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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2017 | 07:20 Uhr

Uraufführung : Bühnen-Krimi mit Lokalbezug

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Uraufführung im theater itzehoe: „Karteileichen“ als erste Eigenproduktion gezeigt. Die Schauspieler, das raffiniert-minimalistische Bühnenbild und pfiffige Regie-Ideen begeistern.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2014 | 05:00 Uhr

Die Madonnenstatue birgt die Lösung des Falls. Sie trägt die Gesichtszüge der Ehefrau des Ermordeten, also der Geliebten des Künstlers, der offenbar Kriegsheimkehrer Heine mit der Axt erschlagen hat. Zudem wurde für die Statue der gleiche Draht verwendet, mit dem auch die in einem Teich versenkte Leiche verschnürt war. Der Mord ist gelöst, die akribische Suche der Stecknadel im Heuhaufen – zu der Kriminaloberkommissar Raufeldt seinen widerspenstigen Assistenten Jan Sievert unablässig motiviert – führt zum Täterpaar.

Der authentische Elmshorner Nachkriegsfall Ruth Blaue, der erst viele Jahre später gelöst wurde, lieferte die Vorlage für „Karteileichen“, die erste Eigenproduktion des theaters itzehoe. Direktorin Ulrike Schanko verfasste das Stück, Sylvia Richter aus Hamburg führte Regie, und Silke von Patay stattete die Inszenierung aus, die jetzt an zwei Abenden hintereinander für ein volles Haus und begeisterten Beifall sorgte.

Viele Itzehoer ließen sich dieses besondere Kulturbonbon mit Lokalbezug nicht entgehen und rätselten in der Pause nach den ersten beiden Akten, welche Schauspieler wohl Laien und welche Profis sind. Das kongeniale Zusammenspiel beider zeichnete Schankos Experiment aus, das auch die Itzehoer Störschipper mit einigen Shantys und Aktionen effektvoll in die Handlung einband.

Diese führte nach diversen Auseinandersetzungen auf dem Itzehoer Kommissariat, das von den Aktenbergen der unaufgeklärten Fälle gezeichnet und durch ein raffiniertes minimalistisches Bühnenbild in Szene gesetzt war, hinaus ins Gelände – in die Gartenstraße. Dort erkundeten die Kommissare als letzten Versuch die Wohnumgebung eines Vermissten, der sich erst nach und nach als der Ermordete entlarvte. Doch wie bringt man die Gartenstraße auf die Bühne? Eine Lachsalve begleitete die Szene mit zwei menschlichen Gartenzwergen, die sich im Hintergrund niederließen und so den Höhepunkt diverser pfiffiger Regieeinfälle bildeten.

„Als Itzehoer musste man das einfach gesehen haben“, befanden Inge Busch und Kati Hagemann, die die Steinburger Kulturszene seit vielen Jahren treu verfolgen. Sie bedauerten in der Pause wie viele andere Besucher, dass einige Dialoge schwer zu verstehen waren und so in den ersten Akten manchmal kurz der Zusammenhang verloren ging. Auch zogen sich die Dispute zwischen dem Kommissar und seinem Assistenten doch in die Länge. Das Konzept wollte offenbar die Betulichkeit der Provinz und der 50er-Jahre vor Augen führen und entwickelte langsam und ausführlich dialogisch die Fäden, die letztlich zur Auflösung führten.

Doch am Ende der Premiere zeigten sich nicht nur Inge Busch und Kati Hagemann mit dem Gesamtergebnis sehr zufrieden. In den letzten Akten nahm die Handlung Fahrt auf, unterstützt von den Shantys, die über das Verlobungsgeschenk für den jungen Kommissaranwärter – die Statue aus dem Schwarzwald, wohin sich das Täterpaar geflüchtet hatte – die „Drähte“ zusammenführten.

Diese Version wich vom realen Fall ab und auch von der Verfilmung in der berühmten Krimi-Reihe „Stahlnetz“. Ulrike Schanko ließ eine neugierige Nachbarin die fehlenden Puzzleteile liefern: Eine eher banale Lösung, aber zugleich komödiantische Zuspitzung, die die Inszenierung gut abrundete.

Der Schwerpunkt lag somit auf der Kriminologie und den damit verbundenen – und auch epochengebundenen – Widrigkeiten und Zufällen. Weniger auf den psychologischen Ansätzen und Motiven der realen Ruth Blaue, die als mondäne, selbstständige Frau an der geistigen Enge ihrer Zeit und Umgebung sowie an der Kriegsheimkehrerproblematik litt, was Schanko in Auswanderungsträume, aber auch in Albträume und unheilvolle Vorahnungen umsetzte. Zudem stammten die Gedichtverse, die Helga Heine mit ihrem Lebensgefährten am Schluss in den Raum stößt, original von Ruth Blaue: Sie ließ diese dem Schwurgerichtsvorsitzenden kurz vor der Urteilsverkündung in Itzehoe überreichen, wie man im Programmheft erfährt. Sie brachten die Zuschauer zum Nachdenken über den offenen Schluss, bei dem sie als letzte Worte hinausschreit: „Ich bin keine Mörderin“.

Ruth Blaue wurde 1955 vom Gericht in Itzehoe wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes an John Blaue verurteilt. Sie bestritt jedoch bis zu ihrem Tod 1972 jede Beteiligung.

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