Fast vergessen : Bedeutender Bildhauer prägte altes Glückstadt

Ins moderne Stadtbild integriert: Die Inschrift am Eckhaus Rosengang und Kleine Nübelstraße.
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Ins moderne Stadtbild integriert: Die Inschrift am Eckhaus Rosengang und Kleine Nübelstraße.

Erinnerungen an Hofbildhauer Jürgen Crüwel.

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01. Januar 2015, 08:00 Uhr

Zwischen der Belagerung durch Wallenstein 1629 und dem Schwedeneinfall 1644 errichtete der Baumeister Willem Steenwinkel das königliche Schloss „Glücksburg“ am Glückstädter Außenhafen. Mit den Innenausbauten des Schlosses – und ebenso der Schlosskapelle, des Pentz-Palais am Fleth (heute Brockdorff-Palais) und des Lusthauses des königlichen Gartens auf dem Rethövel – war als Hofbildhauer Jürgen Crüwell betraut.

Mit Crüwell kam die bedeutende Magdeburger Bildhauerschule nach Glückstadt. Seine stilbildende Wirkung auf die norddeutsche Bildhauerkunst ist größer als bisher angenommen, doch noch nicht erforscht. Der größte Teil seines umfangreichen Lebenswerks ging beim Brand Magdeburgs sowie beim Abriss des Schlosses „Glücksburg“ (1708) und weiterer königlicher Bauten verloren. Plastische Einzelteile könnten in Kirchen der Glückstädter Umlandgemeinden zu suchen sein. Altar, Orgel und Leuchter der Schlosskapelle wurden nach Brunsbüttel verkauft. Gesicherte Beispiele seines Schaffens sind die Kanzel im Dom zu Bremen (1641) wie auch Kanzel, Empore und Taufe in der Kirche zu Otterndorf (1644).

Nach der Zerstörung seiner Heimatstadt Magdeburg 1631 durch die Truppen Tillys im Dreißigjährigen Krieg fand Crüwell eine neue Lebensaufgabe, Auskommen und Sicherheit darin, dem Dänenkönig Christian IV. sein Glückstadt mit dem nötigen Glanz und künstlerischen Flair einer Residenz auszubauen.

Jürgen Crüwell lebte ab 1633 in Glückstadt, erwarb ein Haus am Kirchplatz und verstarb gegen Ende des Schwedenkrieges 1645. Offenbar hinterließ er Nachkommen oder nahe Verwandte. Eine Familie Crüwell wohnte Am Jungfernstieg 3/3a und zeigte das mit einer barocken Inschrifttafel an, die in heute eigenartiger Ausdrucksweise vom Lebensgefühl der vom Krieg geprägten Menschen erzählte: „Bis hierhin hat uns der Herr geholfen / Alle uns kennen gebe Got was sie uns gunen / Johann Crüwell Kattrna Crüwell 1678“.

Bei einer Renovierung des Hauses Ende des 20. Jahrhunderts ging die Inschrift verloren. Denkbar wäre, dass ein Künstler eine Nachbildung erstellen würde und mit Billigung der jetzigen Hausbesitzer am Haus neu installieren dürfte. Ein Vorbild kann die barocke Inschrift am stilisierenden Neubau des ehemaligen Bürgerstifts an der Ecke Rosengang/Kleine Nübelstraße sein. So oder so ähnlich könnte auch der Name Crüwell am Jungfernstieg an Glückstadts kulturelle Blüte erinnern.

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