zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 01:51 Uhr

Aktion für Radler : Auf Radtour durch 38 Länder

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Zwischenstopp in Itzehoe: Michel Debien aus Bordeaux fährt mit dem Fahrrad mehrere tausend Kilometer durch ganz Europa – die Reise hat einen ernsten Hintergrund.

von
erstellt am 19.Jul.2017 | 14:20 Uhr

Er ist mit dem Fahrrad schwer gestürzt und lag danach zwei Wochen lang im Koma. Jetzt ist er auf einem Fahrrad-Trip quer durch Europa – und machte auch Halt in Itzehoe. Der Franzose Michel Debien (57) aus Bordeaux übernachtete auf seiner Reise durch 38 Länder bei Knut Hinrichs in Edendorf. Hinrichs, selber Radfahrer, der jüngst 6000 Kilometer mit dem Drahtesel auf der Ostseeroute unterwegs war (wir berichteten), sagt: „Ich habe auf meinem Trip viel Gastfreundschaft genossen und finde es toll, wenn ich auf diese Weise etwas zurückgeben kann.“

Den Kontakt hatten sie über die Internetseite „Warm Showers“, ein Vermittlungs-Portal für Übernachtungen von Fernradfahrern, hergestellt. „Als ich seine Anfrage bekommen habe, habe ich sofort zugesagt“, erzählt Hinrichs, der mit dem Gast aus Frankreich erstmal zu Abend aß. Der drahtige Mann mit durchtrainiertem Körper aus Bordeaux ist nur mit einem sechs Kilo schweren Rucksack unterwegs, in dem er die wichtigsten Sachen untergebracht hat, die er auf seiner Reise braucht: Computer und Smartphone, ein paar Toilettensachen und etwas Wäsche zum Wechseln.

Er fährt ohne Organisation auf einem Rennrad mit nur vier Gängen, das eigentlich kein Rad fürs Reisen ist, aber mit dem er gut voran kommt. In Schottland musste er damit 3000 Meter Höhenunterschied bewältigen. Mit dem Computer plant Debien seine Route, über das Smartphone bestückt er seinen Blog (Micheldebien.jimdo.com), auf dem er täglich von seinen Erlebnissen berichtet – auf Französisch natürlich. Und er bleibt in Kontakt mit seinen beiden Coaches und Trainern, Francois und Serge, die ihn von zu Hause aus betreuen und unterstützen.

„Ich war schon immer ein guter Radler und habe mein ganzes Leben auf dem Fahrrad verbracht“, erzählt Debien. So verband er auch beruflich das Angenehme mit dem Nützlichen und gründete in Bordeaux eine kleine Fabrik, in der er seit seinem 20. Lebensjahr Fahrradrahmen selber baut. „Dafür bin ich sogar von der Universität abgegangen und hatte dann eine Fabrik mit zehn Angestellten.“

Wegen besserer Steuersätze ist er nach Spanien ins Baskenland abgewandert. Dort hatte er vor zwei Jahren einen schweren Unfall mit dem Fahrrad, ist ins Koma gefallen. Auf Fotos zeigt er seinen damaligen erschreckenden Zustand. Es folgte ein Jahr Reha. Nach dem Koma hatte er 14 Kilo verloren. Dann hat er im Februar wieder angefangen, sich auf den Sattel zu setzen. „Das war meine Therapie“, erzählt Michel, „denn die chemischen Medikamente hätten mich umgebracht“, ist er sicher.

Für ihn stand fest: „Ich wollte noch etwas von der Welt sehen“, und so plante er gemeinsam mit seinen beiden Freunden Francois und Serge die Reise durch Europa. Er startete in Südfrankreich, fuhr über Paris und Le Havre, durch England, Schottland und Irland über Belgien und quer durch Deutschland nach Schleswig-Holstein, von wo aus er über Flensburg nach Dänemark weiterfahren will. „Wir machten eine Terminplan mit der Route, die wir auf einer Karte einzeichneten“, erzählt Debien.

Mit seinem Rad-Trip verfolgt Michel Debien einen tieferen Sinn: „In Frankreich gibt es leider immer wieder tote Fahrradfahrer – viel zu viele“, sagt er. „Ganz Europa ist fahrradfeindlich, das ist verrückt und ein großes Problem.“ Es gebe keine Unterstützung von der Polizei, in Deutschland sei das ähnlich. „Mit meiner Reise soll sich ein besseres Bewusstsein bilden“, wünscht er sich.

Nun kann er vom Radreisen gar nicht mehr genug bekommen. Ein Bett, eine warme Dusche, dann geht es auch schon weiter „Immerhin bin ich der Erste, der so eine Strecke zurücklegt. Es gibt wunderschöne Momente und auch der Meinungsaustausch mit anderen Radfahrern ist wundervoll“, sagt Debien.

Begeistert von den Geschichten ist auch Gastgeber Knut Hinrichs. „Ich werde etwas von dem Geist mitnehmen. Das ist eine tolle Geschichte.“ Gestern Abend erwartete er bereits den nächsten Gast – diesmal aus den Niederlanden und natürlich mit dem Rad unterwegs.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen