Borsfleth: Kleines Dorf mit viel Geschichte

Borsfleths ältestes Schulhaus von 1693.
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Borsfleths ältestes Schulhaus von 1693.

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28. Januar 2011, 03:59 Uhr

Borsfleth | In Borsfleth wandelt man auf historischen Pfaden - auf einer der ältesten Klinkerstraßen im Kreis Steinburg. Eine steinalte Route, im wörtlichen Sinne: Die abgefahrenen Klinkersteine der rund 100-jährigen Straße wurden 1987 einfach umgedreht. So schlängelt sie sich noch heute durch den malerischen historischen Ortskern mit seinen alten Reetdachkaten, wo mittlerweile Gemeinschaftshaus, Bücherei oder auch Feuerwehr ihren Platz gefunden haben.

Das Gemeinschaftshaus verdecken momentan Baugerüste. Seit vergangenem Sommer wird es entkernt und saniert. "Im Frühsommer können wir voraussichtlich Einweihung feiern", prognostiziert Bürgermeister Peter Mohr. Daneben liegt das Reich der Borsflether Feuerwehr. Auf das neue Auto ist man stolz. "Ich wurde schon für verrückt erklärt, als ich vorschlug, das alte Feuerwehrauto im Internet zu versteigern", erinnert sich Mohr. Dann ersteigerte ein Holländer das alte Fahrzeug für 3500 Euro.

Vorbei am Pastoratsgarten mit seinen Apfel und Walnussbäumen geht es zum alten Schulhaus, das älteste Gebäude in Borsfleth. 1683 wurde die alte Reetkate erbaut.

Im Lauf der Jahrhunderte zog die Dorfschule einige Male um. Seit 1975 die Borsflether Grund- und Hauptschule geschlossen wurde, besuchen die Dorfkinder in Glückstadt oder Krempe die Schulen. Die Kleinsten können aber vor Ort betreut werden: Seit zehn Jahren gibt es einen kommunalen Kindergarten im Dorf. "Außerdem haben wir hier noch einen Kindergarten der Lebenshilfe, in den nicht nur behinderte Kinder aus Borsfleth gehen", erklärt der Bürgermeister.

Auch wenn in der alten Schule kein Kind mehr die Schulbank drückt, steht sie nicht leer. Eines der Gebäude wird heute als Gemeindehaus und für Veranstaltungen genutzt. Über die werden die Borsflether bestens informiert: "Wir haben hier im Dorf zwar keine Litfaßsäule, aber wir haben die da", sagt der Borsflether Hans Mester und deutet auf eine grüne Tür in der Schulstraße. Ob Boßeln, Theateraufführung oder Dorffest: "Wenn irgendetwas im Dorf angekündigt werden muss, hängt man es am besten hier hin", klärt Bürgermeister Peter Mohr auf. "Und der Maler, der hier im Haus wohnte, hält unsere grüne Tür immer schön grün", freut sich Anke Hellmann, die einen Hofladen betreibt.

Weiter führt die Klinker straße zur St. Urban Kirche. Der größte Teil des alten Backsteinbaus aus der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Einzig die Nordmauer steht noch aus dieser Zeit. Erst 1900 kam St. Urban zu ihrem Turm. Einem Steinturm, was ungewöhnlich ist für die Marsch. Wegen des weichen Boden haben viele Kirchen der Gegend Glockentürme aus Holz. "Und diese beiden Glocken hingen noch bis vor zwei Jahren da oben", berichtet der Bürgermeister und deutet auf die beiden grauen Stahlglocken vor der Kirche. Sie waren seit dem Ersten Weltkrieg im Einsatz, als das ursprüngliche Geläut zu Kriegszwecken eingeschmolzen worden ist. "Dütschlands Not weer de oln Klocken ern Dot" erinnert die Inschrift auf einer der beiden Stahlglocken noch heute daran. Seit 2008 erklingen in Borsfleth dafür zwei Glocken aus Bronze.

Heute ist das Leben in Borsfleth friedlich. Das war nicht immer so. "Vater vergib" steht auf dem Grabstein im Schatten der alten Kirche. Er wurde auf dem Grab eines polnischen Zwangsarbeiters aufgestellt. "Am Ende des Zweiten Weltkrieges zogen viele Flüchtlinge und Kriegsgefangene durch die Gemeinde", erzählt Peter Mohr. "Ein polnischer Soldat schwächelte und die Wärter versuchten, ihn zum Weitergehen zu überreden." "Der war völlig erschöpft und konnte nicht weiter", erklärt Michael Boldt, Gemeindevertreter und Herausgeber der Borsflether Zeitung. "Da wurde er erschossen." Man weiß nur, dass er aus Polen kam und wann er starb, mehr ist heute in Borsfleth nicht über den Mann bekannt. "Aber er soll trotzdem nicht vergessen werden", so Boldt. Am Ende des Friedhofs wird mit zwei Denkmälern zudem den Opfern des Ersten und Zweiten Weltkrieges gedacht. "Und jeder Gefallene hat eine eigene Gedenktafel", merkt Anke Hellmann an. "Das ist schon etwas Besonderes."

Überhaupt wird in Borsfleth viel der eigenen Geschichte gedacht: Neben dem Friedhof steht die Friedenseiche. Sie erinnert an den Friedensschluss von 1871 und steht hinter dem Obelisken für die zwei im Krieg 1870/71 gefallenen Borsflether. Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Baum im Dorf: die Bismarck eiche. "Da hat schon Bismarck gerastet, als er damals durch Borsfleth zog", erzählt Bürgermeister Peter Mohr augenzwinkernd. "Wat? Der hat sich doch mehr im Sachsenwald aufgehalten", ist Michael Boldt skeptisch.

Direkt neben der Kirche steht das Haus von Helmut Heißenbüttel. Hier lebte der mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftsteller und Kritiker seit 1981 bis zu seinem Tod 1996. Außerdem wohnen der Künstler Uwe Paduck und die plattdeutsche Schriftstellerin Elke Wriedt im Dorf.

Und es gibt noch eine ganz andere Art von Künstler im Dorf: Hans Mester, Rentner und leidenschaftlicher Nicht-Fischesser, züchtet in seinem Garten 82 kugelrunde Buchsbäume. "Vielleicht ist es auch einer mehr oder weniger", gibt er sich bescheiden. "Aber irgendwann kommt er noch mal ins Guinness-Buch", glaubt Peter Mohr.

Wasser gehört zu Borsfleth einfach dazu. Viele der Grundstücke im Dorf haben einen direkten Zugang zur Kremper Au. Die Verlathschleuse am Ortseingang ermöglichte bis zu Beginn der 70er Jahre die Schiffspassage zwischen der inneren und äußeren Kremper Au. "Außerdem haben wir die wohl einzige krumme Schleusenkammer Deutschlands", sind die Borsflether stolz. Die Kremper Au war damals ein wichtiger Verkehrsweg, da die Straßen noch überwiegend unbefestigt und in schlechtem Zustand waren. Zeitweise gab es sogar eine kleine Bootswerft in Borsfleth-Büttel.

1756 brach der Deich. Sieben Katen am Deichfuß wurden zerstört. 17 Menschen ertranken. Die Brack war so tief, dass sie nicht gefüllt, sondern umdeicht wurde. So entstand der Kesseldeich, in dem in den 20er Jahren der Sportplatz angelegt wurde. "Die Borsflether Arena", erklärt Hans Mester voller Ernst. Hier spielt der TSV Borsfleth. Für ein aktives Dorfleben sorgen aber noch eine Menge anderer Vereine und Gruppen wie die Theatergruppe, der Kunstverein, die Staudentauschgruppe, Spielmannzug oder Angelverein.

Direkt gegenüber des Deichs liegt "Schloss Hasenburg". Ein Schloss in Borsfleth? "Da hat Carsten Pahl, ein Borsflether Original gewohnt", erklärt Michael Boldt. Mit seinem dunklen Vollbart, einer dicken Wollpudelmütze, blauer Klappbüx und seiner mächtigen Stimme verlieh der alte Schiffer so manchem Dorffest sein Gepräge. Carsten Pahl ist schon lange tot, aber noch heute thront ein kleiner Hase auf dem Dachfirst von "Schloss Hasenburg".

Die meisten Bewohner arbeiten heute außerhalb Borsfleths und leben in länd licher Umgebung, aber fernab der Landwirtschaft. Von 30 landwirtschaftlichen Betrieben im Jahr 1970 sind heute nur noch sieben Landwirte aktiv.

Stolz ist man in Borsfleth besonders auf die dorfeigene Bücherei. "Seit über 100 Jahren haben wir hier eine eigene Dorfbücherei", berichtet Michael Boldt. 1903 wurde sie vom damaligen Schulmeister gegründet. "Aber auch vorher gab es hier schon Lesezirkel", so Boldt. Seine Frau ist die Herrin der rund 3000 Bücher. Und die Menschen kämen nicht nur zum Ausleihen in die Dorfbücherei - "das ist hier auch ein Kommunikationstreff." Viele spenden auch Exemplare und sorgen dafür, dass die Borsflether immer neuen Lesestoff bekommen. "Ich bin sehr stolz auf das ehrenamtliche Engagement der Borsflether", sagt Mohr stolz.

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