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Norddeutsche Rundschau

18. Oktober 2017 | 00:27 Uhr

Pendler : Bus statt Bahn – ein Selbstversuch

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Noch bis 27. September gibt es auf der Strecke nach Hamburg eine Großbaustelle. Wie gut funktioniert der Schienenersatzverkehr der Bahn zwischen Pinneberg und Elmshorn? Wir haben es im Selbstversuch getestet.

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2013 | 05:00 Uhr

Seit dem 2. September herrscht auch für Steinburger Pendler Ausnahmezustand auf der Bahnstrecke zwischen Elmshorn und Pinneberg: Die Deutsche Bahn führt dort im großen Stil Bauarbeiten durch. Zahlreiche Züge fallen aus, werden durch Busse ersetzt. Was anfangs mit kilometerlangen Staus auf der Autobahn einherging, hat sich mittlerweile eingerenkt. „Der Schienenersatzverkehr funktioniert“, berichtet Sabine Brunkhorst von der Deutschen Bahn. Bislang seien keine Beschwerden bekannt, man gehe davon aus, dass die Busse zwischen Elmshorn und Pinneberg angenommen werden und ausreichend oft fahren. „Wir hoffen, dass es auch weiterhin so gut klappt“, so die Sprecherin. Auch die Staus auf der Autobahn gehören offenbar der Vergangenheit an. „Die ersten zwei, drei Tage, als der Ersatzverkehr eingerichtet worden war, gab es deutlich mehr Verkehr“, berichtet etwa der Elmshorner Rene Mohr, der täglich mit dem Auto gen Hamburg pendelt. „Auch auf dem Rückweg war viel los, das gab es sonst nie“, sagt der Vertriebscoach. „Jetzt ist alles wie immer eigentlich. Die Bahn hat es nicht viel schlimmer gemacht.“ Das bestätigt auch die Autobahnpolizei – alles normal. Noch bis zum 27. September wird gebaut.

Der Selbstversuch:

Busse statt Bahnen, kilometerlanger Stau auf der Autobahn – für Pendler war der Auftakt des Schienenersatzverkehrs eine echte Geduldsprobe. Doch wie schlimm ist die Lage nach fast zwei Wochen? Redakteur Morten Planer wagte den Selbstversuch – im Schienenersatzverkehr nach Pinneberg.

Die gute Nachricht ist: Ich bin pünktlich. Kurz nach halb Acht steige ich am Elmshorner ZOB in den Bus gen Pinneberg – wirklich voll ist er nicht. Dennoch darf ich nicht mitfahren. „Ein Ticket können sie bei mir nicht kaufen“, erklärt mir der Busfahrer, eher bestimmt als freundlich. Das müsse ich schon am Fahrkartenautomaten erledigen. Verdammt.

Und dabei hatte ich mich eigentlich gut vorbereitet, sogar versucht, die umfangreichen Informationen auf der Website der Deutschen Bahn zu verstehen. Was im Übrigen gar nicht mal einfach ist. Da gibt es die Bauphasen 1a und 1b, aber auch die Phase 2, dazu völlig verworrene Diagramme und kilometerlange Fahrpläne mit endlosen Ausnahmeregelungen. Nach einer guten Viertelstunde wusste ich aber: Im Prinzip will mir die Bahn nur mitteilen, dass mein Bus alle 20 Minuten fährt. Doch: Trotz allem erstmal nicht für mich. Das Ticket fehlt. Auch im Reisecenter der Deutschen Bahn soll ich es nicht erhalten, „das ist ein HVV-Ticket, dafür müssen Sie schon zum Automaten auf dem Bahnsteig gehen“, erklärt mir die Dame am Schalter. Dort endlich erhalte ich meinen Fahrschein – und trete den langen Fußweg zurück zum ZOB an. Was für ein umständliches Unterfangen.

Am tristen Bussteig empfängt mich dann gähnende Leere. Eigentlich hätte ich zahllose Pendler erwartet. Ein junger Mann will nach Tornesch pendeln, den vorherigen Bus habe er nicht genommen, erzählt er, „der nach Pinneberg fährt doch durch, oder?“. Schon einmal sei er mit den Bussen gefahren, „aber der kam viel zu spät an. Da hatte ich es nicht rechtzeitig zur Arbeit geschafft.“ Deswegen sei er anderntags auf den Roller umgestiegen, heute will er es noch einmal wissen.

Endlich kommt der Gelenkbus – pünktlich. Doch um die enge Kurve kommt er nicht, das Heck schert viel zu weit aus und die handvoll Pendler, die aussteigen wollen, landen erst einmal auf der Straße. Als ich einsteige, will der Busfahrer nicht einmal mein Ticket sehen.


15 Fahrgäste allein im großen Bus


Am Ende sind wir 15 Fahrgäste, Platz wäre für insgesamt 148, darunter zwei Rollstuhlfahrer. Die Stimmung ist etwas schräg, keiner redet, nur eine blonde Frau tauscht den neuesten Klatsch öffentlichkeitswirksam und mit enormer Lautstärke am Handy aus. Und das die ganze Strecke durch. Der Rest hört Musik, versenkt den Kopf schlaftrunken in Büchern oder, insbesondere die anzugtragenden Herren, in Politik-Zeitschriften. Über Land geht die Fahrt, immer wieder kommen uns andere Ersatzverkehr-Busse entgegen, in Tornesch steigen zehn Fahrgäste aus. Keiner steigt ein. Dafür steht direkt vor uns ein anderer Bus aus dem Ersatzverkehr. Dennoch fahren wir zuerst los.

Als wir nach einer guten halben Stunde endlich in Pinneberg eintreffen, sind wir nur noch zu viert. Zwar wäre ich in der Zeit schon längst in Hamburg gewesen, hätte ich den Zug genommen, doch so viel Beinfreiheit gab es auf der Strecke wohl noch nie – und der Ausblick ist ebenfalls eine nette Abwechslung.

Die Rückfahrt trete ich im ebenfalls eher leeren – und extra verlängerten – Regionalexpress nach Kiel an und sehe endlich den Grund für die Umleitungen: Die Baustelle in Prisdorf ist enorm. Zehn Minuten später erreiche ich meinen Ausgangspunkt Elmshorn – und bin eigentlich positiv überrascht. Dass der Ersatzverkehr so reibungslos klappt, hätte ich nicht erwartet. Und sogar Personal gibt es, das die Pendler in Elmshorn in Empfang nimmt und in Richtung ZOB schickt. Das ist auch bitter nötig, denn wer nicht gerade über Adleraugen verfügt, wird die winzigen Richtungsschilder kaum erblicken.

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