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Oelixdorf : Aus Liebe – Itzehoer kauft Aufbauwerk

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach vier Jahren Leerstand hat der Oelixdorfer Immobilienkomplex einen neuen Besitzer: Jürgen Tetzlaff möchte das Grundstück für sich und seine fast blinde Frau herrichten.

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erstellt am 22.Mai.2016 | 08:29 Uhr

Im letzten Anlauf hat es doch noch geklappt: Das ehemalige Kreis-Jugendaufbauwerk Charlottenhöhe in Oelixdorf ist verkauft. Nach vier Jahren Leerstand und etlichen gescheiterten Versuchen hat sich ein neuer Besitzer gefunden. Der Itzehoer Jürgen Tetzlaff unterschrieb vor zwei Wochen den Kaufvertrag.

Das Anwesen ist ein Ort mit einer wechselvollen Geschichte. Einst Landsitz, im Dritten Reich Unterkunft für Frauen und Mädchen des Reichsarbeiterdienstes, Flüchtlingsunterkunft, Krankenstation, Jugendaufbauwerk. Zuletzt war es ein finanzielles Sorgenkind des Kreises. Renovieren war zu teuer. Und der Abriss hätte 240  000 Euro verschlungen. Nun wird ein neues Kapitel geschrieben – die Geschichte von der Liebe eines Mannes zu seiner Frau und zur Natur.

Dass Jürgen Tetzlaff das ehemalige Kreis-Jugendaufbauwerk kaufte, hat auch einen traurigen Hintergrund. „Ich wollte vor drei Jahren für meine Frau ein Haus an der Nordsee zurückkaufen, das einst ihrem Urgroßvater gehörte. Das sollte unser Alterswohnsitz werden.“ Doch dann erhielt seine Frau Marlene die Diagnose „Glaukom“, grüner Star im fortgeschrittenen Stadium. Auf einem Auge ist die 61-Jährige mittlerweile blind, auf dem anderen verbleibt ihr nur noch ein kleiner Rest Sehkraft. „Der Wind am Meer reizt ihre Augen zu sehr.“ Das Haus an der Nordsee kam deshalb als Wohnsitz nicht mehr in Frage. Außerdem musste das Anwesen barrierefrei sein. „Zufällig habe ich dann gelesen, dass das Jugendaufbauwerk verkauft werden soll. Ich habe es mir angesehen, eine Nacht drüber geschlafen und am nächsten Morgen den Entschluss gefasst: ‚Ja, ich kaufe es‘.“

Sieben oder acht Interessenten habe es gegeben, „wobei am Ende nicht viele übrig geblieben, die die Bedingungen erfüllen“, teilte Kreisdezernent Friedrich-Wilhelm Stork unserer Zeitung mit. Wirtschaftlich sei der Verkauf sinnvoll: „Sonst hätte man alles abreißen müssen. Das hätte erhebliche Kosten mit sich gebracht.“ Auch Tetzlaff kommt um den Abriss nicht herum. Bettenhaus, Mensa und Küchenanbau müssen weichen. Das sind die Auflagen des Kreises. Denn die Gebäude halten den Abstand zum Wald nicht ein – eine Nutzung ist nur im bisherigen Rahmen genehmigungsfähig. Eine Intensivierung der Wohnnutzung durch Fremdvermieten, wie es einige Interessenten geplant hätten, sei bauplanungsrechtlich allerdings nicht möglich. Mit Tetzlaffs Konzept habe man aber eine gute Lösung gefunden, so Stork. Über den Kaufpreis wird Stillschweigen bewahrt.

Der selbstständige Itzehoer möchte aus dem Anwesen wieder ein Schmuckstück machen. Es ist nicht die erste heruntergekommene Immobilie, die er wieder glänzen lässt. Nach dem ehemaligen Schullandheim in Burg (Dithmarschen) und der Wesselburg in Itzehoe ist das JAW das dritte Objekt, das er wieder auf Vordermann bringt. Acht Jahre lebte er auf Korsika, gestaltete dort erfolgreich Gärten und Anlagen. „Gelernt habe ich das nicht. Ich habe einfach ein Talent dafür, einen Blick für Landschaften. Ich habe mir einen Bagger gekauft und werde viel selbst machen, um die Kosten vertretbar zu halten.“

Zuallererst hat er das Grundstück gesichert, Überwachungskameras installiert und das Wachpersonal aufgestockt – zu oft wurde in die Gebäude eingebrochen. „Das Anwesen wird auch schon zeitweise bewohnt.“ In den kommenden zwei Jahren wird er dann hauptsächlich in Eigenarbeit das Gelände umgestalten. „Bettenhaus, Mensa und Küche müssen abgerissen werden. Auch die alte Wäscherei wird platt gemacht. Die gefällt mir optisch nicht.“ In das Herrenhaus wird ein befreundeter Künstler aus dem Ausland ziehen. Tetzlaff und seine Frau wollen in das Gebäude der ehemaligen Werkstätten ziehen, „weil alles ebenerdig ist“. Die unteren Räume wird er als Kellerersatzräume nutzen.

Sein Nutzungskonzept fußt auf der Renaturierung des Anwesens. Der zugewachsene Teich soll ausgehoben werden. Die Betonplatten am einstigen Schauplatz der Pflanzenbörse sollen weichen, der Boden soll entsiegelt werden. Mit einem Imker-Freund möchte Tetzlaff Bienen halten und alte Obstbaumsorten züchten. Aus den alten Dachpfannen soll ein Trockenmauer-Insektenhotel entstehen. „Außerdem lasse ich prüfen, ob die Statik es zulässt, das alte Treppenhaus des Bettenhauses als Fledermausturm zu nutzen.“

Viel Arbeit, die da auf den 56-Jährigen zukommt. „Wenn ich in ein paar Monaten um die Ecke komme und sehe, wie sich das Gesamtbild verändert hat, ist das eine große Freude. Ich hoffe, dass auch andere bei dem Anblick so einen Spaß haben werden wie ich.“ Seine Frau wird das Naturparadies, das ihr Mann für sie erschafft will, nicht mehr sehen, aber dem Rauschen der Bäume, dem Plätschern des Baches und dem Vogelgezwitscher lauschen können – ihr neues Zuhause.

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