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Schleswig-Holstein Musik Festival in Itzehoe : Avi Avital sorgt für atemberaubende Jahreszeiten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Avi Avital überzeugt bei Konzert des Schleswig-Holstein Musikfestivals (SHMF) im Theater Itzehoe.

Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, das ist ein Klassik-Ohrwurm, der durch seine postmoderne Vielverwendbarkeit als Klingelton oder Supermarktbeschallung dem Kitsch-Verdacht schon so nahe gekommen ist wie Dürers „Betende Hände“ oder da Vincis „Mona Lisa“. Dieses fast 300 Jahre alte und berühmteste aller Vivaldi-Konzerte kommt mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) nach Itzehoe, ein Festival, das eher für gehobenen Anspruch steht. Und zwar mit Avi Avital, der mit der Mandoline ein Instrument präsentiert, dessen Image ja auch nicht gerade frei von Schnulze und Schlager ist.

Reicht das, um den Kitsch-Verdacht zu entkräften: Mandoline statt Geige, Zupf- statt Streichinstrument? Ja, das reicht! Denn was der israelische Musiker, Porträtkünstler des diesjährigen Festivals, als Solist in den „Jahreszeiten“ bietet, ist atemberaubend. Da zupft er ein sanftes Frühlingserwachen hin, einen schweißtriefenden Sommer, einen torkelnden Betrunkenen beim Herbsttanz und dann, sozusagen als Höhepunkt des Ganzen, einen klirrend kalten Winter.

Mitten im Winter, kein Gag, passiert etwas, das Vivaldi, der Extravaganzen eigentlich nicht abgeneigte „rote Priester“ aus Venedig, so nicht vorgesehen hatte: In das winterliche Regenrauschen mischt sich unerwartet und aus dem ersten Rang die Stimme der Sopranistin Nuria Rial mit einer venezianischen Volksweise voller Melancholie. Trotzdem prallen dabei nicht zwei Welten aus Musik-Malerei und volkstümlicher Gesangsseligkeit aufeinander, sondern da verbinden sich gegensätzliche Klänge: hier das Kunstfertige, fast Manieristische, dort das Volkstümliche von scheinbarer Einfachheit. Ohne Bruch leiten Avital und das „Venice Baroque Orchestra“ dann in den Winter-Sturm über. Der blies mit seinen kraftvollen Tremoli den letzten Kitsch-Verdacht einfach fort. Diese Interpretation war nun weder sinfonisch noch kammermusikalisch, sondern einfach nur wirkungsvoll innovativ gemalt.

Dieser bewusste Zusammenprall der Bildlichkeit Vivaldis mit den venezianischen Gondel-Liedern prägte das Zwei-Stunden-Programm. Nuria Rial, für die erkrankte Silvia Frigato eingesprungen, sang mit ihrer phänomenalen Stimme die volkstümlichen Canzonen von Liebe und Leid, Wetter und Geld lebhaft und beweglich. Das Innige nahm man ihr genauso ab wie das Kecke und Verspielte.

Avital hob in seiner Mandolinen-Begleitung mit seinen ausgiebigen Saiten-Tremoli das Melancholische hervor. So entwickelte sich das Einfache des Volkstümlichen überzeugender als die komplizierten barocken Verzierungslabyrinthe, durch die Vivaldis Komposition das Orchester scheucht.

Bei den elf Venedigern (die Streicher spielen im Stehen) setzte die Continuo-Gruppe mit Cembalo, Viola, Violoncello, Kontrabass und Laute die pfiffigen Akzente. Für dieses mitreißend lebendige Konzert gab es viel, viel Beifall, zum Teil auch im Stehen, vor allem auch von den Musikern selber, die den Canzonen und Avitals Solo-Intermezzi genauso hingerissen lauschten wie das Publikum.

Beobachtungen am Rande:

Theater I: Es gibt verschiedene Formen von „ausverkauft“. Bei diesem Konzert galt das Optimum: bis unters Dach und ringsherum in beiden Rängen. Weil vorne zwei Stuhlreihen extra aufgestellt waren, durften die beiden letzten Reihen nicht verkauft werden. Die waren dennoch schnell besetzt: Festival-Beirat, Theatermitarbeiter, Presse. Also: ausverkaufter als ausverkauft.

Theater II: So vollbesetzt brachte das Theater Itzehoe seine größten Stärken ins Spiel: seine Architektur und seine Akustik. Die musikalischen Akteure stehen, mathematisch betrachtet, im Brennpunkt einer Ellipse, sie sind von allen Seiten also optimal zu sehen und zu hören. Doch Mathematik hin oder her: Es herrschte Arena-Atmosphäre. Die Wahnsinnsvirtuosität von Avi Avital wurde mit spontanen Ovationen zwischen den Sätzen belohnt, eigentlich ein klassisches „No-Go“. Viele griffen für Schnappschüsse zu ihren Handys, die roten Lichter der Autofocus-Instrumentarien blitzten nur so und die Blitzlichter sowieso. Fehlte nur noch der Konfetti-Regen.

Intendant  und Itzehoe: „Ich weiß gar nicht, warum sie lachen“, kokettierte SHMF-Chef Christian Kuhnt mit seinem kunstvoll eingesetzten Rhetorik-Coup. Gerade hatte er erzählt, dass Avi Avital eines seiner zwei Dutzend SHMF-Konzerte Venedig widmen wollte. „Und da dachten wir sofort an (Kunstpause) Itzehoe! Dieses Haus erinnert ja auch an einen venezianischen Palast. Und denken sie an die Gondoliere auf der – wie heißt der Fluss hier? Ja, richtig! – Stör.“ Und dann seine gut platzierte Lokal-Pointe: „Die Stör soll ja hier am Theater wieder sichtbar gemacht werden. Da wünsch ich den Initiatoren toi, toi, toi für diese Pläne.“ Na, da kann ja jetzt nichts mehr schiefgehen mit dem Fluss in der Stadt.

Intendant  und Itzehoe: Publikumsreaktionen„Unglaublich!“ – „Fantastisch!“ – „Ich bin sprachlos!“ – „Irre!“ – „Der Wahnsinn!“ – „Was soll man da sagen?“ – „Ein tolles Haus!“ – „Unglaubliche Akustik, besonders als Nuria Rial aus dem ersten Rang von hinten sang.“ – Und im Parkhaus aufgeschnappt: „Und das in der Provinz!“

Selfie: Kein Konzert ohne Selfie. Da kennt Avi Avital nichts. Und hier in Itzehoe hat er noch mehr in seine eigene Kamera gelächelt als kürzlich in Kellinghusen. Ganz sicher! Denn hinter sich hat er hier nicht ein schlicht-monumentales Holzkreuz gesehen wie in St. Cyriacus, sondern auch die Musiker, die ihm Beifall spendeten und das enthusiastisch applaudierende Publikum auf den Rängen hinter der Bühne.

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