Dammfleth : Biogasanlage rutscht in die Insolvenz

Gras gibt es in der Wilstermarsch oft im Überfluss. Für Grünland-Bauern, die reichlich Flächen vorhalten müssen, sollte die Umwandlung in elektrische Energie ein Zubrot bringen.
Gras gibt es in der Wilstermarsch oft im Überfluss. Für Grünland-Bauern, die reichlich Flächen vorhalten müssen, sollte die Umwandlung in elektrische Energie ein Zubrot bringen.

Maschinenschaden, Streit mit Versicherung und immer teureres Gras: Die Betreiber der Biogasanlage Dammfleth sind trotz Insolvenz zuversichtlich, dass es weitergeht.

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05. August 2017, 05:00 Uhr

Bei ihrem Bau vor zehn Jahren galt sie als beispielhaftes Pilotprojekt für Grünlandbauern. Es gab Fördermittel vom Land und von der Europäischen Union. Jetzt mussten die Betreiber der Biogasanlage in Dammfleth Insolvenz beantragen. Weil die Wilstermarsch Energie GmbH & Co. KG nicht mehr über ein ausreichendes Finanzpolster verfügt, hat im Auftrag des Amtsgerichts Itzehoe ein Hamburger Rechtsanwalt als vorläufiger Insolvenzverwalter die Regie in der Gemarkung Neufeld übernommen. Der Betrieb läuft aber unverändert weiter. Und der Nortorfer Armin Wiggers, erst seit rund drei Monaten Geschäftsführer, ist zuversichtlich, dass unter den Bedingungen des Insolvenzrechts auch ein Durchstarten möglich sein wird.

2007 hatten sich 14 Landwirte aus der Region für das fast drei Millionen Euro teure Projekt zur Energieerzeugung zusammengetan. Die Anlage, so der damalige Geschäftsführer Klaus Strüven aus Aebtissinwisch, sei am besten für die vorwiegend auf Grünland betriebenen Bauernhöfe der Wilstermarsch geeignet, da ausnahmslos nachwachsende Rohstoffe wie Gras-, Mais- und Getreidesilage im Trockenverfahren verarbeitet werden.

Herzstück ist eine 800 Quadratmeter große Halle, in der acht Fermenter mit Trockenware befüllt werden. Das Substrat wird im Kreislaufverfahren mit Wasser berieselt. Durch Bakterien entwickelt sich Methangas, das unter Luftabschluss in ein Blockheizkraftwerk geleitet wird, wo Strom und Wärme erzeugt werden. Das verarbeitete Substrat aus den Fermentern kann als Kompost auf die landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht werden. In 8000 Betriebsstunden pro Jahr unter Volllast, so die Rechnung, sollten vier Millionen Kilowattstunden Strom in das öffentliche Netz eingespeist werden. Daneben werden auch noch benachbarte Gebäude mit Wärme versorgt.

Richtig Geld damit verdient, so heißt es aus Kreisen der Landwirtschaft, habe damit bisher aber keiner von den Biogas-Bauern. „Das war damals ein Pilotprojekt. Vieles an Technik musste parallel erst einmal entwickelt werden. Deshalb gab es ja auch die Fördergelder“, erinnert Bernd Voss, Landtagsabgeordneter der Grünen und selbst Gesellschafter bei der Wilstermarsch Energie GmbH. Wichtig sei damals gewesen, dass man nicht extra Mais anbauen und nach Dammfleth schaffen musste. Das eingesetzte Gras habe sich dann aber als nicht so energiereich wie erhofft erwiesen. Außerdem sei die Ernte mit den Jahren immer teurer geworden.

„Wir mussten schließlich feststellen, dass Gras eine der teuersten Feldfrüchte ist“, sagt auch Peter Hellerich. Auf seinem Grund und Boden wurde die Anlage errichtet, lange Zeit war er dort Betriebsleiter. „Es wäre aber schön“, so hofft er, „wenn der Betrieb weiterlaufen könnte. Allein schon wegen der eingefahrenen Geschäftsbeziehungen.“ Aktuell laufe die Anlage, und es werde auch Strom produziert. „Da müssen wir durch“, so Hellerich nicht ohne Zuversicht.

Die hat auch Armin Wiggers: „Da gibt es schon noch Möglichkeiten. Ich bin da nicht so pessimistisch.“ Der Geschäftsführer setzt dabei seine Hoffnungen auf Möglichkeiten, die erst ein Involvenzverfahren eröffne. So komme man zum Beispiel einfacher aus laufenden Verträgen heraus. Wie Hellerich ist auch er der Ansicht, dass die derzeitige Situation auf eine unglückliche Verkettung widriger Umstände zurückzuführen ist. So befinde man sich gerade mitten in der Erntezeit. Und die Beseitigung eines Maschinenschadens lasse sich eine Fachfirma besonders gut honorieren. Hinzu komme noch ein langwieriger Streit mit einer Versicherung, die für den Schaden bei einem Maschinendefekt eintreten sollte. Daneben haben sich mit den Jahren auch die Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft immer mehr verändert. Den beteiligten Landwirten, so heißt es, gehe es inzwischen schon gar nicht mehr darum, mit der Stromerzeugung Geld zu verdienen. Vielmehr müssen sie Unmengen von Gras los werden. Die Grünlandflächen müssen nicht zuletzt wegen immer größerer Betriebe vorgehalten, dann aber auch bewirtschaftet werden – obwohl sie für den Betrieb gar nicht zwingend benötigt werden. „Als Geschäftsführer hatte ich dann gar keine andere rechtliche Möglichkeit mehr, als in die Insolvenz zu gehen“, so Wiggers.

Längst ist die Dammflether Biogasanlage auch aus dem politischen Blickfeld verschwunden. Die feierliche Einweihung hatte noch der damalige Landes-Umweltminister Christian von Boetticher vorgenommen. Und auch der frühere Vorsitzende des Bundesgrünen, Reinhard Bütikofer, stattete dem Vorzeigeprojekt einst einen Besuch ab.

In Dammfleth selbst löste das Vorhaben damals allerdings einen kommunalpolitischen Paukenschlag aus, als der langjährige Bürgermeister Hermann Evers einen Tag nach einer äußerst knappen Beschlussfassung im Gemeinderat das Handtuch warf. Dabei hatte die Kommune ohnehin kaum Mitsprachemöglichkeiten. Die Anlage galt rechtlich als privilegiertes Vorhaben, Genehmigungsbehörde war das staatliche Umweltamt.

Vor einem Jahr hat sich der Gemeinderat dann noch einmal mit dem Thema befasst. Mit einer Mehrheitsentscheidung wurde der Bereich der Biogasanlage durch eine Änderungen des Flächennutzungsplans und einen Bebauungsplan in ein Sondergebiet umgewandelt. Die Ausweisung als Sondergebiet, so wurde damals versichert, lasse aber keine andere Nutzung zu. Auch der Bau einer weiteren Biogasanlage sei nicht vorgesehen.

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