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Norddeutsche Rundschau

24. Oktober 2017 | 03:07 Uhr

Binsenweisheiten für Senioren

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Haseldorferin berichtete beim Projekt „Aktiv im Alter“ von Erntearbeiten an den Elbufern

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2015 | 09:47 Uhr

Jeder kennt die Begriffe „Binsenweisheit“ oder „in die Binsen gegangen“. Ersterer bedeutet so viel wie Reines und Unverfälschtes, der zweite entstammt der Jägersprache: Wenn sich eine Ente in die Binsen flüchtet, ist sie für die Jagd verloren. Dieses und vieles mehr rund um die Binsen erzählte Annegret Hamster aus Haseldorf auf einem Literarischen Nachmittag des Projekts „Aktiv im Alter“ im Brokdorfer Haus der Vereine. Rund 30 Senioren und Seniorinnen aus der Elbgemeinde waren gekommen, um bei Kaffee und Kuchen den Diavortrag „op Platt“ zu hören und zu erleben, im Namen der Gemeinde von Olaf Stahl begrüßt.

Der Binsenschneidebetrieb von Peter und Annegret Hamster in Haseldorf wurde seit 1962 vom Vater betrieben, von Peter und Annegret Hamster übernommen und seit 2003 von deren Sohn Gunnar weitergeführt. Die von der Familie Hamster im Schlick der Elbe geschnittenen, bis zu zweieinhalb Meter langen Binsen werden getrocknet und zur Weiterverarbeitung an Stuhlfabriken, Tischlereien und Drechslereien verkauft. Im Ammerland, in Worpswede, im Rheinland und sogar in Holland werden die qualitativ hochwertigen Binsen aus den Elbmarschen zu Sitzflächen und Stuhllehnen verflochten. „Es gibt unterschiedliche Flechtmuster, jedoch haben alle Sitze eine bequeme Mulde für den Allerwertesten“, versicherte Annegret Hamster. Sie zeigte einen handgefertigten Hocker und hatte auch ein ganzes Bündel Binsen mitgebracht.

Binsen, so erklärte die Referentin, sind Wasserpflanzen mit dunkelgrünen, glatten, knotenlosen und mit Mark gefüllten Stängeln. Die Haseldorfer Binsen zeichnen sich durch hohe Qualität aus, da sie noch im Süßwasserbereich der Elbe wachsen und deshalb weicher und verarbeitungsfreudiger sind als Binsen aus der weiteren Unterelbe und von der Störmündung.

Sandaufspülungen, so bedauerte Annegret Hamster, hätten in der Vergangenheit schon viele Binsenstandorte vernichtet. Den spürbaren Rückgang der Binsen führte sie auch auf die Wildgänse zurück, die in großer Zahl im Elbschlick gründeln und die süßen Wurzeln der Binsen abfressen. Und schließlich sei das Elbwasser einfach immer sauberer geworden, so dass der Binse wertvolle Nährstoffe fehlen.

„Wir pflügen nicht und wir säen nicht, aber wir ernten“, scherzte Annegret Hamster. Bei der Ernte im Juli/August werden die Binsen bei Ebbe geschnitten. Bei Hochwasser laufen die Boote der Binsenschneider aus, um beim nächsten Hochwasser vollbeladen wieder zurückzukehren.

Mit sichelförmigen und sehr scharfen Messern wird die Binse im Schlick dicht über dem Wurzelstock geschnitten, ausgeschüttelt und zu rund 35 Pfund schweren Bündeln gebunden. „Überlange Gummistiefel sind ein Muss, da die Männer stellenweise bis zu den Hüften im Schlick arbeiten müssen. Eine körperlich anstrengende Arbeit, die hier nur eine Männersache ist“, verriet die Referentin.

Die Binsen werden auf großflächigen Stoppelfeldern fächerförmig ausgebreitet und nach vier Tagen gebündelt zum Trocknen aufgehängt. Erst wenn die Binsen wirklich knochentrocken sind, ist aus den grünen Halmen der Binsen endlich die gelbe Farbe geworden, die von den Kunden so begehrt ist. Ein reines, unverfälschtes Naturprodukt, das wohl nie aus der Mode kommen wird, wünschte sich Annegret Hamster.

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