Inklusion im Kreis Steinburg : „Dann funktioniert das Leben nicht“

Mit außergewöhnlichen Mitteln versucht Katrin Hansen eine barrierefreie Wohnung in Itzehoe zu finden.
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Mit außergewöhnlichen Mitteln versucht Katrin Hansen eine barrierefreie Wohnung in Itzehoe zu finden.

Katrin Hansen ist teilgelähmt und wünscht sich nichts sehnlicher als selbstständig zu leben.

shz.de von
11. Februar 2018, 12:28 Uhr

Raus aus dem Elternhaus, rein in die eigene Bude. Welcher junge Mensch will das nicht? Katrin Hansen wünscht sich das sehr. Nicht, weil sie sich mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester nicht versteht, im Gegenteil. Katrin wurde mit „Spina bifida und Hydrocephalus“ geboren und ist von der Hüfte an teilgelähmt. Ihren Hirnwasserkreislauf regelt ein nach der Geburt eingesetzter Shunt.

Die 18-Jährige wünscht sich einfach nur das, was sich andere in ihrem Alter auch wünschen: Unabhängigkeit und ein selbstständiges Leben. Dieses Ziel muss sie mit viel Geduld im Auge behalten. Geduld haben zu müssen, daran ist Katrin gewöhnt. Um eigene vier Wände beziehen zu können, hat sie ungleich Schwierigeres zu meistern als andere junge Leute.

Alles was sie tut, muss sie mit der Kraft ihrer Arme und Hände bewältigen. Wie sehr sie auf Unterstützung angewiesen ist, sieht man ihr nicht an – vom Rollstuhl mal abgesehen. Fünfmal täglich muss sie sich katheterisieren, um ihre Blase zu entleeren. Das dauert jeweils etwa 20 Minuten, gelingt ihr mit Begleitung und muss gut in ihren Tagesablauf eingeplant werden. „Wenn ich nicht nach vier Stunden irgendwo auf Toilette gehen kann, kann ich nicht los“, erklärt Katrin – denn dann ist der Druck groß: „Fünf Stunden sind Hardcore.“ Ihr ganzes Leben muss im Voraus geplant werden, dabei hilft ihr entscheidend ihre Mutter. Katrin selbst fällt es schwer, mehrere Aufgaben in Abfolge zu planen, zu organisieren und auszuführen. Über die Begeisterung für ihr Hobby Malen geschieht es bisweilen, dass sie Termine vergisst. Sich nicht rechtzeitig fertig macht, um beispielsweise pünktlich zur Abfahrt bereit zu stehen. Vorher zur Toilette, anziehen, das Handy einpacken… Gedanken an das, was zu tun ist, gehen in schönen Augenblicken verloren. Dabei ist es notwendig, in größeren Zusammenhängen zu denken: Hilfsmittel rechtzeitig bestellen, die Katheter aus der Apotheke abholen, und bedenken, dass der Arzt die Verordnung ausstellt, bevor die Praxis für drei Wochen Urlaub schließt. Wenn das nicht gelingt? „Dann funktioniert ihr Leben einfach nicht“, sagt Mutter Kirstin Hansen.

Was ihr im Leben wichtig ist, weiß Katrin sehr genau. Menschen, die sie verstehen und mit denen sie sich wohlfühlt. Menschen, die sie mit den Besonderheiten ihres Alltags so nehmen, wie sie ist. Ganz wichtig: ihre Familie. Seit ihrem Schulabschluss vorigen Sommer hat sie die Woche über im Internat für Körperbehinderte in Damp an der Ostsee gelebt, jetzt arbeitet sie bei den Glückstädter Werkstätten und wohnt wieder dauerhaft im Elternhaus. Viel Geld steht ihr nicht zur Verfügung und rollstuhlgerechte Wohnungen in gut angebundener Lage sind Mangelware in Itzehoe und Umland. Tägliche Pflege, medizinische Versorgung, pädagogische Betreuung und der Bezug zu Familie und Freunden, die Teilhabe am ganz normalen Leben – was für viele Menschen selbstverständlich ist, ist für Menschen mit den unterschiedlichsten Handicaps nur sehr eingeschränkt möglich.

Katrin liebt Musik und geht gern ins Kino, allerdings selten in Itzehoe. Den oberen Kinosaal kann sie mangels Aufzug nicht erreichen. Vor der 40-Minuten-Fahrt ins barrierefreie Kino in Elmshorn stehen der aufwendige Toilettengang an und rund 40 Minuten für das Schickmachen. Schminken, frisieren, gut anziehen und schöne Schuhe tragen – denn darauf legt die modebewusste junge Frau Wert. Es ist ihr unangenehm ist, bei all dem auf Hilfe angewiesen zu sein, was Gleichaltrige völlig selbständig tun. Kirstin und Katrin Hansen sind gut eingespielt. Die Mutter hilft der Tochter, ohne ihr das Gefühl zu geben, eine Last zu sein. „Das ist eine emotionale Leistung, die in der Situation anfällt.“ In vielen Situationen.

Diese Bedingungen prägen das Leben der gesamten Familie in hohem Maß. Mutter Kirstin engagiert sich seit Jahren für ein barrierefreies Itzehoe und für bezahlbaren Wohnraum, der ihrer jetzt volljährigen Tochter ein eigenständiges Leben ermöglicht. Mit aller Unterstützung, die sie dafür braucht. Sie ist die treibende Kraft der Steinburger Netzwerkgruppe Wohnen und findet, das neue Bundesteilhabegesetz bietet Chancen. Darin wird seit Juli 2017 geregelt, dass Menschen mit Behinderung durch Unterstützungsleistungen in die Lage versetzt werden, selbstbestimmt und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und dass Benachteiligungen vermieden werden. „Wir dürfen nicht vergessen: Betroffene Menschen wollten dieses Gesetz.“

Die mit der Umsetzung verbundenen Herausforderungen möchten die Hansens gemeinsam mit anderen betroffenen Familien, Einrichtungsträgern, der Immobilienwirtschaft, Verwaltung und Kreispolitik gestalten. Das werde nicht einfach, sagt Kirstin Hansen, aber sie ist optimistisch – zusammen könnten die Steinburger viel erreichen: „Lasst uns schauen, was den Menschen für ein glückliches Leben besonders wichtig ist und es dann anpacken.“ Mit Katrin freut sie sich darüber, dass die Politiker in Steinburg wichtige Entwicklungen für Wohnraum für Menschen mit Behinderung anschieben wollen. Und dass viele mitmachen, es als gemeinsame Aufgabe begreifen. Dann funktioniert das Leben.

Info: Spina bifida und Hydrocephalus
Während der Entwicklung des Embryos im Mutterleib bildet sich die Wirbelsäule sehr früh. Gehirn, Rückenmark und umgebendes Gewebe entwickeln sich aus einer gemeinsamen Anlage, dem Neuralrohr. Normalerweise wird es zwischen dem 22. und 28. Tag fertig ausgebildet. In sehr seltenen Fällen allerdings reißt es ein oder schließt sich nicht vollständig. Dann bleiben ein oder mehrere Wirbelbögen geöffnet, die Nerven werden nicht geschützt und es kommt zu einer Teillähmung. Hydrocephalus bezeichnet die krankhafte Erweiterung der mit Liqour gefüllten Flüssigkeitsräume im Gehirn.

 

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