Brücken bauen mit Musik

Ganz in ihrem Element: Sängerin Cay Davies arbeitet im Heider Jugendzentrum. Die 62-Jährige will mit ihrer Musik jungen Leuten Respekt und Toleranz vermitteln.
Ganz in ihrem Element: Sängerin Cay Davies arbeitet im Heider Jugendzentrum. Die 62-Jährige will mit ihrer Musik jungen Leuten Respekt und Toleranz vermitteln.

Costa Cordalis, Vicky Leandros und Peter Maffay gehörten zu ihrem Leben – Heute arbeitet Sängerin Cay Davies im Heider Jugendzentrum

shz.de von
30. Mai 2015, 10:22 Uhr

„Leute, seid nicht so lahm. Ihr seid hier nicht im Altersheim. Kommt mal in Wallung!“, ruft die Frau mit dem auffälligen weißen Pullover in den Raum. Langsam füllt sich der Disco-Saal im Heider Jugendzentrum (Juze). Cay Davies ergreift wieder das Mikrofon, während im Hintergrund die Musik läuft – Hip Hop, Beats und auch Rock. Jetzt erfüllt der Sprechgesang eines Jungen den Raum. Ein Mädchen wird schließlich mutig, schnippt mit den Fingern und gibt ihren Song zum Besten. Die Musik wird lauter und aus der anfänglichen Passivität sprießt Dynamik. Einige Jugendliche legen jetzt eine flotte Sohle auf das Parkett.

Das Eis ist gebrochen, Cay Davies kommt in Fahrt. „In solchen Einrichtungen wie hier bin ich groß geworden“, erzählt die 62-Jährige, die in Mannheim zur Welt kam. Später stand sie mit Größen wie Costa Cordalis, Vicky Leandros, Peter Maffay oder Joy Fleming auf der Bühne und verdiente als Backgroundsängerin ihr Geld. Die 1970er und 80er sind längst Geschichte. Heute unterstützt Cay Davies das städtische Haus der Jugend, ein offenes Zentrum mit nicht immer pflegeleichtem Publikum. Nicht wenige hängen stundenlang vor den Computern ab. Mitunter regiert pure Intoleranz, die jungen Leute schießen verbal übers Ziel und rempeln sich auch schon mal durch die Räume. Nicht selten müssen sich die hauptamtlichen Kräfte ziemlich derbe Sprüche anhören.
„Es ist manchmal belastend und hart, weil der Respekt fehlt. Aber wir waren damals auch nicht einfach. Woodstock prägte meine Jugend, eine ziemlich wilde Zeit“, blickt Davies zurück.

Jeden Dienstag schaut sie ins JuZ und bringt Sven Weiss mit. Er bedient die Technik und sorgt dafür, dass der Sound sauber rüber kommt. Gut zwei Stunden wird mit den Jugendlichen gearbeitet. „Ich möchte in meinen Stücken Respekt und Gewaltfreiheit vermitteln und zeigen, dass es auch anders geht. Aggressive, rassistische oder gar frauenfeindliche Texte sind bei mir absolut tabu. Es geht auf der Welt mit Frieden besser als mit Gewalt“, erzählt Cay Davies und erntet von einigen zustimmendes Nicken.

Der Sängerin aus Westerdeichstrich sind die Jungen und Mädchen ans Herz gewachsen. „Ich singe nicht nur, sondern rede auch mit ihnen. Sie sollen mir erzählen, wo sie der Schuh drückt. Dabei spüre ich immer wieder, dass sie Halt und Orientierung suchen. Die Pubertät ist halt eine schwierige Phase. Oft läuft es nicht in der Schule oder es gibt Stress mit Freunden. Doch viele Eltern nehmen sich leider nicht die Zeit für ihre Kinder, um Dinge aufzuarbeiten.“

Sie spüre, dass das Angebot auf fruchtbaren Boden fällt, erzählt Cay Davies. „Die Jugendlichen mögen mich und trauen sich langsam, in der Gruppe aufzutreten. Das stärkt und ist gut für das Selbstbewusstsein. Musik öffnet Herz und Seele. Diese Erfahrung habe ich schon woanders gemacht. Musik ist die beste Therapie. Da können die Leute zu sich finden.“ Nicht umsonst lautet das Motto ihres Projekts „feel the music“ – fühle die Musik. Cay Davies setzte diesen Ansatz woanders bereits erfolgreich ein: Sie gab bei der Brücke Schleswig-Holstein ein viel beachtetes Benefiz-Konzert und tritt auch im Haus Gezeiten, einer Einrichtung für Menschen mit seelischen Erkrankungen, auf.

Die leidenschaftliche Soul-, Jazz- und Rocksängerin, deren Vater Franzose und Mutter Heiderin ist, möchte sich nach ihrer Profi-Karriere sozial engagieren, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Neben ihren musikalischen Gastspielen mit Sven Weiss und dem Pianisten Hauke Wolter will Davies jetzt in die Flüchtlingsarbeit einsteigen. Den Hintergrund bildet eine Initiative der Dithmarscher Musikschule. Mit Musik möchte deren Leiter Richard Ferret Brücken bauen. Brücken zu Einwanderern, die in Heide versuchen, sich in einem für sie gänzlich fremden Gebiet zurechtzufinden. „Musik zählt für mich zur Willkommenskultur. Wenn es gelingt, den Menschen unsere Sprache durch deutsches Liedgut näher zu bringen, will ich das gerne tun.“

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen