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Aus alten Schulchroniken: Wie Lehrer zu Zeitzeugen werden

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2016 | 16:57 Uhr

Schulchroniken sind ein Stück Geschichte. Die ehemalige Schulleiterin und Heimatforscherin Elke Witt hat sich mit dem beschäftigt, was ihre Kollegen in der Zeit des Nationalsozialismus geschrieben haben. Dafür wertete die Glückstädterin diverse Schulchroniken aus der Region um ihre Heimatstadt aus. 1939 bis 1945: In dieser Zeit veränderte sich viel.

„Der Kriegsbeginn wirkte sich sofort auf die Schulen aus, weil etliche Lehrer eingezogen wurden und nicht ersetzt werden konnten“, sagt Elke Witt. Die Klassen wurden groß, hinzu kam der kalte Winter. Es fehlte an Kohlen, es gab kaum Fibeln, Hefte und Stifte.

In der Herzhorner Schulchronik schrieb Lehrer Schröder, dass bis Dezember 95 Männer eingezogen worden waren. In Bielenberg wurde die Schule 14 Tage lang geschlossen, weil Lehrer Bütow zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Auch dort gab es nur noch eine Klasse für alle Jahrgänge mit 52 Schülern. Einklassig wurden sie unter anderem auch in der Engelbrechtschen Wildnis – „trotz Protest“, wie Lehrer Hornuß schrieb. In Sommerland mussten die Jungen und Mädchen im Oktober und November sogar auf die Schule nach Süderau wechseln.

Aus Neuendorf kamen noch enthusiastische Töne, ausführlich wird beschrieben, welchen Raum der Feldzug nach Polen im Unterricht einnahm. Die Rede ist von „Führers Friedenswerk“ und „Englands Kriegswillen“.

Anders in Herzhorn, wo der Lehrer damit beschäftigt war, dass es kalt ist, weil es keine Kohlen gibt. Er schreibt auch von den Polen, die bei den Bauern beschäftigt waren: „Diese Leute machen meist einen verwahrlosten Eindruck, arbeiten jedoch fleißig.“ Doch könnten die Polen und die Kriegsgefangenen die Lücken in der Landwirtschaft nicht füllen, die die eingezogenen Männer hinterlassen haben.

In Bielenberg wurde offensichtlich nicht gefroren. Denn der Lehrer schreibt, dass es genügend Feuerung gab. Im Gegensatz dazu die Schule Sommerland, die wegen fehlender Kohlen von Weihnachten bis Ostern geschlossen bleiben musste. Lehrer Knust berichtet gleichzeitig, dass am 29. September 1940 die ersten Bomben auf die Weide von Hugo Magens fielen. „Sie rissen große Trichter, einige explodierten nicht“. Und im Juli seien die ersten französischen Kriegsgefangenen gekommen.

In Herzhorn berichtete Lehrer Schröder 1941 von den Kriegseinsätzen und von Weihnachtspäckchen, die an die Väter an der Front geschickt wurden. Auch er schreibt von Bomben, die aber im Dorf keine Schäden angerichtet haben. Anders auf dem Bumannschen Hof an der Stadtstraße in Glückstadt. „Der Hof wurde durch das Feuer völlig verstört.“

Bombenabwürfe sind auch in anderen Schulchroniken Thema. Ebenso evakuierte Kinder aus Großstädten.

Auch in 1941 ist abzulesen, welche Haltung in Neuendorf herrschte. Zur Schulentlassungsfeier kam Ortsgruppenleiter Hinrich Münster. Die Rede ist weiterhin von der Versorgung der deutschen Wirtschaft mit Öl.

Auch dort waren die Kinderlandverschickung und Luftangriffe auf Hamburg Thema. Viele flüchteten damals aus der Hansestadt aufs Land. „Eine Familie aus Herzhorn-Reichenreihe verlor in Hamburg fünf Kinder und Enkel“, schreibt Lehrer Schröder. „So spürte unser Dorf den Schrecken des Krieges und mancher nachdenkliche Einwohner erkannte oder ahnte die Macht der feindlichen Luftwaffe. Aber die Not dieser Flüchtlinge war erst der Anfang eines fühlbaren Flüchtlingselends. Die Zerstörung der kriegsnotwendigen Städte ging planmäßig weiter.“

In Sommerland berichtete Lehrer Knust von einem Polen, der gehängt wurde, weil er einen Bauernhof angesteckt haben soll. 100 Polen mussten zusehen, wie ihr Landsmann aufgehängt wurde.

1944 ist der Flüchtlingsstrom aus den Ostgebieten Thema in Herzhorn „Die Feinde rücken an die Grenzen heran“, schreibt Lehrer Schröder. Auch ein Jahr später berichtet er umfangreich über das Thema. Als der Krieg zu Ende ist, spricht er von einem Aufatmen in der Bevölkerung, weil ihnen „zwecklose Opfer erspart bleiben“.

Und ganz umfangreich berichtet Lehrer Renz aus Borsfleth 1944 über die Flieger in der Luft. „Bei Meinert auf der Weide landete ein Deutscher, sein Flugzeug stürzte brennend nördlich der Stör im Uhrendorfer Außendeich ab. Die Luft ist voll von Flugzeugteilen.“ Zwölf Abstürze hätte er gesehen. Ein Jahr später, 1945 sind vor allem die vielen Flüchtlinge Thema. „Es gibt wohl kaum ein Haus, das keine Flüchtlinge hat. Am 23. April dann wurde die Schule von der Militärverwaltung in Beschlag genommen.“

Aus Kollmar ist zu lesen: „Im Juli wurde Lehrer Mohr seines Amtes enthoben.Und in Altenmoor wird die Frage gestellt: Der Krieg ist zu Ende. Und was hat er uns gebracht? Deutschland ist ein großes Armenhaus geworden, mit Millionen heimatlos umherirrenden, hungernden, frierenden, verschüchternden Menschen, gemieden, ja vielleicht verabscheut von der ganzen Welt.“


> Der gesamte Vortrag wird im kommenden Buch der Detlefsen-Gesellschaft zur Vortragsreihe veröffentlicht werden.

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