Handwerk : „Da rollt eine Welle auf uns zu“

Jedes Gebiss ist anders: Unternehmer Jan Bredenbeck bei der Arbeit mit Zahntechnikerin Caren Theophile.
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Jedes Gebiss ist anders: Unternehmer Jan Bredenbeck bei der Arbeit mit Zahntechnikerin Caren Theophile.

Die Suche nach Nachfolgern bereitet im Handwerk zunehmend Probleme. Eine erfolgreiche Lösung wurde bei Dentaltechnik Itzehoe gefunden.

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06. März 2018, 05:00 Uhr

Die Zukunft von 23 Jobs hing am seidenen Faden. Als die beiden Inhaber von Dentaltechnik Itzehoe sich aus Altersgründen zurückziehen wollten, stand der jahrzehntealte Handwerksbetrieb vor dem Aus. Kein Einzelfall – immer öfter finden Unternehmer keinen Nachfolger für ihre Betriebe. Die Handwerkskammer warnt vor einer möglicherweise dramatischen Entwicklung in naher Zukunft.

Bei Dentaltechnik Itzehoe konnte die Schließung abgewendet werden. Nach jahrelanger Suche entschloss sich Zahntechnik-Meister Jan Bredenbeck den Betrieb gemeinsam mit Hartmut Dorloff, dem jüngeren Bruder des früheren Chefs, zu übernehmen. Gezielt wurde Bredenbeck angesprochen, er hatte Ende der 80er Jahre in der Firma gelernt und damals bereits mit Hartmut Dorloff zusammengearbeitet. Mit 53 Jahren machte Bredenbeck sich die Entscheidung nicht leicht. „In meinem Umfeld haben schon einige gesagt: ‚Bist du verrückt?‘ Mich hat die Herausforderung aber schon gereizt.“ Zuvor hatte er bereits in leitender Funktion gearbeitet, aber als Angestellter. „Das habe ich dann auch ein Jahr lang bei Dentaltechnik Itzehoe gemacht und erst dann gesagt: Ja, das passt.“

„Es gab meines Wissens keinen Plan B“, sagt Bredenbeck. Dabei ist die ökonomische Situation des Unternehmens gut. „Diese Firma hat noch nie rote Zahlen geschrieben“, sagt Bredenbeck. Die Marktlage sei zwar in den vergangenen Jahren durch billigere Importware aus Osteuropa und Asien nicht einfacher geworden, aber das Itzehoer Unternehmen werde sich auch in Zukunft behaupten. „Jedes Gebiss ist ein wenig anders. Die individuelle Anpassung ist unsere Stärke“, sagt Bredenbeck. Man punkte mit Genauigkeit und Qualität und habe mit dem teleskopischen Zahnersatz auf Implantaten, der sich wie eine normale Zahnreihe anfühle, eine gefragte Spezialisierung. Zudem sei man näher am Kunden, biete einen umfassenden Service für Zahnärzte aus der Region.

Dass die Nachfolgersuche im Handwerk trotz guter ökonomischer Situation der Unternehmen Schwierigkeiten bereitet, ist in der Region alles andere als ein Einzelfall, sagt Stefan Seestädt, Leiter der Betriebsberatung der Handwerkskammer Lübeck. „Die klassische Übergabe an die eigenen Kinder ist heute wesentlich seltener geworden als früher“, sagt Seestädt. Finde sich unter den Mitarbeitern kein Nachfolger, werde es nicht einfach. „Am freien Markt stehen zunehmend mehr Angebote einer sinkenden Zahl von Interessenten gegenüber.“ Hintergrund sei neben dem demografischen Wandel auch die Orientierung vieler junger Menschen zu Studium und Bürojobs. Zudem seien gut ausgebildete Handwerker auch als angestellte Facharbeiter sehr gefragt und verdienten ohne unternehmerisches Risiko gutes Geld. Dies senke die Motivation für eine Betriebsübernahme.

„Dabei sind die Rahmenbedingungen für den Sprung in die Selbstständigkeit günstig.“ Die Wirtschaft brummt, die Auftragsbücher sind oft voll und Kredite sehr günstig. Trotzdem erwartet Seestädt, dass sich die Situation noch verschärfen wird. Für rund 200 000 Betriebe werden bundesweit in den kommenden zehn Jahren Nachfolger gesucht, wenn die Generation der „Babyboomer“ in den Ruhestand geht, erwartet der Zentralverband des Deutschen Handwerks. „Da rollt eine Welle auf uns zu“, sagt Seestädt. Wenn es nicht gelinge, mehr junge Menschen für das Handwerk zu begeistern, könne die Situation in ländlichen Regionen wie dem Kreis Steinburg „dramatisch“ werden.

Dass junge Menschen den Druck der Selbstständigkeit scheuen, stellt auch Jan Bredenbeck in seiner Branche fest. Es sei auch tatsächlich etwas anderes, als Inhaber zu agieren. „Es ist anstrengender“, sagt Bredenbeck. „Aber dafür kann man das Unternehmen so gestalten, wie man es für richtig hält. Das wiegt vieles auf.“

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