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Lesung mit Harald Martenstein : Beliebter Autor mit Kult-Status

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Verein Leselust und Stadtbücherei Wilster bieten eine kurzweilige Lesung im voll besetzten Spiegelsaal mit Harald Martenstein. Das Publikum ist besonders begeistert von den humorig vorgetragenen Vater-Sohn-Erlebnissen.

Er verdanke seinen Job eigentlich seinem Sohn. Die kleinen humorvollen Artikel beim Berliner „Tagesspiegel“ über dessen Aufwachsen legten den Grundstein für seine Zukunft als Kolumnist, verriet Harald Martenstein bei seinem Auftritt in Wilster. Der Sohn ist zwar mittlerweile erwachsen, doch der Rückblick auf die Vater-Sohn-Erlebnisse und -Erkenntnisse standen im Mittelpunkt der Lesung, die viele Martenstein-Fans in den Spiegelsaal im Neuen Rathaus zog, dessen Gestühl voll besetzt war.

So erfuhren sie, dass das Lebensglück des Filius im Alter von zwölf Jahren am richtigen Handy-Modell hing. Es bedurfte vieler Schlagabtausche und einiger Fehlkäufe, die dann zum Patenkind in der Dritten Welt entsorgt wurden, bis das Unglück abgewendet war. Das Fazit des sprachmächtigen Vaters: Das stelle „die natürliche gottgegebene Ordnung auf den Kopf“, wenn der Sohn ein teureres Handy besitze als der Vater – zumal jener das kostbare Gerät zu allem Möglichen, nur seltenst zum Telefonieren nutze. Aber eine Rolex trage man ja auch nicht, um auf die Uhrzeit zu schauen, hat Martenstein im Familienzwist schließlich resigniert.

Auch die Sprache seines Sohnes hat er in ihrer Entwicklung genau analysiert und ist auf den Bedeutungswandel einiger Modewörterpaare, die eigentlich nur für „gut“ und „schlecht“ stehen, gestoßen. Was einst „geil“ und „schwul“ war, wurde später zu „porno“ und psycho“. So ist nur eine Klassenfahrt nach Beverly Hills porno, aber nicht nach Bad Orb, und ein Mädchen, das gestern noch schwul war, ist heute schon psycho.

Die Vater-Sohn-Rückblicke stammten aus dem Buch „Wachsen Ananas auf Bäumen?“, das Martenstein für eine Neuauflage mit einer linearen Erzählstruktur versehen hat und in Wilster vorstellte. Für viele Leser der Wochenzeitung „Die Zeit“ haben die wöchentlichen Betrachtungen des 60-jährigen Autors mittlerweile Kult-Statuts. Eigentlich sollte er in seinen Anfängen bei der „Zeit“ für eine neue Kolumne Verbrauchertipps verfassen. „Das interessiert mich überhaupt nicht“, bekannte er schmunzelnd, „aber wenn man von der ‚Zeit‘ einen solchen Auftrag erhält, lehnt man nicht ab.“ Längst decken die zugespitzten Mini-Sozialreportagen, die allwöchentlich jeden Donnerstag die Leser erfreuen, alle Bereiche ab. Viele der vorgestellten Beispiele sind mittlerweile im Sammelband „Ansichten eines Hausschweins“ nachzulesen.

Der Autor erzählte überleitend, wie sie zustande gekommen sind oder welche Reaktionen sie auslösten, und begeisterte seine Zuhörer auch als Vortragender mit dem trockenen selbstironischen Humor, der seine Texte auszeichnet. So bekam auch Berlin, wo der der gebürtige Mainzer seit vielen Jahren lebt, mit seinen unvollendeten schlagzeilenträchtigen Bauprojekten sein Fett weg. Mit seinem zweiten Wohnsitz in der Uckermark sind Berichte zum Landleben dazugekommen. So konnte der Autor wesentliche Tipps gegen die Schneckenplage im heimischen Garten weitergeben. Ein Raunen im Saal zeigte, dass er sich unter Leidensgenossen befand – wenngleich nicht jeder seine martialischen Methoden für die Bekämpfung der Salatkiller übernehmen wird. Martenstein rechtfertigte sich: „Wer seine Sexualität im Griff hat und sich nur maßvoll vermehrt, hat von mir nichts zu befürchten.“

Vermutlich werden die Lesereise in den hohen Norden und die damit verbundenen Kuriositäten – beispielsweise die nicht vorhandenen Ost-West-Verbindungen – auch irgendwann in einer Kolumne auftauchen. Stellte Martenstein, der nach der Veranstaltung in Wilster in das gar nicht so ferne Hohwacht an die Ostsee musste, doch erstaunt fest, dass er dazu mit der Bahn wieder Richtung Hamburg fahren muss und über dreieinhalb Stunden lang unterwegs ist. Seine Steinburger Fans dürfen also auf die weiteren Erkenntnisse zum deutschen Großstadt- und Provinzleben im Allgemeinen und im Besonderen besonders gespannt sein.

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