Bildgewaltiges Puppenspiel

Ungewöhnliches Kulturerlebnis: Sebastian Kautz spielt, Gero John begleitet die Handlung musikalisch.
Ungewöhnliches Kulturerlebnis: Sebastian Kautz spielt, Gero John begleitet die Handlung musikalisch.

Sebastian Kautz zeigt „Bestie Mensch“ nach der Vorlage von Emile Zola

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23. März 2018, 05:00 Uhr

Sebastian Kautz leiht dem alten, dickbauchigen Richter seine ausdrucksstarke Hand und streicht der Puppe in seinem Arm – und damit letztlich sich selbst – genüsslich über den Ballonwanst. Der eitle Staatsanwalt posiert mit den sprechenden Beinen von Kautz. Auch der Eisenbahner Roubad, dessen Frau Severine und ihr Geliebter Jacques leben auf der schwarzgrundigen Bühne durch und mit ihrem Spieler. Dieser gewinnt – im diabolisch-schwarz-roten Anzug mit unheilvoll wehenden überlangen Frackschößen – mit der kreativen Inszenierung schnell das Publikum. Die Besucher füllten für die Aufführung von „Bestie Mensch“ im Theater Itzehoe zwar nicht den Saal, ersetzten aber mit ihrer konzentrierten Begeisterung atmosphärisch die Massen.


Cello unterstreicht Tragik des Stücks

Sebastian Kautz präsentierte mit seiner so bildgewaltigen wie poetischen Umsetzung des Stücks, dessen Tragik Gero John am Cello und Bandoneon expressiv unterstrich, ein Kleinod der Bühnen- und Puppenspielerkunst.

Der Bremer Künstler integriert sich raffiniert in die kindsgroßen Figuren, die er mit seiner Stimme und Körperhaltung auf der Bühne zum Leben erweckt.

Lokführer Jacques und Severine ermorden im Kampf gegen Eifersucht, Neid, Einsamkeit und soziale Zwänge deren Eisenbahner-Ehemann Roubad. Sie verstricken sich selbst in den moralischen Untergang, der dem Itzehoer Publikum mit dem realitätsnahen Schienennetz, das im Nichts endet, intensiv vor Augen geführt wird.

Emile Zolas Roman „Bestie Mensch“ (1890) spielt während der rasanten Industrialisierung und Erfolgsgeschichte der Eisenbahn. Die Bühne Cipolla stellt mit ihrer fürs Drama zugespitzten Adaption des Stoffs, die nur die Kernfiguren herausstreicht, auch die aktuellen Fragen nach Technisierung und Fortschritts-Hörigkeit. Damals die Eisenbahn, heute die Digitalisierung?

Die Besucher des Theaters, die Kautz nach der Aufführung am Bühnenrand persönlich mit seinen Puppen und seinem Arbeitsstil in Kontakt brachte, bedankten sich innig für ein ungewöhnliches Kulturerlebnis.

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