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Autor gibt Einblicke in eine untergegangene Welt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2015 | 13:48 Uhr

Ein DDR-Autor in den 70iger- und 80iger Jahren, das Leben in einer kleinen Dorfgemeinschaft in Vorpommern an der Grenze zu Polen – auf den ersten Blick ist der Alltag von Ich-Erzähler Elias Effert unspektakulär, auf den zweiten eine aufschlussreiche Perspektive der DDR-Wirklichkeit 25 Jahre nach dem Mauerfall. Autor Reinhard Kuhnert stellte Elias Effert mit seinem ersten Roman „Abgang ist allerwärts“ beim Verein Leselust in Wilster vor und bekannte sich zu autobiografischen Bezügen.

Effert berichtet von der Renovierung der Datsche, vorm Dorfklatsch in der Kneipe, von den Frauen in den Kittelschürzen, den abendlichen Vergnügungen beim Korn oder Blick durch offene Gardinen.

Er eröffnet das Kaleidoskop einer Dorfgemeinschaft, die sich weitab von der sozialistischen Hauptstadt wenig um Politik, aber viel umeinander kümmert: „Ich habe sie lieben gelernt.“ Und das, obwohl er ursprünglich als hoffnungsvoller Nachwuchsdramatiker für die Ostberliner Theater nur „zwischen den Bewohnern, aber nicht mit ihnen“ leben wollte. 20 Jahre nach seiner Übersiedelung in den Westen, der dem pommerschen titelgebenden Sprichwort „Abgang ist allerwärts“ entspricht, besucht er das Dorf noch einmal und findet es verfallend vor – in Unfrieden mit dem reichen neuen Schlossbesitzer aus dem Westen. Kuhnert verleiht dem Geschehen und seinen Protagonisten humorvolle, zuweilen auch spöttische Untertöne und zeichnet ein liebevoll-sachliches Bild der untergegangenen Welt, deren Humanismus er weitervermitteln möchte.

Denn den Bruch seiner Biographie lastet Effert – und letztlich auch der Autor - nicht den Dorfbewohnern an, die ihn auch nach dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband und dem Arbeitsverbot wie selbstverständlich mitversorgten. Den Bruch habe das autoritäre Regime verursacht - und die ehemaligen Ostberliner Kollegen, die ihn nach dem Ausreiseantrag plötzlich nicht mehr kannten und um eigene Privilegien fürchteten.

Reinhard Kuhnert (Jahrgang 1945) stellte sich mit einigen CD-Einspielungen und mit dem Vortrag einer bissigen Ballade auch als politischer Liedermacher vor, der allerdings im hohen Norden noch völlig unbekannt ist. Denn der gebürtige Ostberliner und ausgebildete Schauspieler, der viele Jahre in Irland lebte, tourt und inszeniert vor allem im Berliner Raum und in den ostdeutschen Bundesländern. Er hat viele erfolgreiche Theaterstücke verfasst, lehrte an der Universität Melbourne und arbeitet auch als Regisseur.

Auch das Rätsel mit der Stimme, die einem irgendwie bekannt vorkam, löste Kuhnert in der Fragerunde mit dem Publikum: Er ist Synchronsprecher für die amerikanischen Schauspieler Kevin Spacey und Pierce Brosnan und hat auch die Hörbücher von „Das Lied von Eis und Feuer“ eingelesen. Der unbekannte Autor erwies sich so als anregende und überzeugende Entdeckung von Karin Naethke aus dem Leselust-Vorstand, die den Abend moderierte. Die Itzehoerin arbeitet mit einer Berliner Agentin zusammen und ist immer auf der Suche nach Kleinoden in der Masse der Veröffentlichungen.



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