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Stimmen zur SchlieSSung : „Beklemmendes Gefühl“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Prinovis-Mitarbeiter verabschieden sich mit gemischten Gefühlen.

von
erstellt am 02.Mai.2014 | 05:00 Uhr

Henry Sawallisch (54), Brunsbüttel, Maschinenführer in der Klebebinderei, 26 Jahre im Betrieb:
„Die letzten drei Wochen waren hart. Jeden Tag hat ein Kollege tschüss gesagt und ist weg – die sieht man nun alle nie wieder. Daran, dass es so kommen könnte, hat man vor Jahrzehnten nie gedacht. Jeder, der her arbeitet und ein bestimmtes Alter erreicht hat, geht in die Arbeitslosigkeit. Ich bin froh, dass so ein guter Sozialplan hingekriegt wurde. Enttäuscht bin ich von der Politik. Erst haben alle gesagt ‚Wir stehen bei Euch‘, aber dann hieß es ‚Wir können auch nichts tun‘. Nur bei den Steuern können sie etwas tun – die Abfindung muss voll versteuert werden. Ich werde in die Transfergesellschaft gehen und dann muss ich wieder durchstarten am Arbeitsmarkt.“

Michael Krause (53), Marne, Informationstechniker, 25 Jahre dabei:
„Es ist sehr beklemmend. Man hat sehr viel Zeit und Liebe investiert, hat seine Zukunft hier gesehen – und nun muss man feststellen, dass nur mit dem Profit gespielt und nicht auf die Menschen geschaut wird. Man muss für sich einen Schlussstrich ziehen und einen Neustart finden. Aber das ist nicht einfach, gerade hier in der Gegend. Ich habe parallel ein Wirtschaftsinformatik-Studium angefangen, vielleicht kann ich meine Chancen dadurch verbessern.“

Gunda Fligge (54), Bad Bramstedt, ehem. Teamleiter Druckdatenerstellung, 32 Jahre in der Druckerei:
„Ich bin im November nach Ahrensburg gewechselt und habe dort eine ähnliche Tätigkeit übernommen, ich arbeite jetzt als stellvertretende Teamleiterin in der Musterabteilung. Vielleicht droht auch Ahrensburg das Itzehoer Schicksal, aber jedes Jahr, das ich arbeite, bringt mich ein Stück weiter zur Rente. Es ist schon traurig, man hat hier Jahrzehnte verbracht und dachte, dass man ein Leben lang Arbeit hat. Es tut vor allem weh, dass man das Aus für Itzehoe einfach so entschieden hat, obwohl es anderen Standorten schlechter ging.“

Jonas Marten Holm (20), Brokdorf, Mitarbeiter Transport und Ladung, zwei Jahre im Betrieb:
„Ich habe zum 15. Juli einen Ausbildungsvertrag als Industriemechaniker. Für mich ist es deshalb nicht ganz so schlimm. Ich habe die Zeit hier als Überbrückung genutzt, um von der Schule aus in einen Job zu treten – und das hat in dieser Zeit geklappt. Aber viele Kollegen müssen sich in späten Jahren noch umorientieren, das ist nicht so einfach. Schade finde ich, dass man den Kontakt zu den Mitarbeitern verliert.“

Nicole Behrens (28), Itzehoe, Staplerfahrerin, sechs Jahren im Werk:
„Ich fange eine Ausbildung als Erzieherin an. Das wollte ich schon immer machen, jetzt hat es sich angeboten. Es ist trotzdem ein komisches Gefühl. Die Arbeit hier hat Spaß gemacht, und in den sechs Jahren habe ich mit vielen netten Kollegen zusammengearbeitet, von denen man sich jetzt verabschieden muss, das ist schade.“

Sabrina Duitsmann (26), Itzehoe, Mitarbeiterin in verschiedenen Bereichen, fünf Jahre dabei:
„Ich habe hier verschiedene Tätigkeiten ausgeführt, war unter anderem Staplerfahrerin und habe in Versand und Logistik gearbeitet. Am Montag trete ich meinen neuen Job als Produktionshelferin in der Firma Pano an, den ich durch Eigeninitiative gefunden habe. Es ist schon traurig, aber ich gehe auch mit einem lachenden Auge. Man sollte es als Geschenk sehen, dass man die Jahre hier haben durfte und nicht hinterher weinen.“

Rainer Tietz, ehemaliger Vorstand der damaligen Betriebskrankenkasse Gruner + Jahr:
„Ich bin seit 1978 in Itzehoe und hatte immer mit Gruner zu tun. Es ist schon sehr traurig, wenn man das jetzt sieht. Es ging einfach nur darum, welcher Standort weg muss, das ist schon schlimm. Aber es wurde gute gewerkschaftliche Arbeit geleistet.“

Jens Krohn, Betriebsrat Prinovis Ahrensburg:
„Die Anteilnahme bei uns im Werk ist groß. Ich bin extra mit einigen der Itzehoer Kollegen hergefahren, um unsere Anteilnahme zu zeigen. Ich kann mir gut vorstellen, was in einigen Köpfen vorgeht, wenn man 20 oder 30 Jahre hier gearbeitet hat und plötzlich ist es zu Ende. Viele realisieren wahrscheinlich erst jetzt so richtig, was passiert. Die Kollegen, die zu uns gewechselt sind, wurden gut aufgenommen, es gibt keine Berührungsängste. Wir wissen, dass es auch uns treffen kann.“

Uwe Becker, ehemaliger Personalchef, von 1972 bis 2002 im Betrieb:
„Viele derer, die hier sind, habe ich eingestellt. Da kommen viele Erinnerungen hoch. Wir hatten auch gute Jahre, bevor Prinovis kam. Gruner + Jahr stand für soziales Engagement, das ist alles weg. Es ist einfach traurig und geht mir sehr nahe.“

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