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Norddeutsche Rundschau

17. Oktober 2017 | 23:26 Uhr

Breakdance statt Strickstrümpfen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ältere Semester aus der Wilstermarsch mussten sich jugendliches Cool-sein erst erarbeiten – und haben seitdem den Berlinern einiges voraus

shz.de von
erstellt am 30.Mär.2015 | 15:52 Uhr

Eine ungewöhnliche Geschlechterverteilung erwartete Son-Young Ramert in Wilster: Vor allem Frauen wagten sich am Wochenende mit dem „Break Dance für Senioren“ auf unbekanntes Terrain und erprobten Tutting, Posing und Toprock. Letzteres beschreibt das Tanzen im Stand, das in diesem Kurs im Rahmen des Kulturfestivals „25 Wochen“ deutlich dominierte.

„Älteren Knien bekommen die Tanzschritte am Boden nicht mehr so gut. Das haben wir nur sehr zurückhaltend geübt“, beschreibt Son-Young den Unterschied zu ihren üblichen Kursen für Kinder und Jugendliche, wie sie in der berühmtem Berliner „Flying Steps Dance Academy“ anbietet. Dort überwiegen deutlich die Jungs, die mit den eckigen Bewegungen und dem grimmigen Blick vor allem „cool wirken“ wollen. Dann ist die Musik auch „mindestens viermal so laut und lässt den Boden beben“.

„Für dieses Cool-Sein musste ich die Wilsteraner Teilnehmer erst aus der Schreckstarre holen“, berichtet die Break-Dance-Dozentin schmunzelnd. Was die Jugendlichen als Gefühl direkt aus der Kraft der Musik holen, mussten sich die Älteren erarbeiten. „Stellt euch vor, ihr werft euch die Jacke von hinten über eure breiten Schultern. Jetzt werdet ihr ganz groß und zieht lässig vorne den Reißverschluss nach oben“, gibt sie den Teilnehmerinnen ein inneres Bild für die äußere Pose, die ignorant, stolz und eben cool wirken soll. Sie praktiziert es humorvoll als Rollenspiel, erläutert auch die Hintergründe und Unterschiede zwischen der früheren fantasievollen Phase der Achtzigerjahre und dem harten Gangsterrap der Gegenwart, dem sie weniger abgewinnen kann. „Macht es, wie ihr euch wohlfühlt. Es gibt kein richtig und falsch“, führt sie ihre Gruppe in freie Bewegungsfolgen, die mit wenigen Grundschritten auskommen. Dazu gibt es eine kleine Lektion im „Tutting“, bei dem sich die Hände in rechtwinkligen Formen zur Musik bewegen.

Ihre experimentierfreudigen Schülerinnen und Schüler seien im Lauf der drei Tage „deutlich gewachsen“, freut sich Son-Young Ramert. „Kopfstandbegeisterung“ hat sie in Wilster von vornherein nicht erwartet und eher ältere „funkige Musik“ mitgebracht. Die 32-jährige temperamentvolle Tanzlehrerin hat ihre Gruppe sehr einfühlsam an das so andere Lebens- und Tanzgefühl herangeführt und erntet dafür zum Abschluss am Sonntagnachmittag viel Anerkennung.

Kathrin Soll aus Burg hatte der Untertitel „Keine Lust auf Strickstrumpf und Kaffeetafel“ zum „Breakdance für Senioren“ gelockt. Sie hat keine Tanzerfahrung und fand die Idee toll, nochmal etwas ganz Neues auszuprobieren. „Ich bringe den jungen Leuten, die man manchmal auf der Straße tanzen sieht, nun großen Respekt entgegen“, bekennt Dörte Wolfskämpf, die ebenfalls „eine interessante Erfahrung“ mitnimmt. Son-Young Ramert kehrt mit dem Bewusstsein nach Berlin zurück, dass es auch für Break-Dance keine Altersbegrenzung gibt. Und dass die innovativen Wilsteraner das vor den Berlinern entdeckt haben.


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