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Norddeutsche Rundschau

21. Oktober 2017 | 00:11 Uhr

Aus Frust: Burger stöhnt ins Telefon

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Keine Beleidigung – Freispruch für 65-Jährigen

shz.de von
erstellt am 24.Jan.2014 | 04:52 Uhr

Wenn die Nachbarn schon am Vormittag bei lauter Musik feierten, entwickelte der 65-jährige allein lebende Burger Frust. Er griff sich die nächstbeste Zeitung und suchte nach Kleinanzeigen, die offensichtlich von Frauen aufgegeben worden waren – dann rief er an. Ein erstes Glücksgefühl stellte sich bei dem älteren Herren ein, wenn ein Anrufbeantworter mit einer Frauenstimme anging. Hob eine Person ab, legte er auf.

Auch am 26. Juli 2012 griff der Burger zum Hörer. Wählte die Nummer einer Nordstranderin, die Pferdebedarf annonciert hatte. Ihr Anrufbeantworter schaltete sich ein, der Burger legte nun Hand an sich und ließ seinen schmutzigen Fantasien freien Lauf. In „Petra komm“ gipfelte sein Stöhnen – obwohl die Angerufene nicht Petra hieß. Eine ehemalige Freundin stand in seiner Fantasie Pate. Der Anrufbeantworter auf Nordstrand gefiel dem Burger offensichtlich. Bis zum 6. August rief er noch zweimal dort an. Der Inhaberin des Anschlusses gefiel überhaupt nicht, was sie zu hören bekam. Sie zeigte den Anrufer wegen Beleidigung an.

Gestern wurde der kuriose Fall am Amtsgericht Meldorf vor Strafrichter Malte Zander verhandelt. In Begleitung des Meldorfer Strafverteidigers Rolf Becker erschien der Burger. Ihm gegenüber vertrat Staatsanwalt Klaus Dwenger die Anklage. Als Experte war der Brunsbütteler Psychologen Eckard Nass (65) geladen. Bei ihm befindet sich der Burger in Psychotherapie. „Das ist für ihn ein Ventil, wenn er sich über etwas geärgert hat. Besonders sind es die Nachbarn, die ihn terrorisieren“, erklärte der Psychologe und fügte hinzu: „Wir haben regelmäßig darüber gesprochen, dass es für die Frauen schlimm ist.“ Nass attestierte seinem Patienten bei den Taten eine Art Schuldunfähigkeit. „Auf einer unbewussten Ebene ist es ein Aggressionsakt. Er hat eine große Wut auf Frauen. Ein Anrufbeantworter widerspricht nicht, da kann er seine Erregung abarbeiten.“ Und auch einen Schuldigen präsentierte der Psychologe: die Mutter. „Streng, dominant und einengend“ sei sie gewesen.

Eine Lösung des Problems hatte der Psychologe auch im Gepäck. Sechs bis acht Wochen solle und wolle der Burger eine stationäre Therapie in Bad Bramstedt absolvieren. Dort sei man auf Persönlichkeitsstörungen spezialisiert.

Dann hatte der Staatsanwalt das Wort: „Was der Angeklagte gemacht hat, ist eine Schweinerei“, brachte es Dwenger auf den Punkt und fuhr fort: „Wenn man sich so etwas auf seinem Anrufbeantworter anhört, ärgert man sich gewaltig.“

Aber nicht jede Schweinerei ist strafwürdig, so auch in diesem Fall. Die Anrufe waren „zutiefst verstörend“, aber keine Beleidigung, denn sie enthielten keine konkrete Missachtung. „Es geht ihm nicht um die Angerufenen, es geht ihm darum, eine imaginäre Frau zu erschaffen, mit der er seine Fantasien ausleben kann“, so Dwenger, der empfahl, die Therapie fortzusetzen und warnte: „Sie wandeln auf ganz dünnem Eis!“ Dann forderte er einen Freispruch, dem sich Anwalt Becker und Richter Zander anschlossen. Sekunden später verließ der Burger den Gerichtssaal ebenso unbescholten wie er ihn betreten hat.

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