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Norddeutsche Rundschau

23. November 2017 | 06:39 Uhr

Interview : Bekenntnisse eines Schlickdichters

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Döblin-Haus-Stipendiat Karsten Krampitz über die Marsch und ihre Menschen – und über die politische Lage in Deutschland.

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2017 | 05:01 Uhr

Es hat schon Tradition: Morgen um 19.30 Uhr stellen die drei aktuellen Stipendiaten Juliane Stadelmann, Jonas Philipp Dallmann und Karsten Krampitz im Wewelsflether Döblin-Haus Auszüge aus ihren neuen Werken vor. Schon zum zweiten Mal ist der Berliner Karsten Krampitz Gast in der Marsch. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Volker Mehmel.

Herr Krampitz, Sie waren 2004 schon mal als Stipendiat in Wewelsfleth. Was hat sich seitdem hier verändert?

Krampitz: Ganz viel. Mehr Windkrafträder, dafür fehlt die Kneipe. Auch die Weinstube hat geschlossen. Das sagt viel über einen Ort aus. Wenn der Pfarrer geht, kann ein Dorf das verkraften. Wenn aber die Kneipe verschwindet, ist das kein gutes Zeichen.

In Ihrer Zeit hier haben Sie sicher auch ein paar Marschmenschen kennen gelernt. Wie würden Sie deren Charakterzüge beschreiben?

Ich habe damals erlebt, wie viele durch die Verkleinerung der Werft ihren Job verloren haben. Damals gab es hier ganz viele Kroaten. Einer von ihnen sagte in einer Kneipe, gerade sei sein Vater gestorben. Die Dorfbewohner nahmen ihn spontan alle in den Arm und haben ihn getröstet. So ein Riesenherz. Da war ich ganz gerührt. Es sind gute Menschen, die hier wohnen.

In Berlin haben Sie lange Jahre für Obdachlosenzeitungen gearbeitet. Muss Ihnen das hier nicht wie eine heile Welt vorkommen?

Auch in Wewelsfleth leben Unbedachte. Neulich stand im Dorfladen hinter mir an der Kasse ein Mann mit „Landser“-T-Shirt, eine Nazi-Band. Der hat sich angeregt mit den Leuten unterhalten. So heil ist die Welt hier wohl doch nicht.

Vor 13 Jahren haben Sie die Wewelsflether Trinkerklappe erfunden. Wie ernst ist für Sie der Hintergrund bei dieser wohl eher satirischen Aktion?

Das war die Aktion Findeltrinker – Keine Fragen. Keine Zeugen. Keine Polizei – in Zusammenarbeit mit der örtlichen Trinkerheilanstalt. In der Presseerklärung stand, dass wir dringend Schubkarren benötigen und Decken. Und dass nicht jeder Säufer ein Wunschtrinker ist. Da waren wir unserer Zeit wohl einiges voraus. Der damalige Bürgermeister von Wewelsfleth meinte sogar: Sie bringen die Frauen doch erst auf die Idee, ihre Männer dort abzugeben! Sage ich: Klar doch. Wie bei der Babyklappe. Das ist ja die Kritik unter anderem vom Kinderschutzbund, dass darin womöglich mehr Babys reingelegt werden als jemals ausgesetzt worden wären. Das war die Satire. Uns ging es darum, deutlich zu machen, dass jeder Mensch ein Grundrecht hat, zu erfahren, wo er herkommt. Hätte man mich in einer Babyklappe abgegeben, wäre ich nie Schriftsteller geworden. Man muss einfach wissen, wo man herkommt, sonst macht einen das kaputt.

Als Stipendiat leben und arbeiten Sie ja einige Wochen in einem Haus, in dem einst Günter Grass gelebt hat. Spüren Sie morgens beim Aufstehen den Geist des Nobelpreisträgers?

Nee. Da spüre ich nur meine volle Blase. Im Nachhinein muss man Grass natürlich dankbar sein, dass er uns diese Möglichkeiten hier eröffnet hat.

Großstadt Berlin und plattes Land in der Marsch: Das sind höchst unterschiedliche Welten. Könnten Sie sich vorstellen, sich hier auf Dauer niederzulassen?

Ich ja, meine Freundin aber wohl nicht. In zehn Jahren wäre das hier vielleicht schön. In Berlin kann man aber ohne Erfolg besser leben, was nicht heißen soll, dass ich nicht auch erfolgreich bin. Aber in Berlin gibt es genug Kneipen, wo man das Gefühl bekommt, ein Dichter zu sein. Obwohl die Luft dort sehr schlecht ist.

Als bekennender Linker haben Sie mal geklagt, auch in Ihrer Partei gebe es zu viele Mandats- und Funktionsträger, die Angst, materielle Not und Verzweiflung nur vom Hörensagen kennen. Brauchen Politiker generell mehr Bodenhaftung?

Die müssen mehr aus dem wirklichen Leben kommen. Die Karriere von Politikern sieht doch häufig so aus: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Diesen ganzen glattgespülten Fraktionen glaubt doch keiner mehr was.

Wie fällt Ihr Urteil über die politische Großwetterlage in Schleswig-Holstein und in Deutschland aus?

Dass Albig weg ist, ist schade. Der war wenigstens noch ein bisschen links. Auf seinen Wahlplakaten konnte man ja auch die Forderung nach mehr Gerechtigkeit lesen. – Da habe ich gestaunt: Agenda 2010 und Hartz IV war das nicht die SPD? Gerechtigkeit heißt doch, den Menschen gerecht zu werden; dafür zu sorgen, dass immer mehr arme Schlucker ein besseres Leben führen können.

Als Autor und als Historiker befassen Sie sich viel auch mit der DDR-Vergangenheit und den Spätfolgen nach der Wiedervereinigung. An dieser Stelle zitiert man gerne Willy Brandt, der vor 28 Jahren prophezeite, hier wachse zusammen, was zusammengehört.

Schon der Begriff Wiedervereinigung ist falsch. Es war ein Zusammenkommen von zwei völlig verschiedenen Sachen. Und es musste schnell gehen. Viele Arbeitsbiografien sind in dieser Zeit völlig entwertet worden. Hinzu kommt, dass in der offiziellen Erinnerungspolitik die DDR seit 27 Jahren prinzipiell falsch erzählt wird. In Westdeutschland würde niemand auf die Idee kommen, die Geschichte von Staat und Gesellschaft auf Behörden, Gerichte und Polizei zu reduzieren. Jeder würde sagen, die Bundesrepublik ist mehr. Sicher, die DDR war ein Unrechtsstaat. Aber eben nicht nur. Und die DDR war auch kein Sozialismus. Eher ein Versorgungsversprechen. Das macht die Sache ja so kompliziert. Neun von zehn Menschen hatten schließlich gar kein Problem mit den Verhältnissen. Ein großer Teil der Leute hat ein ganz normales Leben geführt. Und wenn man das nicht erzählen kann, macht einen das krank. Das ist auch ein Grund für Pegida. Die Leute haben so etwas wie eine Identitätsstörung.

Über Sie heißt es, Sie seien oft irgendwo dabei, gehörten aber nie wirklich irgendwo dazu.

Nicht dazugehören ist so eine Grunderfahrung in meinem Leben. Jetzt gerade erlebe ich das in der Linken. Als promovierter Historiker mit Schwerpunkt DDR-Geschichte fühlt man sich dort nicht immer wohl. Aber das ist okay. Ich bin mittendrin und stehe trotzdem am Rand. Für literarisches Arbeiten muss das kein Nachteil sein.

Was dürfen die Besucher denn morgen Abend bei der Lesung im Döblin-Haus erwarten?

Vielleicht lese ich nochmal aus dem Aufruf für die Wewelsflether Trinkerklappe vor. Dann kann ich auch erzählen wie ich hier mal in den Schlick gefallen und voller Modder durch den Ort gelaufen bin. Hannelore Keyn (die frühere Haushälterin im Döblin-Haus-d.Red) meinte, ich wäre ein Schlickdichter. Der der den Schlick dichtet.

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