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Trauer im Kaiser-Wilhelm-Koog : Bergung der Pottwale – Habeck postet Videos

vom
Aus der Onlineredaktion

Die acht toten Pottwale aus Dithmarschen werden aus dem Watt gezogen. Es beginnt die Suche nach den Gründen für das vermehrte Sterben der Meeresriesen.

shz.de von
erstellt am 03.Feb.2016 | 17:11 Uhr

Kaiser-Wilhelm-Koog | Die Sonne strahlt, ein frischer Wind bläst vom Meer her und über den Salzwiesen kreist majestätisch ein Seeadler: Der Nationalpark Wattenmeer zeigt sich von seiner besten Seite. Doch die Stimmung der Menschen am Strand ist am Mittwoch sehr gedrückt, denn zwei Kilometer vom Deich entfernt liegen im Watt acht tote Pottwale.

Pottwale in der Nordsee sind extrem selten. Doch inzwischen wurden 22 tote Tiere in Schleswig-Holstein angespült. Dass sie in der zu flachen Nordsee Orientierungsprobleme bekommen, ist erwiesen. Die Frage ist, weshalb sie vermehrt hierher kommen. Seit den 1990er Jahren strandeten damit 84 Pottwale an der Wattenmeerküste Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande.


„Es ist der größte je in Schleswig-Holstein gemachte Fund von Pottwalen“, klagt der sichtlich betroffene Umweltminister Robert Habeck (Grüne). Dies sei der schwerste Tag seiner Amtszeit, so der Minister: „Das verändert einen“.

Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz hatten sich mit Raupenfahrzeugen ins Watt aufgemacht, um mit der Bergung der acht Pottwalkadaver zu beginnen. Am Mittwoch um 11 Uhr machten sich die Raupenfahrzeuge auf den Weg zu den toten Meeressäugern. Die Beseitigung der toten Tiere hatte sich am Dienstag aufgrund des schlechten Wetters verzögert.

Robert Habeck postete auf Facebook zwei Videos von der Bergung der verendeten Meeresriesen.

Bergung des ersten Pottwals. Ein so trauriger Anblick. Nur in Lieder zu fassen.

Posted by Robert Habeck on  Mittwoch, 3. Februar 2016

Der zweite Wal. Wie elend das alles

Posted by Robert Habeck on  Mittwoch, 3. Februar 2016

Ein Spaziergänger auf Kaiser-Wilhelm-Koog hatte die acht Meeressäuger am Sonntagabend entdeckt. Als sie strandeten, lagen sie direkt als Gruppe zusammen, sagte Hendrik Brunckhorst von der Nationalparkverwaltung. „In drei Fällen direkt Tier an Tier - geradezu rührend nebeneinander.“

Mittlerweile haben Wind und Wellen die Tiere etwas auseinander driften lassen. Doch die Gefühle der Menschen bei ihrem Anblick bleiben: „Wenn man sich den toten Tieren nähert, ist das ein beklemmendes Gefühl“, sagt LKN-Direktor Johannes Oelerich. „Zum Teil sind sie noch lebendig hergekommen, sind hier gestorben - das geht ans Herz.“

Zwei tote Pottwale liegen im Wattenmeer während im Hintergrund ein weiterer Meeressäuger geborgen wird.
Zwei tote Pottwale liegen im Wattenmeer während im Hintergrund ein weiterer Meeressäuger geborgen wird. Foto: dpa

Warum die Wale überhaupt ins Wattenmeer geschwommen sind, ist bislang unbekannt. Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Theorien - eben Theorien - beginnend von Magnetstörungen, weil die Sonneneinstrahlungen sich geändert habe, über von Menschen verursachte Störungen wie Sprengung, Rammung oder Ölförderung per Fracking in der Tiefsee, bis hin zur Aussage, es gebe immer mehr Pottwale, und die hätten sich einfach verschwommen, oder aber das Phänomen El Niño sei verantwortlich.

„Bislang gibt es jedoch keine Antwort“, sagte Habeck. Deshalb sei Schleswig-Holsteins Expertin für Meeressäuger, die Büsumer Professorin Ursula Siebert von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, mit der Untersuchung der Tiere beauftragt worden. „Wenn Ergebnisse vorliegen, werden wir sie vorstellen“, sagte Habeck.

Inzwischen wurde zwei weitere verendete Wale auf einer Sandbank nordwestlich von Büsum entdeckt. „Ich fahre trauriger hier weg, als ich heute morgen aufgestanden bin“, sagte Habeck.

Die Tragödie geht weiter: Leider hat sich die Zahl der toten Pottwale in unserem Nationalpark heute noch erhöht: Ein...

Posted by Nationalpark Wattenmeer Schleswig-Holstein on  Mittwoch, 3. Februar 2016

Was aus den toten Pottwalen wird

Wo werden die Kadaver hingebracht?

Die Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) werden mit einem Kettenfahrzeug an die Tiere herangefahren. Nach der Teilzerlegung und der Prüfung durch Veterinäre und Techniker werden die Pottwale am Deich mit speziellen Gerätschaften in Container geladen und per Lkw zum Lagerplatz 2 im Meldorfer Speicherkoog transportiert. Dort sollen die Tiere weiter zerlegt und untersucht werden. Die in Jagel ansässige Firma Rendac wird sich in der nächsten Woche um den finalen Abtransport und um die Tierkörperbeseitigung kümmern.

Was hat es mit dem „Elfenbein“ auf sich?

Zunächst sollten am Dienstag die Kiefer der Wale geborgen – besser gesagt: beschlagnahmt – werden. Denn wie man bei einem Pottwal vor Nordstrand sehen konnte gibt es Vandalen, die es auf die zehn bis 20 Zentimeter langen Zähne abgesehen haben. Deren Material  wird als Elfenbein bezeichnet

Da Pottwale eine gesetzlich streng geschützte Art sind, darf damit kein Handel betrieben werden. Das geborgene Elfenbein bleibt laut Umweltministerium der Nutzung in Öffentlichkeitsarbeit, Bildung und Forschung verbehalten, die von offiziellen Stellen genehmigt werden kann.

Was geschieht bei der Tierkörperverwertung?
Foto:Christina Weiss

Die Beseitigung verendeter Wildtiere ist streng reglementiert. Gestrandete und verendete Wale sind Abfall, der in erster Linie der Verbrennung zugeführt wird. Die Körper werden laut Rendac zunächst in Jagel zerkleinert, thermisch sterilisiert, gekocht, auf 320 Grad erhitzt, entfettet und getrocknet. Am Ende des Prozesses bleiben die Bestandteile Fett und Tiermehl übrig.

Was geschieht mit dem Tiermehl und dem Fett?

Die Weiterverarbeitung von Walresten ist verboten. Das Tiermehl wird in Kohlekraftwerken oder Zementwerken verbrannt. Das Fett wird zu einer Anlage in Eindhoven gebracht und dort raffiniert. Man müsse als Unternehmen auch die wirtschaftliche Seite im Blick haben, so der Sprecher von Rendac. Das Endprodukt dieser Prozedur landet laut seiner Aussage dann auch im Auto: Als Bestandteil von Biodiesel oder als Schmierfett. Das Landesministerium hatte zuvor gegenteilig mitgeteilt, dass keinen Wal am Zapfhahn gebe, bestätigte aber dann die Angaben des Unternehmens.

Die Verfütterung an landwirtschaftliche Nutztiere war früher üblich, ist aber zur Vorbeugung gegen die Verbreitung der Krankheit BSE gesetzlich verboten worden.

Acht verendete Wale – werden die Skelette alle präpariert und ausgestellt?

Laut Auskunft des Ministeriums liegen der Nationalparkverwaltung für zwei Skelette konkrete Anfragen vor. Was mit den anderen geschieht, ist noch offen.

Was machte man früher aus Walen?

Wale waren in der Geschichte so etwas wie eine schwimmende Ölquelle. Fast alle Körperteile hatten für die Menschen einen Nutzen. Deshalb wurden sie massiv bejagt und bis an den Rand der Ausrottung gebracht. Aus zermahlenen Walknochen machte man Klebstoffe und Geliermittel. Das Fleisch wurde als Steak gegessen oder zu Tierfutter verarbeitet. Vor allem Pottwale waren für die Weiterverarbeitung interessant: Den Walrat im Kopf verwendete man für Salben und das Ambra im Darm – ein unverdautes Gewölle – war die Basis für erotisierende Luxus-Parfüms.

Den Anfang der Waljagd bestimmte vor allen das Interesse an Waltran. Dieser wurde schon im Mittelalter als Lampenöl genutzt. Später machte man daraus auch Margarine, Seife, Bleichmittel und Kunstharz.

Sehr kritisch wurde es um die Walbestände zu Beginn der Industrialisierung. Denn als Schmiermittel für die Maschinen war Waltran zunächst unabdingbar, bis mineralische Substanzen billiger wurden. Im 1. Weltkrieg diente Tran überdies zur Herstellung von Nitroglycerin.

Ein weiteres Beispiel für den Tran-Hunger der Industrie: Von der Firma Henkel wurde das Walfangschiff „Jan Wellem“ ab 1936 bis zum Kriegsausbruch 1939 zu drei Fangreisen in die Antarktis ausgesandt. Das Unternehmen brauchte Tran als Grundstoff für die Herstellung von Persil.

 

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