Lesung mit Anja Marschall in Wilster : Ausflug ins 19. Jahrhundert

Fesselte ihr Publikum: Anja Marschall.
Fesselte ihr Publikum: Anja Marschall.

Autorin Anja Marschall nimmt Leselust-Besucher mit in die viktorianische Zeit.

shz.de von
05. Dezember 2018, 11:37 Uhr

Wilster | Zu einem Abend der besonderen Art lud der Verein Leselust in den Spiegelsaal des Neuen Rathauses von Wilster ein. Die bisher durch ihre historischen Schleswig-Holstein-Krimis bekannte Wewelsflether Autorin Anja Marschall führte durch einen kurzweiligen Abend rund um das Leben von Mary Elisabeth Braddon, der ersten Frau, die je einen Krimi schrieb.

Mary E. Braddon wurde 1835 in London geboren und war bereits mit Anfang zwanzig eine Bestsellerautorin, die mit ihren Sensationsromanen Millionen Leser unterhielt. Ihr erster Erfolg, „Lady Audley’s Secret“, wurde in viele Sprachen übersetzt, unzählige Male für die internationalen Theaterbühnen inszeniert, im Jahr 2000 zum vierten Mal verfilmt und wurde 2009 sogar als Hörspiel von der BBC produziert. Diesem Megabestseller folgte nur ein Jahr später, 1862, „Aurora Floyd“.

Unterhaltsam machte Anja Marschall das sehr aufmerksame Publikum mit den teilweise pikanten Details im Leben der Erfolgsautorin vertraut, die von ihrer viktorianischen Zeit geprägt war. Da waren beispielsweise die sechs illegitimen Kinder, die Braddon mit einem verheirateten Mann hatte oder auch das Geheimnis um den Tod von dessen Ehefrau.

Anja Marschall wusste die Zuhörer in gewohnter Manier zu fesseln, bot erzählerisch eine tatsächliche Szene, die an einem regnerischen Aprilmorgen in London gespielt haben soll und der Beginn von Braddons Karriere war. Dazu zeigte die Autorin mit Hilfe einer Leinwandpräsentation, wie man im Reich Königin Viktorias tatsächlich lebte. Dabei wob sie immer wieder Fakten aus der britischen Zeit des 19. Jahrhunderts mit ein, plauderte über die damals neusten Wasserklosets, dem Aufkommen der Massenmedien, den sogenannten Penny-Weekley-Magazinen, widmete sich der Frage, wie es sich damals als Frau lebte oder wie viel der Gatte von Königin Viktoria, Prinz Albert, im Vergleich zu einem kleinen Schreiber in der Londoner City oder der Bestsellerautorin Braddon verdiente.

Vor allem aber erklärte Marschall den zwei Stunden konzentriert zuhörenden Gästen, wie elegant Braddon es schaffte, heikle Frauenthemen in die Öffentlichkeit zu bringen. Immerhin galten Frauen bis 1884, also lange nach „Lady Audley’s Secret“, noch als Eigentum ihrer Männer. Man merkte der Wewelsfletherin an, dass sie für ihre 1915 verstorbene Kollegin großen Respekt hegt. „Sie ist der Grund, warum Agatha Christie so erfolgreich werden konnte, denn Braddon schrieb mit ihrer Lady Audley den allerersten erfolgreichen Ermittlerkrimi bereits 1860“, erklärte Marschall. Dem Braddonkollegen Wilkie Collins werde heute zugesprochen, der Erfinder dieses Genres zu sein. Doch dem widerspricht Marschall energisch, denn Collins’ Erfolgsbuch „The Moonstone“ erschien erst acht Jahre nach Braddons Lady Audley. „Und Wilkie Collins soll zugegeben haben, bei seiner Kollegin und Freundin Braddon abgeschrieben zu haben.“

Anja Marschall übersetzte die beiden berühmtesten Bücher von M. E. Braddon, „Das Geheimnis der Lady Audley“ und „Aurora Floyd“, obwohl sie sich selber nicht als Übersetzerin sieht. „Es ist ein Hobby“, erklärt sie. „Mein Ziel war es, diese heute als verstaubt wirkenden Bücher einer neuen Leserschaft schmackhaft zu machen.“ So wurden auf über 700 Seiten pro Buch lesbare 367 Seiten. „Wer diese Bücher liest“, empfiehlt sie, „soll es nicht mit den Augen eines heutigen Krimilesers tun, sondern mit den Augen eines Menschen aus dem 19. Jahrhundert.“ Marschall garantiert schlaflose Nächte.

Im Anschluss an den amüsanten und interessanten Vortrag wollte das Publikum eine Menge über die Zeit, aber auch den Unterschied zwischen dem Originaltext und der Neubearbeitung wissen.

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