol ist früher wie heute Alltag: Anstoßen, Feiern, Feierabendbier – Anlässe gibt es genug. „Es ist ein gesellschaftliches Suchtmittel, das zum Feiern dazugehört“, sagt Stührk. „Im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin, war Alkohol alltäglich“, erzählt Nowak. Sein Weg in die Sucht verlief schleichend: Er trank mit der Zeit immer mehr, bis es nicht mehr ohne ging. Nowak fuhr mit Pegel besser Auto als ohne, bei der Arbeit nahm man stillschweigend hin, dass er nur nach entsprechendem Konsum auf den tausendstel Millimeter genau arbeitete. Auch mit seiner Frau gab es kaum Probleme: „Ich war zu Hause ja ein pflegeleichter Typ“, sagt Nowak. Keine zwei Stunden habe er damals ohne Alkohol leben können, 24 Stunden am Tag drehte sich alles ums Trinken. „Das Zeug wirkt eine Macht aus, die ist nicht zu beschreiben“, so der 68-Jährige.

Seit 1968 wird Alkoholismus als Krankheit anerkannt. „Es gibt immer einen Weg aus der Abhängigkeit. Das wichtigste ist, dass das Problem erkannt wird und dass es eine Motivation zur Veränderung gibt“, sagt Deister. Stührk und Nowak haben den Absprung geschafft. Verteufeln will Nowak Alkohol jedoch nicht: „Keine Frage, ich habe eine tolle Zeit mit Alkohol gehabt und verdamme ihn nicht, nur weil ich damit nicht umgehen kann.“ So lange man Alkohol als Genussmittel konsumiere, sei nichts dagegen einzuwenden, aber wer ihn einsetze, um bestimmte Stimmungen zu erzeugen, solle nachdenklich werden, so Nowak. Wichtig sei immer die Frage, ob man auch ohne Alkohol feiern oder in Gesellschaft sein könne. „Warum sollte ich wieder trinken? Man vermisst nichts und entdeckt andere Getränke. Persönlichkeit und Selbstwertgefühl werden wieder aufgebaut“, sagt Stührk. Auch Peter Nowak wird keinen Tropfen mehr anrühren, mit seiner Frau ist er bis heute verheiratet und auch in die Selbsthilfegruppe begleitet sie ihn gelegentlich.


>Selbsthilfegruppe: Die Treffen sind für alle Suchtformen offen und finden Freitags von 20 bis 22 Uhr in der Kibis-Teestube, Liliencronstraße 8, statt. Auch Angehörige sind willkommen.

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