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Sammelleidenschaft : Bunte Zeugen der Zeitgeschichte

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Briefmarken sammeln ist heute ein Nischen-Hobby. Einmal im Monat treffen sich Philatelisten im Freundeskreis der Volkshochschule Wilster

Sie sind noch nicht so selten wie die blaue Mauritius. Mitunter muss man sie aber schon mit der Lupe suchen. Einst sammelte jedes Kind Briefmarken. Heute sind es nur noch ganz wenige, die von der Leidenschaft nicht lassen können. Alle vier Wochen treffen sich Philatelisten aus der Region unter der Regie der Volkshochschule Wilster im Amtsgebäude zum Fachsimpeln, Tauschen und ein bisschen auch zur Erinnerung an bessere Zeiten. Immer mit dabei ist Horst Langer. Der 65-Jährige übt seit mehr als 30 Jahren den ebenfalls höchst selten gewordenen Beruf des Briefmarkenhändlers aus. „Früher war das sogar ein Lehrberuf“, sagt der Wilsteraner. Die Leidenschaft dafür habe er wohl vom Großvater geerbt. „Dann habe ich mein Hobby eben zum Beruf gemacht.“

Horst Langer hat die goldenen Jahre des Sammelns von kleinen, bunt bedruckten Papierchen aus aller Welt miterlebt. Und auch nach 30 Jahren ist die Leidenschaft nicht weg. „Jede Briefmarke erzählt auch ein Stück Geschichte“, kann er sich nach wie vor an der millionenfachen Vielfalt erfreuen. Ob die Marken aber noch immer als Wertanlage etwas taugen, ist dabei eine ganz andere Frage. „Jetzt kommt die Generation der Erben“, hat Horst Langer immer wieder Anfragen und Begegnungen mit Menschen, die 40, 50 oder 60 Jahre alte Sammelalben aus dem Nachlass bekommen haben. Die Einschätzung fällt dann zumeist sehr ernüchternd aus. „Man wird die Sachen schon noch los. Aber alles andere als zum Katalogpreis.“ Die komplette Bundesrepublik der 1950er oder 1960er Jahre hatte einst vielleicht ihren Wert. „Für Standardsachen ist der Markt aber zusammengebrochen.“ Das gilt auch für die einst in Sammlerkreisen beliebten Berlin- oder DDR-Marken in möglichst kompletter Variante. Für Erben ist das vielleicht eine schlechte Nachricht, für Horst Langer nicht unbedingt. „Wo steht denn, dass man mit einem Hobby Geld verdienen muss?“ Allen Erben empfiehlt er jedenfalls, dass man Sammlungen nicht mit allzu großen Erwartungen verknüpfen sollte. „Hineinschauen lohnt sich aber immer“, weiß Langer, dass sich trotzdem immer noch ein kleiner Schatz darin verbergen kann.

Dabei haben die im elektronischen Zeitalter vielleicht sogar als Auslaufmodell einzustufenden Briefmarken durchaus noch potente Abnehmer – wenn man ein bisschen Glück hat oder in weiser Voraussicht auf die richtige Nische gesetzt hat. „In Fachzeitschriften werden plötzlich ganze Blöcke aus der Mongolei gesucht.“ Sehr spannend sei auch der chinesische Markt, wo es inzwischen sehr viele aktive Sammler gebe. Horst Langer nennt ein Beispiel für einen exorbitanten Wertzuwachs, der auf chinesische Besonderheiten zurückzuführen ist. So hatte man im Abo 1980 eine Motivmarke mit dem Jahr des Affen für 20 Pfennig bekommen können. „Eine solche Marke erzielt bei einer Auktion heute 1300 Euro.“ Überhaupt kommt es auf die kleinen Besonderheiten an, die Marken plötzlich zur begehrten Ware machen. In den USA zum Beispiel sei der Handel mit Marken aus China bis 1972 ganz verboten gewesen. Als Seltenheit gilt übrigens eine China-Marke mit abgestempeltem Mao-Kopf. Der Kommunistenführer durfte nämlich nicht abgestempelt werden. Die Entwertung fand neben der Marke statt.

Freuen kann sich Horst Langer über jede postalische Hinterlassenschaft mit einem regionalen oder lokalen Bezug. „Aus jeder Sammlung nehme ich sofort Motive mit einem Wilster-Stempel heraus.“ Solche Stempel sind längst Geschichte, seitdem die Post über automatisierte und zentrale Verteilzentren läuft. Horst Langer bedauert, dass jüngere Generationen dafür zurzeit offenbar keine Begeisterung mehr entwickeln können. Einst sei Philatelie nicht nur Unterrichtsgegenstand in Schulen gewesen. Aus der Sammelleidenschaft des früheren Bildungsbürgertums ist längst ein Nischen-Hobby geworden. Für Horst Langer hat die Philatelie dennoch eine Zukunftsperspektive. Auch künftig, davon ist er überzeugt, kann man als Sammler auch noch auf die richtige Marke setzen. „Warum nicht jetzt mit einer Syrien-Sammlung anfangen?“ schlägt der Experte vor. In einigen Jahren oder Jahrzehnten steckt auch hinter Briefmarken aus diesem leidgeprüften Land ein Stück Zeitgeschichte.


> Die Briefmarken- und Münzfreunde

des VHS Wilster treffen sich immer sonntags

um 10 Uhr im Amt Wilstermarsch. Die nächsten

Termine sind 17. April, 15. Mai und 19. Juni.

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