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Wacken MUsic Camp : Aus der Brummschleife zum Song

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

65 Teenager aus ganz Deutschland sind vom Rhythmus gepackt: Nachwuchsbands finden in Wacken ihren eigenen musikalischen Stil.

33 müde Gestalten schleichen aus der Kuhle heran, in der 1990 das Wacken Open Air Festival seinen Anfang fand. Sie sind wohl gerade erst aus den Stockbetten in ihren schwarzen Zelten gekrochen, gedanklich vielleicht noch beim Lagerfeuer der letzten Nacht. Ihre Müdigkeit bleibt nicht lange. Bereits wenige Minuten später wippt auch der letzte Fuß im Groove, den Kult-Schlagzeuglehrer Jürgen Hardt ihnen vorgibt.

Nein, es sind keine Nachzügler-Metal-Fans, die sich neun Tage nach dem Festival auf dem Gelände der Grundschule verirrt haben, sondern die Vormittags-Gruppe aus dem Wacken Music Camp, an dem insgesamt 65 Jugendliche aus ganz Deutschland teilnehmen. Es wird in diesem Jahr erstmals für eine Woche vom Landesverband der Musikschulen in Schleswig-Holstein und der Wacken Foundation als musikalisches Ferienprogramm ausgetragen.

Schon morgens um 9 Uhr bebt der Boden der Grundschul-Aula im Schritttempo-Takt und anstatt sich in die letzte Reihe zu verkrümeln, können einige der 10- bis 18-Jährigen gar nicht dicht genug an der Bühne sitzen, auf der sie später selbst spielen wollen. „Eine und zweie und dreie und viere“, zählt Jürgen Hardt der Gruppe laut vor. Er weiß, wie wichtig das Zählen später für das Zusammenspiel in den Bands sein wird. Mit den Füßen hält er den Takt und klatscht dazu.

„Ich empfehle euch, eure Kraft zu sparen“, gibt Enno Heymann von der Wacken Foundation den Jungmusikern mit auf den Weg, bevor sie sich in ihren Bands auf die einzelnen Probenräume verteilen. Zwei Gruppen nimmt Eike Freese, Musikproduzent aus Hamburg und Sänger und Gitarrist der Band Dark Age in Empfang. Er hat schon erfolgreich Bands wie Deep Purple und Apocalyptica produziert und wirft nun einen neugierigen Blick in die Runde der am Vorabend frisch gegründeten Gruppen „Unikorn Puked The Rainbow“ und „Hatchet“. Ihn interessiert zunächst, was die Jugendlichen privat gerne hören – und ihr Musikgeschmack scheint weit gefächert zu sein. Doch für eine Band können sich fast alle begeistern: „Slayer“, erklingt es im Chor.

Der Produzent bohrt weiter. Was einen guten Song ausmacht, will er wissen: „Ein Hit ist ein Hit“, sagt er und das sei unabhängig vom Genre. Die jungen Bandmitglieder diskutierten über ihren Geschmack und schließlich fasst Freese zusammen: „Rhythmus, Melodie, Text und Gitarren-Riffs – wenn ihr das zusammen bekommt und denkt, das macht Spaß – dann seid ihr auf dem richtigen Weg.“

Im Nu geht es ans Eingemachte und die Gruppe teilt sich weiter auf. Die Mitglieder der Band „Hatchet“ werden an diesem Vormittag gemeinsam mit Eike Freese (35) an ihrem Auftritt feilen. Er hat ein mobiles Studio mit entsprechender Software, Schlagzeug-Simulator und E-Drums mitgebracht, da die Vertonung eines klassischen Schlagzeugs mit etwa 15 Mikrofonen zu aufwendig wäre.

Die Bandmitglieder bedauern ihren Schlagzeuger Lennard Hanke (15), für den das Spielen dieses Instruments eine Umstellung ist. Anstatt auf klirrende Schlagzeug-Becken, schlägt er auf Gummi. Der richtige Klang soll über den Computer aus den Boxen kommen, doch zunächst dröhnt es nur ohrenbetäubend: „Wir haben eine Brummschleife“, erklärt Freese das Problem mit der elektrischen Verkabelung in dem alten Gebäude, während er eine Lösung und dafür eine andere Steckdose sucht.

„Muss sich ein Text immer reimen?“ Dieser Frage gehen derweil in einem anderen Probenraum Annika, Benjamin, Stella und Victoria nach, während sich ihr Gitarrist Casper Pohl (18) von einem wahren Metal-Urgestein Anregungen und Akkorde holt. Er steht neben Nibbs Carter, dem Bassisten von Saxon, als wären sie jahrelange Bandkollegen. Gegenseitig spielen sie sich Akkordfolgen vor, bis Casper freudig zu seiner Gruppe ruft: „Ich hab einen Refrain!“

Caspers Band heißt „The Addicted“ – Die Süchtigen. „Wir wollen beschreiben, dass wir süchtig nach Musik sind“, erklärt Stella Rost (16). „Wir wollen keine Therapie. Es gibt keine Therapie. Der Plattenladen ist der Dealer“, heißt es in ihrem Song.

Es ist kurz vor Mittag. Inzwischen hat die Musiksucht das ganze Grunschulgebäude erfasst. Auch die Brummschleife im Raum von Eike Freese hat einem waschechten Song Platz gemacht. Besonders Schlagzeuger Lennart steht der Stolz ins Gesicht geschrieben, als ihm der Übergang zwischen Chorus und Strophe reibungslos glückt. Einen vorgegebenen Rhythmus braucht es nicht mehr. Sechs Nachwuchsbands haben ihren eigenen Sound gefunden.

>Öffentliches Abschlusskonzert: Sonntag, 17. August,15 Uhr, in der Turnhalle der Grundschule Wacken.

 

 

 

 

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erstellt am 14.Aug.2014 | 05:00 Uhr

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