Fachkräftemangel : Aus Bella Italia ins Klinikum Itzehoe

„Unentbehrliche“ Kollegen auf der Intensivstation: Die Italienerinnen Silvia Quattrocci (l.) und Martina Belloni arbeiten als Krankenpflegerinnen am Klinikum Itzehoe.
„Unentbehrliche“ Kollegen auf der Intensivstation: Die Italienerinnen Silvia Quattrocci (l.) und Martina Belloni arbeiten als Krankenpflegerinnen am Klinikum Itzehoe.

Das Itzehoer Krankenhaus geht neue Wege gegen Fachkräftemangel und wirbt gezielt Mitarbeiter in Italien an.

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01. Dezember 2017, 05:00 Uhr

Sie sind jung, gut ausgebildet und motiviert, sehen aber in ihrer Heimat keine berufliche Zukunft für sich: Seit Mai 2016 arbeiten Martina Belloni, Silvia Quattrocci und Carlo Burcheri am Klinikum Itzehoe. Die drei Krankenpflegerinnen aus Italien sind die ersten Mitarbeiter, die durch ein Pilotprojekt gegen den Fachkräftemangel in den Kreis Steinburg kamen. Das Klinikum will nach dem erfolgreichen Testlauf weitere Mitarbeiter in Italien anwerben.

„Es fällt uns immer schwerer, unseren Fachkräftebedarf vor Ort zu decken“, sagt Wienke Petersen, stellvertretende Leiterin des Personalmanagements im Klinikum. Überall in Deutschland werden qualifizierte Pflegefachkräfte dringend gesucht. Ganz anders in Italien: „Wer dort nach seiner Ausbildung eine Festanstellung möchte, braucht Glück oder gute Beziehungen“, erklärt Katrin Götz, Sprecherin des Klinikums. „In manchen Regionen liegt die Arbeitslosenquote in Pflegeberufen bei 70 Prozent. Es gibt Krankenhäuser, in denen hunderte Bewerber auf eine offene Stelle kommen.“ Am Klinikum Itzehoe gebe es dagegen beispielsweise im Bereich der Intensivpflege Probleme, Mitarbeiter zu finden, sagt Petersen. Mit Unterstützung eines Hamburger Personaldienstleisters habe sich das Krankenhaus daher in Italien auf die Suche nach Fachkräften gemacht.

Am Ende kamen die drei ausgewählten Kandidaten nach Itzehoe und nahmen im Mai 2016 ihre Arbeit auf der Intensivstation auf. Sie wurden mit offenen Armen empfangen. Trotzdem war der Anfang nicht leicht: Bürokratische Hürden bei der Anerkennung der Ausbildung waren zu überwinden. „Es gab viel Klärungsbedarf“, berichtet Teamleitung Inga Andrea Radzio. „Aber die größte Hürde ist die Sprache.“ Doch die jungen Kollegen hätten schnell gelernt und seien bald unentbehrlich gewesen. „Wir haben uns oft gefragt: Wie hätte es gehen sollen, wenn wir sie nicht gehabt hätten?“, so Radzio. Die Zufriedenheit beruht auf Gegenseitigkeit: „Das Arbeiten hier macht sehr viel Spaß“, sagt Martina Belloni. In ihrer Heimat Rom fand die 28-Jährige keinen Job. Anders als viele ihrer Landsleute, die es nach England zieht, bevorzugte sie Deutschland. „Ich mag die deutsche Mentalität“, sagt sie. Anfangs habe sie manchmal Heimweh gehabt, aber inzwischen fühlt sie sich in Itzehoe sehr wohl und möchte gerne länger bleiben. Von Patienten und Angehörigen habe es nur positive Rückmeldungen gegeben, auch wenn die Verständigung anfangs schwierig gewesen sei. „Ich habe immer gesagt: Ich bin Schwester Martina und komme aus Italien. Es war oft lustig – viele haben gesagt: ‚Oh, bella Italia‘ oder ‚Mamma Mia‘.“ Niemand habe abweisend reagiert.

Das bestätigt Silvia Quattrocci. „Ich bin froh hier zu arbeiten, ich habe ein gutes Team gefunden“, sagt die 27-Jährige aus der Nähe von Rom. In Italien habe sie ein Jahr lang im OP gearbeitet – ohne Bezahlung. „So kann man kein Leben aufbauen.“ Anfangs sei es schwierig gewesen, die deutschen Kollegen zu verstehen, aber es wurde jeden Tag besser. Nur das langwierige Verfahren zur Anerkennung ihrer Ausbildung habe viel Geduld erfordert.

„Die Bürokratie ist die größte Hürde“, bestätigt Wienke Petersen. Trotzdem falle das Fazit des Testlaufs für das Klinikum „rundum positiv“ aus. Und soll deshalb wiederholt werden – aktuell ist das Krankenhaus erneut auf der Suche nach Mitarbeitern in Italien unterwegs. Damit liegt das Klinikum voll im Trend. Um über 10 Prozent hatte sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig-beschäftigten Ausländer in Deutschland Mitte 2016 gegenüber 2015 laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) gegenüber 2015 erhöht.

Im Gesundheitswesen im Kreis Steinburg betritt das Klinikum aber eher noch Neuland: Laut einer aktuellen Auswertung der BA auf Anfrage unserer Zeitung sind nur knapp 3,3 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen im Kreis Ausländer. In anderen Branchen wie dem Gastgewerbe (25 Prozent) und der Land- und Forstwirtschaft (knapp 19 Prozent) ist der Anteil der Ausländer wesentlich höher. Insgesamt arbeiten 1536 Menschen ohne deutschen Pass im Kreisgebiet. Das entspricht einem Anteil von knapp über vier Prozent bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Bundesweit liegt dieser Anteil bei 10 Prozent.

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