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Flüchtlinge in SH : Camp Prinovis: Ehrenamtler in Itzehoe am Limit

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Sie arbeiten bis zur Erschöpfung: 50 Freiwillige sind in der Itzehoer Notunterkunft rund um die Uhr im Einsatz. Zur Entlastung wurden jetzt erste hauptamtliche Stellen geschaffen.

Itzehoe | Sie erfüllt auch ungewöhnliche Wünsche: Manuela Bannert zaubert aus ihrer Tasche einen Schnuller und reicht ihn einem Flüchtlingskind, das ihn dankbar in den Mund stopft. „Wir versuchen hier alles, um zu helfen“, sagt die 34-Jährige. Seit es das Camp Prinovis in Itzehoe gibt, ist sie mit dabei und arbeitet bis zu zwölf Stunden am Tag – ehrenamtlich. „Das geht, weil meine Kinder zur Schule gehen und nachmittags von einer Tagesmutter betreut werden“, sagt die Itzehoerin, die weiter helfen will. „Aber wenn das mit den Flüchtlingszahlen so weiter geht, dann müssen wir mal darüber reden, ob das ehrenamtlich so weiter geht“, sagt die zweifache Mutter, die hier nur Ela genannt wird.

Im Camp Prinovis sind seit dem 28. September 2015 über 900 Flüchtlinge untergebracht. Insgesamt gibt es in Schleswig-Holstein 16 teils vorübergehende, teils dauerhaufte Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge. Laut Innenministerium stehen rund 11.000 Plätze zur Verfügung (Stand: 20. Oktober 2015).

Rund 50 Ehrenamtler kümmern sich um die bald 2000 Flüchtlinge im Camp Prinovis. Sie registrieren die Neuankömmlinge, stehen in der Kleiderkammer, sorgen seit Wochen für Kinderbetreuung in der Notunterkunft. „Da gehen viele Stunden Freizeit drauf“, sagt Campleiter Lars Bessel, der es mit Bundespräsident Joachim Gauck hält: „Langsam kommen unsere Ehrenamtler an ihre Belastungsgrenze.“

Er geht davon aus, dass das Camp mehrere Jahre bestehen wird. „Und dafür brauchen wir hauptamtliche Strukturen, anders geht es nicht mehr.“ Er wolle zwar vermeiden, dass Flüchtlinge auch nachts ankommen, aber es sei eben schon vorgekommen, dass Busse um 3.30 oder 4.45 Uhr am Camp eintrafen. „Da habe ich meine Leute aus dem Bett getrommelt, damit unser Gäste registriert werden können – das kann ich aber nicht immer wieder machen.“ Und wenn es einmal dazu komme, dass das Camp Prinovis 24 Stunden am Tag die Präsenz von Betreuern erfordere – „dann müssen die auch dafür entlohnt werden“.

Das Land hat reagiert, zumindest Campleiter Bessel, der zuvor ehrenamtlich für die Johanniter im Einsatz war, hat seit diesem Monat eine volle Stelle. „Dazu ist eine Stellvertreter-Stelle mit 25 Stunden pro Woche ausgeschrieben – und wir wollen auch weitere Betreuungskräfte einstellen“, sagt Bessel. Wie viele – das sei noch unklar.

Das ganze laufe „projektbezogen“ – zuerst mal auf ein Jahr. „Aber ich gehe davon aus, dass wir das länger als ein Jahr machen und weitere Stellen ausschreiben werden.“ Und auch deswegen seien noch mehr und andere Helfer willkommen, auch wenn sie nicht in Hilfsorganisationen registriert seien.

Arbeitnehmer, die im Camp helfen wollen, könnten sich mit Zustimmung ihres Arbeitgebers nicht nur für den Katastrophenschutz, sondern jetzt auch für die Flüchtlingshilfe freistellen lassen – auch in Teilzeit und für einen gewissen Zeitraum. Wer diese Zustimmung habe, könne sich bei Bessel bewerben. „Man sollte sich schon sicher sein, dass es auch das Richtige für einen ist“, sagt der Campleiter. „Ich brauche mehr Klasse statt Masse.“ Akzeptiert er einen Bewerber, bekomme der seinen Lohn wie gewohnt weiter, dem Arbeitgeber werde der Ausfall dann 1:1 vom Land ersetzt. „Ich erwarte dann aber auch, dass die frei gestellten Leute, sich hier voll einbringen“, sagt Bessel. Und natürlich bräuchte er nach wie vor ehrenamtliche Helfer.

Dass es einmal dazu kommen könnte, das hat Bessel nicht erwartet, als sich die Johanniter vor einigen Wochen bereit erklärt haben, auch Notunterkünfte zu betreiben. „Zuvor war das aus historischen Gründen eigentlich immer das Deutsche Rote Kreuz, aber die waren auch an ihrer Belastungsgrenze angekommen. Und als es hieß, dass es in Itzehoe eine Notunterkunft geben wird, da wurden wir gefragt, ob wir das machen wollen.“

Und seit dem 25. September machen sie. Bislang ist es die einzige Notunterkunft, die die Johanniter in Eigenregie betreuen, aber Bessel geht davon aus, dass es nicht die letzte sein wird. Er hofft auf weitere Helfer: „Ist doch ganz einfach: Ich kenne kein Hotel mit 2000 Gästen, das man nach Feierabend betreiben kann.“

> Kontakt zu den Johannitern per Mail itzehoe@johanniter.de oder Fax 04821/2639 .

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erstellt am 20.Okt.2015 | 12:00 Uhr

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