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Norddeutsche Rundschau

20. August 2017 | 14:12 Uhr

Vortrag : Bombe zerstörte Orgel-Empore

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Helmut Schwingel berichtet über die historische Bedeutung der Kirche in Wilster .

Mindestens seit dem Jahr 1164 gibt es in Wilster eine Kirche. Die erste urkundliche Erwähnung aus jener Zeit war Anlass, dass die Kirchengemeinde Wilster am Wochenende den 850. Geburtstag ihres Gotteshauses feierte – mit einem Festgottesdienst, den Propst Dr. Thomas Bergemann am Sonntagmorgen in der St.-Bartholomäus-Kirche mit der Gemeinde feierte, und einem Festvortrag, den das ehemalige Kirchenvorstandsmitglied Helmut Schwingel über die Geschichte der Wilsteraner Kirche hielt. Schwingel war lange Jahre Vorsitzender des kirchlichen Bauausschusses. Wie die erste Kirche in Wilster ausgesehen habe und ob sie bereits dem Heiligen Bartholomäus geweiht war, sei unbekannt. „Wir wissen über diesen ersten Kirchenbau nichts“, so der Referent. Man gehe aber von einem einfachen Feldsteinbau oder sogar nur von einer hölzernen Kapelle aus. Belegt werde dieser Kirchenbau in einer Urkunde des Klosters Neumünster aus dem Jahr 1164.

Umfangreicher sei das Wissen um die Vorgängerkirche der Sonnin- bzw. Bartholomäus-Kirche, einer im gotischen Stil erbauten Kirche mit Spitzbögen, Gurtbögen und dazwischen gemauerten Gewölben. Umfassend informierte Helmut Schwingel über die Ausmaße des Gotteshauses mit einer Gesamtlänge von 55 Metern. Es verfügte über 776 Sitzplätze und mit weiteren Stehplätzen und Klappsitzen über insgesamt 1407 Plätze. Die Kirche sei viel zu klein gewesen, denn die Gemeinde umfasste seinerzeit rund 2000 erwachsene Mitglieder, die alle – und das sei damals so üblich gewesen – sonntags auch in die Kirche wollten. Erhebliche Bauschäden und Baumängel führten dazu, dass die Vorgängerkirche abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden musste. Das war das Ergebnis von Untersuchungen der Baumeister Finndorf und Rosenberg und des Hamburger Gutachters Ernst-Georg Sonnin, von dem eine Drittmeinung eingeholt worden sei. Zwischen 1763 und 1765 setzte sich in der Diskussion immer mehr die Gewissheit durch, dass man um einen Neubau nicht herum kommen würde. Finndorf, Rosenberg und Professor Caspar Friedrich Harsdorff erhielten den Auftrag, einen Entwurf für einen Neubau vorzulegen. 1775 ging Sonnin auf die vorgelegten Entwürfe ein und beschrieb seine eigene Auffassung von der Gestaltung des protestantischen Kirchenraumes, ihren optischen und akustischen Erfordernissen und zur Fassadengestaltung.

Helmut Schwingel räumte allerdings mit der weit verbreiteten Meinung auf, Sonnin habe neben der heutigen Kirche in Wilster auch den Hamburger Michel gebaut. In Hamburg sei er dem Baumeister Johann Leonhard Prey lediglich als Berater zur Seite gestellt worden. Das sei er auch nach dem Tod von Prey geblieben, dessen Aufgabe von dem Hannoveraner Baumeister Heumann übernommen worden sei. In Wilster werde Ernst Georg Sonnin neben dem Kirchenbau auch das Palais Doos (das Neue Rathaus) zugeschrieben, wofür es allerdings keine sicheren Belege gebe.

Entscheidend beim Bau der heutigen Kirche vor über 230 Jahren sei die Akustik gewesen, damit jeder auf allen Plätzen in der Kirche alles verstehen konnte, sowie die Sicht auf Kanzel und Altar, damit jeder Gottesdienstbesucher von allen fast 2000 Plätzen an dem Geschehen teilhaben konnte. Die Größe des Gotteshauses sei keinesfalls Ausdruck eines übersteigerten Geltungsbedürfnisses gewesen, sondern diente mit dem Verkauf der Logen- und Sitzplätze vorrangig der Finanzierung des Kirchenbaus. Damit sei die gewaltige Summe von 80 000 Mark eingenommen worden – ein Betrag, der der zuerst veranschlagten Baukostensumme entsprach. In der Schlussabrechnung seien die Baukosten allerdings auf 200 000 Mark angestiegen.

Sonnin übernahm am 15. Juni 1775 die Bauleitung für den Kirchenneubau, nach Abschluss der Maurerarbeiten Ende 1776 setzte er sich planerisch mit der Erhöhung des Kirchturms um eine Geschosshöhe auseinander. „Damit sollte der Turm ein harmonisches Bild zum Kirchenschiff erhalten und außerdem erreicht werden, dass der Glockenklang weithin hörbar sei und nicht durch das Kirchenschiff abgedeckt würde“, beschrieb Schwingel. Die Einweihung der neuen Kirche fand unter gewaltiger Beteiligung der Gemeinde am 2. Juli 1780 statt. Helmut Schwingel berichtete weiter über den Umbau der Orgel um 1832 durch die Firma Marcussen & Reuter aus Apenrade. Weitere größere Orgelarbeiten wurden von den Gebrüdern Nagel aus Itzehoe 1880 und 1899 durchgeführt. 1911 wurde eine neue Turmuhr installiert.

Schwingel ließ auch das schlimmste Ereignis für die Kirche nicht unerwähnt: den Bombeneinschlag am 15. Juni 1944 mit verheerenden Schäden im Inneren der Kirche. Die hinteren Emporen und die Orgel wurden restlos zerstört. Der Wiederaufbau folgte in zwei Bauabschnitten 1947 bis 1954 und 1963/64. Die heutige Bachorgel wurde auf die untere Empore gesetzt und die Anzahl der Sitzplätze auf nur noch rund 1000 verringert. Außerdem wurden für die Schaffung neuer Funktionsräume die Logen am Altar recht schmucklos geschlossen. „Damals saß uns noch kein Denkmalschützer im Nacken“, scherzte Helmut Schwingel. Er nannte als Höhepunkte der jüngsten Zeit den Ausbau der Bach-Orgel und die Erneuerung aller 33 bleiverglasten Kirchenfenster mit der enormen Bausumme von 330 000 Euro – teilweise durch Spenden, Zuschüsse und den Verkauf einer weiteren Immobilie finanziert.

Abschließend freute sich der Referent, dass die Synode des Kirchenkreises die Wilsteraner Kirche wegen ihrer historischen und überregionalen Bedeutung unter einen besonderen finanziellen Schutzschild gestellt habe. Lange geplante Sanierungsmaßnahmen müssten nun bald begonnen werden, mahnte Schwingel in Anwesenheit von Propst Dr. Thomas Bergemann und dessen Stellvertreterin Christiane Zimmermann an. Dazu zählen die Sanierung der neun Portale und vor allem die Restaurierung der beiden großen Sandsteinportale. Im Kircheninneren ist der aufwändige Kanzelaltar stark sanierungsbedürftig.

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