Energiewende : Brunsbüttel und Brokdorf: Werden die AKW-Standorte zu Endlagern?

Stephan Mohrdieck
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Die Suche nach geeigneten Orten für die Atommüllendlagerung lässt die Arbeitsgemeinschaft ASKETA mit Sorge auf Brokdorf und Brunsbüttel blicken. Ein „Ersatzendlager“ wollen die Standortgemeinden verhindern.

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20. Mai 2015, 06:30 Uhr

Brokdorf | Die Bürgermeister aus 20 Standortgemeinden kerntechnischer Anlagen haben bei einem zweitägigen Treffen im Kernkraftwerk Brokdorf an Politik und Gesellschaft appelliert, ihrer Verantwortung für eine zügige Entsorgungspolitik gerecht zu werden. Schwerpunktthema war die Entsorgung der schwach-, mittel- und hochradioaktiven Abfälle. Hier sind die Gemeinden von der Sorge belastet, dass aus den Zwischenlagern in den Kraftwerken tatsächlich Endlager werden könnten.

Bei dem Treffen der Arbeitsgemeinschaft ASKETA* zeigten die Bürgermeister Zusammenhalt, als sie den Bürgermeister von Neckarwestheim, Mario Dürr, zum neuen 1. Vorsitzenden wählten. Seine Stellvertreter sind Brunsbüttels Bürgermeister Stefan Mohrdieck sowie Bürgermeister Josef Klaus aus Niederaichbach.

Mit Nachdruck vertrat Dürr die Auffassung, dass es an dem Ausstiegsszenario Deutschlands aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie nichts zu rütteln gebe. Fakt sei, dass in Deutschland die weltweit sicherste Kernenergienutzung aus politischer Motivation aufgegeben werde. Der Rückbau der Anlagen und die sichere Entsorgung würden die betroffenen Gemeinden noch Jahrzehnte lang beschäftigen. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen würden der politischen Opportunität geopfert. „Mit den Arbeitsplätzen entfallen letztendlich pro Jahr nicht nur rund 600 Millionen Euro an Kaufkraft, sondern auch Investitionen von jährlich 1,2 Milliarden Euro“, rechnete Dürr vor.

Die ASKETA-Mitglieder zeigten kein Verständnis dafür, dass sich die „ergebnisoffene Suche“ nach einem Endlager als eine scheinbar unendliche Geschichte entpuppe und eine belastbare Standortentscheidung von einer entscheidungsunwilligen Politik auf Kosten der Standortgemeinden auf den „Sankt-Nimmerleins-Tag“ verschoben werde.

Das Trauerspiel um das genehmigte Endlager im Schacht Konrad bei Wolfenbüttel lege den Verdacht nahe, dass es gesellschaftlicher Konsens in Deutschland sei, keine Form von Endlager zu akzeptieren. Wenn jetzt die bestehenden Standortzwischenlager – in Brokdorf ebenso wie in Brunsbüttel – eher ausgebaut statt geräumt würden, werde deren Zukunft als „Ersatzendlager“ gefestigt, befürchten die Vertreter der Standortgemeinden. Um hier Druck aufzubauen, fordern die Bürgermeister Sitz und Stimme in der Endlager-Kommission. „Wir wollen die Nachnutzung der Kraftwerks-Areale, wenn die Flächen aus dem Atomgesetz rausfallen“, betonte Dürr. Dann dürfe es aber keinen Atommüll mehr auf dem gesamten Gelände geben. Damit widersetzen sich die Standortgemeinden einer Aufnahme von 26 Castoren aus Sellafield (England) und La Hague (Frankreich) – Atommüll, der bei der Aufarbeitung deutscher Nuklearbrennstoffe angefallen ist und spätestens 2016 nach Deutschland geliefert werden soll.

Für das Kernkraftwerk Brunsbüttel, so berichtete Vattenfall-Mitarbeiter Olaf Hiel, würden alle Varianten für eine Zwischenlagernutzung untersucht. Schließlich werde sein Unternehmen eine Lösung vorschlagen, über die der Bund zu entscheiden haben werde.

Bürgermeister Stefan Mohrdieck war sich bewusst, dass man in den Standortgemeinden mit den hochradioaktiven Castoren um ein Produkt zu ringen habe, „das wir haben, aber das wir nicht haben wollen“. Hier werde man sich noch eingehend mit der Politik auseinandersetzen müssen.

*ASKETA (Arbeitsgemeinschaft der Standortgemeinden kerntechnischer Anlagen in Deutschland)
 

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