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Norddeutsche Rundschau

21. August 2017 | 09:20 Uhr

Beruflicher Durchblick mit Lichtdusche

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie das Amt Wilstermarsch einer jungen Frau mit Sehschwäche den Weg ins Berufsleben ebnet

Im August haben Meike Nagel aus Brokdorf und Fatima Behncke aus Heiligenstedtenerkamp bei der Amtsverwaltung Wilstermarsch ihre dreijährige Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten angetreten. „Wir stellen in jedem Jahr zwei Auszubildende ein, die dann alle Abteilungen der Amtsverwaltung durchlaufen“, so der leitende Verwaltungsbeamte Heiko Wiese. Die Besonderheit liegt in diesem Jahr bei Fatima Behncke, die aufgrund einer angeborene Sehschwäche während ihrer Lehrzeit eine besondere Förderung erhält. „Wir beziehen seit einigen Jahren diese und andere Einschränkungen wie Taubheit bei der Bewerberauswahl mit ein“, erklärt Wiese. „Das Amt Wilstermarsch hat sich dem Thema geöffnet und wir merken, Beeinträchtigungen dieser Art spielen durch die entsprechende Förderung im Berufsleben keine Rolle mehr“, wirbt er für mehr Inklusion bei Arbeitgebern.

Das Landes-Förderzentrum Sehen mit Sitz in Schleswig steht dabei Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit unterstützend zur Seite. „Unter 30 Prozent Sehkraft gilt man als sehbehindert“, erklärt Björn Albrecht. Der Diplom-Pädagoge ist im Förderzentrum Jugendlichen beim Übertritt ins Berufsleben behilflich und bereitet gemeinsam mit dem Auszubildenden und dem Arbeitgeber den Arbeitsplatz vor. Zur Ausstattung gehören ein größerer Bildschirm, eine Tastatur mit großem Schriftbild, eine Lupe mit Lichtfunktion und Lampen. „Je besser das Licht, desto angenehmer die Arbeitsposition.“ Die Agentur für Arbeit, Bereich Reha, ist zuständig für die Bewilligung der finanziellen Mittel für die Anschaffung dieser Arbeitsgeräte. „Die Zusammenarbeit mit dem Job-Center Itzehoe klappt reibungslos“, lobte der im Amt Beauftragte für Arbeitssicherheit, Jürgen Gross.

Vom Förderzentrum besuchte jetzt neben Albrecht auch die Rehabilitationstrainerin Birgit Röpke das Amtsgebäude, um eine Lichtberatung an allen Ausbildungsstationen vorzunehmen. „Wir sind im Amt gut aufgestellt und wollen in einem Langzeitversuch von drei Monaten verschiedene Geräte ausprobieren“, berichtete Jürgen Gross. Zwei spezielle Lampen und eine mobile Lichtdusche (Deckenfluter) sollen die Arbeitsbereiche von Fatima Behncke besser ausleuchten. „Auszuprobieren, wie sich das Sehen mit unterschiedlichem Licht verhält, ist ein spannendes Thema“, sagt dazu Heiko Wiese.

Um nachvollziehen zu können, wie sich die Sehbeeinträchtigung „anfühlt“, hatte Björn Albrecht Simulationsbrillen und entsprechende Hilfsmittel dabei, die alle Amts-Mitarbeiter ausprobierten. Jürgen Gross versuchte als erster den Blick durch eine Brille, die dem Probanden zehn Prozent Sehkraft gab. „Das geht gar nicht“, so sein Kommentar beim Versuch, im Telefonbuch zu lesen. Erst mit einer stark vergrößernden Lupe mit Lichtfunktion gelang das Entziffern der Telefonnummern.

Auch Amtsvorsteher Helmut Sievers und Heiko Wiese staunten über den Effekt. „Ich finde es unheimlich, die Menschen mir gegenüber nur als Schatten zu sehen und kaum etwas erkennen zu können“, urteilt die Mitarbeiterin unserer Zeitung, die natürlich ebenfalls die Simulationsbrillen mit unterschiedlichen Sehstärken aufprobierte. „Lesen geht nur mit einer Lupe, und das ist ungeübt richtig mühsam.“

Das Landes-Förderzentrum Sehen begleitet Sehbehinderte schon im Alter ab zwei Monaten bis zum zweiten Semester an einer Uni in Schleswig-Holstein. „Vom Zentrum begleiten rund 80 Mitarbeiter knapp 1000 Menschen in Schleswig-Holstein, viele körperlich- und schwerstbehindert“, berichtet Björn Albrecht über diese Arbeit. Dort werden zu unterschiedlichen Themen im häuslichen Alltag auch Kurse angeboten. „Wir helfen bei der Berufswahl, gehen dabei vom Wunschberuf aus und überprüfen durch Tests und Praktika, ob das wirklich die richtige Wahl ist.“ Das Förderzentrum geht außerdem in die Schulen, um verwendete Lehrmittel zu optimieren und ermittelt am Arbeitsplatz den persönlichen Bedarf.

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erstellt am 24.Sep.2015 | 15:16 Uhr

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