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Norddeutsche Rundschau

17. Oktober 2017 | 16:08 Uhr

Wohnmobile : Colo-Campen mit City-Flair

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wohnmobilisten finden mitten in Wilster alles, was sie benötigen

Spätsommer, Abenddämmerung in Wilster. Auf dem Camper-Stellplatz am Colosseum treffen die Wohnmobile ein, um sich für die Nacht hier aufzustellen. Einige Veranstaltungen wie der Jahrmarkt sind vorbei, inzwischen ist er nun für die Camper wieder geöffnet. An diesem Freitagabend sind es aber nur drei. In einem hat Werner Steinberg (63) aus der Nähe von Bergisch-Gladbach – 600 Kilometer entfernt – eigentlich gar keine Zeit, denn er hat gerade seine Satellitenschüssel ausgerichtet und möchte nun Fernsehen. „Ich gucke gerne Mortorradrennen“, sagt er, während er seinen Kopf durch die offene Wohnwagentür nach draußen steckt.

Gemeinsam mit seiner Frau Sofia (63), die vor dem Wagen auf einem Campingstuhl die untergehende Sonne genießt, ist er auf einer „kleinen Nordtour“, die das Ehepaar noch bis September durch Schleswig-Holstein und Niedersachsen führt. „Ich war im Motorradsport früher immer mit Kollegen unterwegs – als Mechaniker, Betreuer und Freund im Seitenwagenrennsport“, erzählt er. „Das Interesse ist immer noch vorhanden.“

Sie haben bereits eine Menge gesehen: Von Büsum über Dagebüll/Niebüll, Wyk auf Föhr und Amrum ging es nach Flensburg-Eckernförde und Kiel, nach Heiligenhafen, die Ostseeseite herunter über Fehmarn, Grömitz, Scharbeutz und Timmendorfer Strand wieder zurück zur Nordseeküste. Da haben sie zum ersten Mal in Wilster Zwischenstopp gemacht. „Wir bleiben gleich mehrere Tage“, sagt Sofia Steinberg, „denn es ist nach dem Trubel am Strand schön ruhig. Wir mögen die See und hatten viel Glück mit dem Wetter.“ Ihrem Mann fällt auf: „Die Versorgung mit Toilette, Küche, Wasser, Mülleimer und allem, was man so braucht, ist sehr gut. Die Leute sind sehr nett: ruhiger als die Rheinländer.“

Seit zwölf Jahren haben sie ihr Wohnmobil, konnten es immer nur im Urlaub nutzen. Ihre Kinder sind inzwischen groß und arbeiten. „Vier Monate am Stück waren wir noch nie unterwegs“, sagt Sofia Steinberg.

Nun wollen sie noch nach Wedel, und von da aus mit dem Zug nach Hamburg fahren; dann mit dem Wohnmobil weiter mit der Fähre hinüber nach Wischhaven und über Cuxhaven und Bremerhaven die Nordsseeküste mit den Inseln entlang nach Emden. „Dann ist es September und wir fahren wieder nach Hause“, so Sofia Steinberg. Den Kontakt dahin halten sie so lange telefonisch.

Anders hat es dagegen das Ehepaar Weisser aus Bielefeld, beide in den 60ern aus Schlesien nach Deutschland gekommen, in ihrem Wohnwagen nebenan getroffen. „Als Wohnanhängerbesitzer sind wir Menschen zweiter Klasse“, sagt sie. „Man wird schlecht angesehen und oft gefragt: Was suchen Sie denn hier? Anders in Wilster: „Sie nehmen uns auf, während uns die Ordnungsbehörde woanders verjagt und auch schon von Wohnmobilplätzen abgeschleppt hat.“ Er war Kfz-Schlosser, ist seit vier Jahren pensioniert, sie hat früher beim Amt gearbeitet, ist aber nun zu 100 Prozent gehbehindert. Beide müssen nun für ihre kranke Tochter zahlen, sie vermieten zu Hause Zimmer an Urlauber und konnten sich ein Wohnmobil nicht leisten.

Ihr Traum war es, nach Rendsburg zu fahren, „weil wir das ein paar Mal im Fernsehen gesehen haben.“ Sie konnten sich dort aber nur bei einer Gaststätte hinstellen, weil es sonst für sie keinen Stellplatz gab. Da hätten aber ein paar Jugendliche betrunken mit einem Knüppel an ihren Wohnwagen gepoltert, so dass sie von dort geflohen seien.

Durch den „Bord Atlas – Reise Mobil“ sind sie auf Wilster gekommen, in dem eingezeichnet ist, dass das Abstellen mit einem Hänger erlaubt ist. Wilster sei gut ausgestattet. „Hier können wir unser Wasser entsorgen, erhalten Strom“, sagt er. „Alles ist ebenerdig. Hier sind es kurze Wege, man kann günstig essen gehen, es gibt überall Schwerbehinderten-Parkplätze. Da muss jemand im Rat sitzen, der für unsere Belange eintritt“, vermutet sie. „Darüber freut man sich.“

Da sie mit ihrer Diabetes nicht viel laufen kann, geht sie in Wilster auch zu den Ärzten. Reinigung, Wäscherei, Einkaufsmöglichkeiten: alles da“, freut sie sich. Nun wollen sie sogar noch eine ganze Woche dableiben, „wenn uns nicht schon vorher einer raus schmeißt. Was wir schon alles erlebt haben …“ Aber dies sei eine schöne Gegend, „wir sind die glücklichsten Leute“, sagt sie, bevor es weiter über Glückstadt nach Niedersachsen – und dann irgendwann nach vier Wochen – wieder nach Bielefeld zurück gehen soll.

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