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Norddeutsche Rundschau

16. Dezember 2017 | 21:58 Uhr

Interview : Baustein in der Demografie-Frage

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Interview mit Ronald Geist, Leiter der Arbeitsagentur Heide. Flüchtlinge sind die Fachkräfte von übermorgen

shz.de von
erstellt am 01.Jan.2016 | 16:06 Uhr

Eine positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in Steinburg, aber auch neue Herausforderungen durch die Flüchtlinge – im Interview mit unserer Zeitung spricht Ronald Geist, Leiter der Heider Arbeitsagentur, die für die Kreise Steinburg und Dithmarschen tätig ist, über 2015 und über die Entwicklungen, die er für dieses neue Jahr erwartet.

Herr Geist, Anfang Mai 2015 mussten sich die ehemaligen Prinovis-Beschäftigten, die noch keinen neuen Job gefunden haben, arbeitslos melden. Wie viele haben in der Zwischenzeit einen neuen Arbeitsplatz gefunden?

Im Mai haben sich 320 ehemalige Beschäftigte arbeitslos gemeldet. Aktuell sind davon noch 174 Personen arbeitslos gemeldet. Damit haben 146 eine neue Beschäftigung gefunden, bzw einige wenige erlernen über eine Umschulung einen neuen Beruf oder haben sich selbstständig gemacht. Wenn ich bedenke, dass am Anfang rund 900 Arbeitnehmer von Arbeitslosigkeit bedroht waren, ist es ein sehr erfreuliches Ergebnis. Gleichwohl ist natürlich jeder Arbeitslose, der nach der Beschäftigung bei Prinovis keinen neuen Arbeitsplatz gefunden hat, einer zu viel.

Wie hat sich der Arbeitsmarkt in 2015 ansonsten entwickelt?
Grundsätzlich finden wir auf dem Arbeitsmarkt eine stabile Situation vor, mit einer positiven Grundtendenz. Die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ist auch im Jahr 2015 stetig gestiegen. In Steinburg arbeiten aktuell gut 36 300 Personen sozialversicherungspflichtig. Das sind knapp 500 mehr als noch vor einem Jahr. Bei der Arbeitslosigkeit ist hingegen leider auch ein Anstieg zu verzeichnen. Dabei suchten die Betriebe in Steinburg im vergangen Jahr vermehrt nach Personal. Sie haben uns gut acht Prozent mehr Stellenangebote als noch vor einem Jahr mitgeteilt. Vor allem das Sicherheits- und Reinigungsgewerbe, die öffentliche Verwaltung und das Baugewerbe haben erhöhten Personalbedarf. In der Branche Land und Forstwirtschaft ist hingegen fast ein Viertel weniger Personal gesucht worden als noch in 2014.

Woran liegt es, dass trotz der positiven Grundstimmung die Arbeitslosen nicht partizipieren?
Häufig passt die Qualifikation nicht zum ausgeschriebenen Stellenangebot. Firmen suchen vielfach Fachkräfte, die Hälfte der Arbeitslosen besitzt aber keine abgeschlossene Ausbildung. Wir ermöglichen zwar auch Qualifizierungen, aber das kommt aus den unterschiedlichsten Gründen nicht für jeden in Frage. Wir beraten daher die Firmen, sich intern anders aufzustellen. Zum Beispiel können die Fachkräfte ihre einfachen Tätigkeiten bündeln und diese an eine Assistenzkraft abgeben. Das kann eine Möglichkeit sein, wenn die passende Fachkraft nicht gefunden wird und ist dann eine Chance für alle Beteiligten. Der Arbeitslose hat wieder einen Arbeitsplatz, die Firma kann ihre Vakanz besetzen und kann so mehr Aufträge entgegen nehmen. Insgesamt partizipieren die Langzeitarbeitslosen noch zu wenig von der positiven Entwicklung bei den Stellenangeboten und bei der Beschäftigung. Ganz im Gegenteil beobachte ich bei dieser Personengruppe eher eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit.Und natürlich kommen auch die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt an.

Die Flüchtlinge – ein gutes Stichwort. Wie wirken sich diese auf den regionalen Arbeitsmarkt aus?

Noch sind wir in der Agentur für Arbeit – gemessen an den Menschen, die sich bereits in unserer Region aufhalten – nur wenig betroffen. In Steinburg liegt der Anteil der ausländischen Arbeitslosen lediglich bei 10,1 Prozent. In Schleswig-Holstein liegt der Wert bereits bei 14,9 Prozent und im Bundesdurchschnitt sogar bei 21,3 Prozent. Allerdings spüren wir – gerade in den letzten Monaten – einen merklichen Anstieg, vor allem bei den Arbeitslosen aus Syrien. Die Entwicklung wird nicht mit dem Ende des Jahres 2015 abgeschlossen sein, sondern uns im nächsten Jahr vor eine gewaltige Aufgabe stellen.

Was heißt das konkret?
Die Integration der Flüchtlinge in den hiesigen Arbeitsmarkt wird einen langen Atem benötigen. Erste Grundvoraussetzung dafür ist das Erlernen der deutschen Sprache. Der Bundestag hat Ende Oktober in diesem Zusammenhang beschlossen, dass durch die Arbeitsagenturen einmalig achtwöchige Sprachkurse für Flüchtlinge aus den Herkunftsländern Syrien, Irak, Iran und Eritrea gefördert werden können, sofern sie noch in 2015 begonnen wurden. In Steinburg bieten das Regionale Bildungszentrum des Kreises Steinburg (RBZ), die Volkshochschulen, Mikropartner und die Awo insgesamt 15 solcher Sprachkurse an. Das Gesetz ist ziemlich kurzfristig in Kraft getreten. Ich bin den Bildungsträgern daher wirklich sehr dankbar, dass sie in so kurzer Zeit so viele Sprachkurse ins Leben gerufen haben. Die Flüchtlinge werden natürlich nach acht Wochen nur wenige Brocken Deutsch können, aber es ist zumindest ein Anfang. Das Erlernen unserer Sprache wird folglich weiter gehen müssen.

Das Lernen der Sprache ist die erste Voraussetzung um einen Job zu finden. Was ist außerdem wichtig?
Nach und während des Spracherwerbs wird es darum gehen, die Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Das deutsche duale Ausbildungssystem ist in anderen Ländern nicht bekannt, daher werden vorliegende Qualifikationen aus den Heimatländern nicht eins zu eins ins deutsche System übersetzt werden können. Bei den Flüchtlingen handelt es sich daher nicht um Fachkräfte von morgen, sondern eher von übermorgen.


Wie bereiten Sie sich auf die Beratung der Flüchtlinge vor?

Damit wir mit den ersten Schritten der sprachlichen und beruflichen Kenntnisanpassung rasch beginnen können, wäre es aus meiner Sicht wichtig, dass die Asylanträge schneller als bisher gestellt und entschieden werden. Wir werden über verschiedene Bildungsträger Profiling-, Coaching- und Bildungsangebote bereitstellen, um den Prozess, soweit wir ihn als Agentur beschleunigen können, rasch anzustoßen. Zur Frage des Vorgehens werden wir grundsätzlich zwei unterschiedliche Zielrichtungen verfolgen: Bei älteren Personen werden wird das langfristige Ziel der Beschäftigung forcieren; bei jüngeren Menschen werden wir vorrangig (auch) die noch längerfristigere Frage der Berufsausbildung bedenken. Um die Ankommenden von vornherein möglichst gut zu unterstützen, bilden wir in der Arbeitsagentur in Itzehoe, Heide und Brunsbüttel Spezialistinnen aus, die gezielt für die Unterstützung und Beratung von Flüchtlingen geschult werden. Außerdem werden wir zusätzliches Personal einstellen. Immerhin liegen mit Itzehoe, Kellinghusen, Glückstadt und Albersdorf vier Erstanlaufstellen in unserem Agenturbezirk. Noch stehen dort die Fragen der Unterbringung, Abklärung der gesundheitlichen Aspekte, die Asylantragstellung und der Spracherwerb im Vordergrund. Die Überlegungen zur beruflichen Integration werden erst danach wichtig. Insofern kommen die zahlreichen Flüchtlinge, die sich jetzt in den Erstanlaufstellen befinden, erst mit einer zeitlichen Verzögerung in die Agentur und die Jobcenter. Im nächsten Jahr wird dabei die Gewährung des Arbeitslosengeldes II in den Jobcentern eine große Rolle spielen.

Jahrelang hat die Agentur für Arbeit vom Fachkräfteengpass gesprochen. Kann dieser durch den Zuzug von Flüchtlingen gelöst werden?
Bei aller Diskussion über die Probleme und Schwierigkeiten, sehe ich auch die Chancen, die sich durch die neuen Menschen in Steinburg und Dithmarschen langfristig auf dem Arbeitsmarkt entwickeln. Sicherlich sind die Flüchtlinge, die aus Syrien, dem Irak, dem Iran oder Eritrea zu uns kommen, alle unterschiedlich in ihrer kulturellen, sprachlichen und berufsfachlichen Ausprägung. Was wir aber feststellen, ist, dass diese Menschen im Schnitt jung sind. Insofern ist es sehr sinnvoll, Gedanken und Ressourcen für eine gute Unterstützung der sprachlichen und berufsfachlichen Qualifizierung aufzuwenden. Wir sollten davon ausgehen, dass viele nicht nur kurzfristig, sondern in der Regel dauerhaft bleiben werden. Zusammenfassend sind sie damit nicht die Lösung der Demographie-Frage, aber doch ein Baustein.

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