Kultur : Bewegende Musik gegen das Vergessen

Schenkten dem Publikum ein tiefgreifendes Konzert zum Holocaust-Gedenken: (v.li.) Gustav Hintz, Geraldine Zeller, Karl-Wilhelm Steenbuck und Hartwig Barte-Hanssen.
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Schenkten dem Publikum ein tiefgreifendes Konzert zum Holocaust-Gedenken: (v.li.) Gustav Hintz, Geraldine Zeller, Karl-Wilhelm Steenbuck und Hartwig Barte-Hanssen.

Konzert zum Holocaust-Gedenken in der Wilsteraner St.-Bartholomäus-Kirche wirkt bei den Zuhörern lange nach.

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28. Januar 2015, 05:00 Uhr

„Wir möchten Sie ausdrücklich darum bitten, heute nicht zu applaudieren“, sagte Kantor Hartwig Barte-Hanssen zu Beginn der Musik zum Holocaust-Gedenken den Zuhörern in der gut besuchten St.-Bartholomäus-Kirche. Die Ausführenden – Hartwig Barte-Hanssen (Orgel), Geraldine Zeller (Sopran), Gustav Hintz (Querflöte) und Karl-Wilhelm Steenbuck (Rezitationen) – empfanden Beifall vor dem Hintergrund des Konzerts gegen das Vergessen als unangebracht. Das Publikum hielt sich daran, zumal das bewegende Konzert den Zuhörer in ein so tiefgreifendes musikalisches Erlebnis mitnahm, das wohl jeden einzelnen in das kaum zu ertragende Grauen versetzte – und wobei Applaus jedem deplatziert wirken musste.

„Wir haben es gewagt, uns einem schwierigen Thema musikalisch anzunähern“, stellte Hartwig Barte-Hanssen fest, der sich freute, mit Geraldine Zeller und Gustav Hintz so hervorragende Musiker an seiner Seite zu haben. Und er hob die Unterstützung Karl-Wilhelm Steenbucks hervor, der in die einzelnen Werke einführte. Das erste war eine reine Orgelkomposition von Carlotta Ferrari. Sie beschreibt in einem großen symphonischen Werk das Leben der Edith Stein. Diese „Poema Sinfonico“ werde wie das gesamte Programm das Publikum fordern, so Hartwig Barte-Hanssen, womit er Recht behalten sollte.

Karl-Wilhelm Steenbuck berichtete über das Wirken Edith Steins, die als Jüdin 1922 zum katholischen Glauben konvertierte und als Nonne lebte. Die Philosophin und Frauenrechtlerin starb 1942 im Konzentrationslager Auschwitz, wurde 1989 selig und 1998 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen. Mit dem Orgelwerk gelang es, Lebensstationen der Ordensschwester Teresia Benedicta nachzuempfinden – ihre Spiritualität, die trotz der grausamen Gefangenschaft Trost in der Hoffnung gibt. Das Werk endet mit dem Choral „Es ist ein Ros’ entsprungen“.

Die Lieder von Selma Meerbaum-Eisinger, komponiert von Felicitas Kukuck, rezitierte Karl-Wilhelm Steenbuck, auch um den Zuhörern die Möglichkeit zu geben, sich ganz auf die musikalische Umsetzung zu konzentrieren. Sopranistin Geraldine Zeller bewies schon hier ihre stimmliche Brillanz, die später in der Komposition von Hartwig Barte-Hanssen – „Die Kinder von Auschwitz“ – ihren eindrucksvollen Höhepunkt fand: der Ruf der Kinder in Todesangst nach der Mutter rührte fast zu Tränen. Die Musiker vermochten immer wieder bei den Zuhörern gedankliche Bilder zu reflektieren, die nachhallend gegen das Vergessen wirkten. Die tiefe Stille nach der Musik mag ein eindringliches Zeichen dafür gewesen sein. Selbst das tröstliche Werk Alessandro Marcellos „Adagio c-moll“ ließ das Publikum noch lange inne halten. Für die Mitwirkenden Zeichen ihrer großartigen Leistung an diesem Abend zum Holocaust-Gedenken.  

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