Ausstellung zum Landesfürsorgeheim

<strong>Das ehemalige Landesfürsorgeheim</strong> in Glückstadt. Einst galt es als 'Endstation'. Mit drakonischen Maßnahmen sollten die Kinder und Jugendlichen hier wieder 'auf Linie' gebracht werden. Foto: sh:z
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Das ehemalige Landesfürsorgeheim in Glückstadt. Einst galt es als "Endstation". Mit drakonischen Maßnahmen sollten die Kinder und Jugendlichen hier wieder "auf Linie" gebracht werden. Foto: sh:z

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17. April 2010, 08:09 Uhr

Glückstadt | Drei Tage eingesperrt in einer sieben Quadratmeter großen Arrestzelle. Die Holzpritsche wurde tagsüber hochgeklappt, es gab sonst nur einen Stuhl. Für die Notdurft stand ein Eimer bereit. So wurden Jugendliche ab 14 Jahren im Landesfürsorgeheim "innerlich gebrochen", wenn sie ankamen. So erzählte es einst ein Erzieher gegenüber unserer Zeitung. Ein über viele Jahre angewandtes Mittel im Glückstädter Jugendheim, mit dem die von Jugendämtern eingewiesenen Jugendlichen "zur Ruhe" kommen sollten. Arrest gab es auch als Strafe. Drei Jugendliche erhängten sich in solchen Arreststationen.

"Die Zustände im Landesfürsorgeheim waren über 25 Jahre detailliert bekannt", sagt Prof Dr. Schrapper von der Universität Koblenz. "Dreimal wurde von Seiten der Landes beschlossen, das Jugendheim zu sofort schließen", sagt er zu den unhaltbaren Zuständen. Doch es geschah nichts. Obwohl auch damals über viele Jahre zahlreiche Jugendämter die "unhaltbaren Zustände" in Glückstadt kritisiert hätten. Den Landesregierungen sei vorzuwerfen, dass es "eine mangelnde Kontrolle und Untätigkeit" gab.

Prof. Dr. Schrapper und vier Mitarbeiterinnen beschäftigen sich seit längerem mit der Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Heimgeschichte. Sie haben eine Ausstellung erarbeitet sowie ein Buch. Möglich wurde dies auch, weil 8000 Akten vom Landesfürsorgeheim "aufgetaucht" seien. "Diese hätte es nach den strengen Regeln des Datenschutzes und des Archivrechtes eigentlich nicht geben dürfen." Für die Ausstellung wurden auch ehemalige Heimkinder interviewt, die über ihre Erfahrungen in Glückstadt berichten. Unter ihnen Peter Hub und Klaus-Dieter Wenzke.

Die Ausstellung wird am 18. Mai im Landeshaus in Kiel für geladene Gäste eröffnet und ist anschließend für zwei Tage zugänglich für Besucher. Nicht nur die Geschichte des Landesfürsorgeheimes wird aufgearbeitet. Thema ist die Heimerziehung in Schleswig-Holstein - exemplarisch dargestellt auch am "Pauli-Hof" in Schleswig und dem Malteser Kinderheim in Flensburg.

Das Landesfürsorgeheim war eines der schlimmsten Jugendheime in Deutschland. Erkannt wurde dies sehr früh. Aus einem Protokoll der Landesregierung aus den 50er Jahren geht bereits hervor, dass Abgeordnete die Zustände für unhaltbar hielten. So Dr. Gerhard Gerlich (später CDU) in einer Sitzung: Das Haus in Glückstadt würde "den Geist des ehemaligen Strafgefängnisses atmen". Wenn es um Menschen gehe, die für die Gesellschaft gerettet werden könnten, müsse versucht werden "sie der Familienerziehung zuzuführen." Auch betonte er, dass es Menschen nicht zuzumuten sei, in diesem Gebäude zu arbeiten. Dr. Münchow (SSW) verwies in dem Gespräch darauf, dass die jungen Menschen beim Netzeknüpfen zu "Maschinen werden". Jugendliche mussten noch bis in die 70er Jahre auf dem Strickboden täglich 4000 bis 5000 Knoten stricken. Ab 3000 Knoten wurden sie mit Tabak oder Zigaretten "belohnt".

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