Freizeit : „Biker erleben die Schöpfung intensiver“

siebmann-freisteller1
1 von 2

Der Wewelsflether Pastor Jens Siebmann über Kirche und die Freiheit auf dem Motorrad.

shz.de von
28. März 2017, 05:16 Uhr

Die Temperaturen steigen, die Sonne lacht vom Himmel. Immer mehr Motorradfahrer holen jetzt ihre Maschinen aus dem Schuppen – auch Jens Siebmann, Pastor in Wewelsfleth und leidenschaftlicher Motorradfahrer.

Der Frühling ist da, die Temperaturen steigen. Kribbelt es bei Ihnen schon in den Motorradfahrerfingern?

Pastor Jens Siebmann: Ja, natürlich. Aber das Wetter muss stimmen. Es ist aber auch die Höchststrafe, wenn das Wetter gut ist und man keine Zeit hat – und das kommt bei Pastoren oft vor.

Waren Sie dieses Jahr schon unterwegs?

Nur ganz kurz, einmal zum Tanken, einmal zum Putzen, einmal ums Dorf.

Sobald es wärmer wird, lassen die ersten Motorradunfälle nicht lange auf sich warten. In Schleswig-Holstein gab es bereits das erste Todesopfer.

Gerade am Anfang der Saison sind ja weder die Autofahrer noch die Motorradfahrer wirklich fit. Die Motorradfahrer sind noch nicht wieder auf ihre Maschine eingestellt, die Autofahrer haben sie noch nicht wieder auf der Rechnung. Es ist meistens so, dass die Motorradfahrer übersehen und über den Haufen gefahren werden. Dass manche zu schnell fahren, kommt vor, aber Schuld haben Motorradfahrer eigentlich selten. Und Verrückte gibt es natürlich immer – bei Motorrad- und bei Autofahrern und bei Radfahrern vermutlich auch.

Es gibt aber immer wieder Menschen, die sagen „das sind alles Raser, die sind selbst Schuld“. Was kann man solchen Menschen entgegnen?

Ich glaube, dass hat sich ein bisschen entspannt in den letzten Jahren. Dieses Rockerimage ist ziemlich weg, und die Motorradfahrer sind immer älter geworden. Es sind inzwischen gesetzte Jahrgänge, die auch ruhiger fahren. Grundsätzlich muss man einfach gegenseitig Rücksicht nehmen. Die Motorradfahrer dürfen sich nicht überschätzen, die Autofahrer müssen ein bisschen hingucken, die haben oft gar keine Vorstellung, welches Beschleunigungspotenzial man mit dem Motorrad hat. Ich hab’ keine Rennmaschine, aber ich brauche von 0 auf 100 weniger als vier Sekunden.

Was haben Sie für eine Maschine?

Eine Honda CB 1100.

Die ist aber schon recht flott.

Ja, das ist ein gemütliches Motorrad (lächelt).

Man kann damit aber auch schnell fahren.

Ja, man kann auch schnell fahren. Aber sie beschleunigt auch einfach gut. Ich denke immer, ich könnte jeden überholen, könnte schneller sein als alle Autofahrer – ich könnte, aber muss nicht. Das zu wissen, reicht. Das entspannt.

Was kann man den Motorradfahrern zum Start in die Saison mitgeben?

Erstmal langsam anfangen. Sich selber wieder in Form bringen, dran gewöhnen. Immer daran denken, dass einen die Autofahrer sowieso nicht sehen. Für die Autofahrer mitdenken. Die haben viel zu tun mit ihrem Smartphone, mit ihrem Autoradio.

Und den Autofahrern, was gibt man denen mit auf den Weg?

Die sollen einfach gucken. Aber wer noch nie Motorrad gefahren ist, kann sich das vermutlich auch schlecht vorstellen, welche Einschränkungen es da gibt.

Es gibt viele Motorradgottesdienste, was verbindet eigentlich Kirche und Motorradfahrer?

Bei uns gibt es den Motorradgottesdienst jetzt seit 20 Jahren. Das war mal ein Versuch, den mein Kollege Pastor Steenbock aus Wilster initiiert hat. Der hat gesagt, wir machen was mit Jägern und allen möglichen Gruppen. Lass uns doch mal mit Motorradfahrern etwas machen. Dann haben wir die mal eingeladen und waren überrascht, wie viele Klubs es überhaupt gibt. Wir wussten nicht wie viele kommen würden. Ich weiß noch wie wir vor der Vorbesprechung vor der Kirche standen und gewartet und gedacht haben, was kommen jetzt für Leute. Und es waren ganz normale Leute. Die haben Kinder. Die haben Familien. Da gibt es viele Berührungspunkte.

Gab es gleich Gemeinsamkeiten?

Ja, das war ganz interessant. Die haben eigentlich ganz ähnliche Probleme mit ihren Mitgliedern wie die Kirche auch, wie man sie motiviert, wie man junge Leute wieder dazubekommt. Wir haben festgestellt, dass wir uns gut miteinander verstanden haben. Am Anfang haben wir das einfach aufgeteilt. Die Pastoren haben den Gottesdienst gehalten, und die Motorradfahrer haben sich um den Korso und hinterher das Beisammensein gekümmert. Das hat sich aber immer mehr verzahnt.

Also Kirche und Biker passen zusammen?

Das passt sehr gut zusammen, und wir erleben sehr konzentrierte Gottesdienste. Auch sehr laut und lebendig, aber an den ruhigen Stellen auch sehr konzentriert. Es ist zum Teil intensiver als andere Gottesdienste. Motorradfahrer erleben die Schöpfung, um es mal geistlich zu sagen, viel intensiver als beispielsweise ein Autofahrer.

Was bedeutet für Sie persönlich das Motorradfahren?

Das ist Freiheit. Das ist Spaß an Beschleunigung und für mich sind es auch die Bewegungsabläufe, beispielsweise eine Kurve gut hinzubekommen. Wenn man aufsteigt und den Helm aufsetzt, ist man gleich ein anderer Mensch. Man hat ja als Motorradfahrer nicht nur ein Fahrzeug, sondern auch ein Image.

Es gibt eine Gruppe, die als Motorradfahrer von sich reden machen. Mit einem schlechten Image: die Hells Angels. Übersetzt heißt es Höllen-Engel. Wird man ärgerlich, wenn diese Gruppierung bewusst mit Bezügen zu Himmel und Hölle spielt und auch die große Familie der Motorradfahrer in Verruf bringt?

Die spielen einfach mit dieser Symbolik, auch um den Menschen Angst zu machen, sie zu erschrecken. Sie machen sich selber groß in dem sie sich mit irgendwelchen bösen Dingen verbunden fühlen. Ich denke, das hat mit biblischem Glauben eigentlich nichts zu tun.

Was war zuerst: der Pastor oder der Motorradfahrer Jens Siebmann?

Ich war erst Motorradfahrer. Dann hab’ ich aufgehört, nachdem ich einen Unfall hatte. Dann bin ich Pastor geworden, und dann kam der Motorradgottesdienst. Und dann habe ich mir wieder ein Motorrad gekauft.

Gibt es den Gedanken, irgendwann ist man zu alt zum Motorradfahren?

Nein, ich denke nicht. Man soll einfach fahren, so lange man mag.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen