zur Navigation springen

Medizin : Bilder wie 3D-Kino – aber ohne Brille

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein überregionales Team gelingt im Westküstenklinikum eine schwierige Operation: Sie entfernen ein Kavernom am Hirnstamm.

Operieren oder nicht operieren? Kurz vor der Weihnachtszeit stand Joachim Kaeding vor der bislang schwierigsten Entscheidung seines Lebens. Der 43-Jährige litt unter einem kavernösen Hämangiom – kurz: Kavernom, einer Gefäßmissbildung, die von Gehirngewebe umgeben war. Erschwerend kam hinzu, dass sich das gutartige, aber dennoch gefährliche Kavernom mitten im schwer zugänglichen oberen Hirnstamm ausgebreitet hatte. „Häufig sind solche Fehlbildungen sehr klein. In diesem Fall hatte es jedoch schon mehrfach Blutungen gegeben, der Prozess hatte eine bedrohliche Größe erreicht. Niemand konnte vorher sagen, was als Nächstes geschehen würde“, erläutert Dr. Urs Nissen, Chefarzt der Klinik für Neuro- und Wirbelsäulenchirurgie am Westküstenklinikum Heide.

Bereits Mitte Oktober hatte Kaeding über Ausfallerscheinungen in der linken Körperhälfte geklagt. Hand und Gesicht wirkten zuweilen wie gelähmt. Hinzu kamen Angstzustände und Doppelbilder. „Es wirkte ganz so als würde ich einen 3D-Film sehen, aber eben ohne die dazugehörige Brille“, berichtet der Diplomingenieur für Elektrotechnik. Sein Hausarzt überwies ihn nach Heide, wo er umfangreich untersucht wurde. Nach Ausschluss aller anderen Möglichkeiten und Anfertigung einer Kernspintomografie stand fest: Es ist ein Kavernom. „Diese Erkrankung ist gar nicht einmal so selten; etwa ein Prozent aller Deutschen leiden darunter. Aber oft bleibt es unentdeckt und längst nicht alle Betroffenen müssen operiert werden.“

Um eine Zweitmeinung zu erhalten , wurde der Patient in die Uniklinik Hamburg-Eppendorf überwiesen. Dort wurde die Diagnose bestätigt. Die Frage, ob operiert werden sollte, stand weiter im Raum. Es galt abzuwägen: Entweder alles so lassen, das Beste hoffen, aber die Möglichkeit einer lebensbedrohlichen Blutung in Kauf nehmen. Oder dem risikoreichen Eingriff zustimmen, der an dem Bereich des Gehirns vorgenommen werden musste, der für alle zentralen Steuerungsfunktionen wie Bewusstsein, Atmung und Kreislauf verantwortlich ist. „Die Ärzte standen eigentlich rund um die Uhr für alle Rückfragen zur Verfügung. Die Aufklärung war wirklich super“, beschreibt Joachim Kaeding. Schließlich entschied er sich für den Eingriff.

Es folgte eine umfangreiche Planung, in der Dr. Nissen entschied, seinen Kollegen aus dem Universitätsklinikum Halle, Professor Dr. Christian Strauß, mit „ins Boot“ zu holen. Beide Neurochirurgen kennen sich bereits seit vielen Jahren aus ihrer gemeinsamen Zeit am Universitätsklinikum Erlangen und haben bereits viele schwierige Operationen zusammen durchgeführt. Hauptproblem war der Zugang zum Kavernom, das von allen Seiten von lebenswichtigem Hirngewebe umschlossen war. Strauß beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Zugangsplanung bei Eingriffen am Hirnstamm. In einer achtstündigen Operation wurde die Fehlbildung komplett entfernt – ohne schwerwiegende neurologische Ausfälle.

Nach einigen Tagen auf der Intensivstation und einer regulären Station der Klinik wurde der Patient in die Klinik für Frührehabilitation und Geriatrie unter Leitung von Dr. Dr. Claus Ulrich Kuipers verlegt. „Wir sind in der glücklichen Lage, eine neurologische Frührehabilitation im Anschluss an die Operationen vor Ort anbieten zu können. Durch die Therapiedichte kann frühzeitig mit der Mobilisierung der Patienten begonnen werden“, so Dr. Nissen.

Joachim Kaeding selbst blickt nach der dreiwöchigen Frührehabilitation zuversichtlich in die Zukunft. Es geht ihm von Tag zu Tag besser. Lediglich die Doppelbilder sind noch nicht ganz verschwunden. Daher trägt er zuweilen eine Augenklappe. Er hofft, nach der Anschlussheilbehandlung in Bad Segeberg auch darauf verzichten zu können.

Der gelungene Eingriff war nur innerhalb einer Klinik möglich, die als Hauptabteilung geführt wird und damit rund um die Uhr mit Ärzten und Pflegekräften besetzt ist. „In dieser Hinsicht ist die Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie die einzige ihrer Art an der Westküste zwischen dänischer Grenze und Hamburg“, sind sich die Mediziner einig.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen