Itzehoe : „Da kann ich von Angela Merkel lernen“

Rückt für Hans-Peter Bartels in den Bundestag nach: Karin Thissen (54) aus Itzehoe.
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Rückt für Hans-Peter Bartels in den Bundestag nach: Karin Thissen (54) aus Itzehoe.

Ein Interview mit der Itzehoer Bundestagsnachrückerin Karin Thissen (SPD) über Männer, Macht und Politik.

Kay Müller von
15. Januar 2015, 17:00 Uhr

Frau Thissen, wie enttäuscht waren Sie als sie im vergangenen Jahr nicht in den Bundestag gewählt wurden?

Ich gebe es zu: ziemlich. Es fühlte sich an, als sei ich durch eine Prüfung gefallen, was mir vorher in meinem Leben noch nie passiert ist. Aber dann habe ich mich einen Tag weinend aufs Sofa gesetzt – dann ging es schon wieder. Und dann habe ich das gemacht, was ich meinen Kindern in so einer Situation rate: „Schmink’ Dir Deine Wünsche ab, dann klappt es doch irgendwie.“ Das hatte ich schon einmal als ich zunächst keinen Studienplatz für Veterinärmedizin bekommen habe. Auch da bin ich nachgerückt wie jetzt auch wieder.

Was gewinnt der Bundestag, wenn Sie im Sommer ins Parlament einziehen?

Auf jeden Fall eine engagierte Politikerin, die sich in den Themen Gesundheit, Landwirtschaft und Tierschutz auskennt – und natürlich auch eine selbstbewusste Frau, die sich einmischen wird.

Also können sich die Männer warm anziehen?

Ich will es mal so sagen: Beim Thema Gleichberechtigung gibt es noch viele Defizite – auch in der SPD.

Wie meinen Sie das?

Ob das meine Arbeit oder die Politik betrifft – in vielen Bereichen habe ich es mit Männern in meinem Alter zu tun, die in einer Welt groß geworden sind, in der Frauen nicht Ernst genommen wurden. Und im Zweifel trauen diese Männer uns Frauen nicht viel zu. Das will ich ändern.

Aber Frauen können es doch nach ganz oben schaffen: Immerhin haben wir seit fast zehn Jahren eine Bundeskanzlerin – können Sie etwas von Angela Merkel lernen?

Sie weiß zumindest, wie man Wahlen gewinnt – und sie kann sich gegen machtbewusste Männer durchsetzen. Das kann ich vielleicht wirklich von Angela Merkel lernen.

Die SPD kann aber nicht gegen Merkel gewinnen. Müssen Sie mal eine Kanzlerkandidatin aufstellen?

Vielleicht. Aber die SPD muss sich auch wieder genauer positionieren, den Menschen deutlich machen, dass sie sich in vielen Positionen durchgesetzt hat. Und natürlich muss man auch sehen, dass man andere Mehrheiten organisieren kann...

Ihr Landesvorsitzender Ralf Stegner setzt sich für ein Linksbündnis von SPD, Grünen und Linken ein...

...was ich prinzipiell nicht für falsch halte. Denn aus einer rechnerischen eine politische Mehrheit zu machen, ist legitim. Alle angesprochenen Parteien stehen auf dem Boden des Grundgesetzes und sind damit koalitionsfähig. Ich wehre mich dagegen, schon vor der Wahl zu sagen, was man nicht will. Aber um jetzt schon für ein Linksbündnis zu werben ist es zu früh.

Für welche Themen wollen Sie sich in Berlin einsetzen?

Ich glaube, dass es gerade im Tierschutz viel zu tun gibt. Als Tierärztin weiß ich, wie schlecht es darum an vielen Schlachthöfen bestellt ist – und das Beispiel in Bad Bramstedt hat es gezeigt. Da müssen wir etwas tun, vor allem brauchen wir auf Landesebene eine Kontrollstelle, die die Veterinärämter bei ihrer Arbeit kontrolliert. Nur so können wir sicherstellen, dass nicht mehr wie jetzt an vielen Orten systematisch gegen Gesetze über Fleischhygiene, Arbeitsrecht oder Tierschutz verstoßen wird.

Woran liegt das?

Zum einen daran, dass es bei vielen Landwirten und Veterinären nicht genügend Unrechtsbewusstsein gibt. Und zum zweiten daran, dass die Menschen immer mehr Fleisch zu immer billigeren Preisen haben wollen. Ich bin dafür, dass Lebensmittel auch den Preis bekommen, den sie wert sind – und nicht verramscht werden. Das geht uns alle an – gerade auch in unserer Region.

Und wie werden Sie sich für die Region Itzehoe einsetzen?

Es wird schon etwas bringen, wenn da noch eine mehr im Bundestag sitzt, die Werbung für die Westküste macht. Vor allem der Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals und der Weiterbau der A 20 liegen mir am Herzen. Und natürlich werde ich mich auch für eine bessere medizinische Versorgung auf dem Land einsetzen und wie man dem demografischen Wandel begegnet.

Was ist da falsch gelaufen?

Ich weiß noch wie ich vor über 20 Jahren hier im Kreis einen Kindergartenplatz haben wollte. Und da hat man mir gesagt: „Wir sind nicht dafür da, dass Sie arbeiten und Ihre Kinder abschieben. Wir haben hier intakte Familien.“ Das hat mich schockiert. Heute merken die gleichen Leute, dass ihnen die Politik von damals auf die Füße fällt, und die Menschen in die Städte wollen.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen die Politik in Berlin auf die Füße fällt?

Das nun gar nicht. Ich habe in meinem Leben schon so viel geschafft, habe vier Kinder groß gezogen und immer gearbeitet. Da kann mich nicht mehr viel schocken – auch nicht der Bundestag.

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