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Norddeutsche Rundschau

13. Dezember 2017 | 20:26 Uhr

Tierwelt : Auf leisen Pfoten auf dem Vormarsch

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Marderhund breitet sich im Steinburger Kreisgebiet aus. Jäger und Naturschützer stehen dem Neuankömmling skeptisch gegenüber.

shz.de von
erstellt am 29.Aug.2014 | 17:12 Uhr

Gesehen haben ihren neuen pelzigen Mitbewohner vermutlich nur weniger Steinburger bisher, denn er bleibt lieber im Verborgenen und doch hat er sich fest etabliert: Heimlich, still und leise hat sich der Marderhund (auch Enok genannt) einen Platz in der heimischen Tierwelt verschafft und bedroht möglicherweise andere, seltene Tierarten.

„Wir beobachten die Ausbreitung des Marderhundes hier seit etwa zehn Jahren“, erklärt Bernd Lange aus Elskop. Der Landwirt und Jäger ist Vorsitzender des Hegerings 8, der die Jagdreviere in der Krempermarsch rund um Glückstadt umfasst. Vor allem hier und im Moorgebiet bei Hohenfelde fühlen sich die gut einen halben Meter langen und bis zu zehn Kilo schweren Vierbeiner scheinbar sehr wohl.

„Wir wissen nicht genau, wie viele es gibt, weil es nicht möglich ist, sie zu zählen. Dafür sind sie zu heimlich. Aber der Bestand hat hier stark zugenommen“, sagt Lange. Er und seine Jägerkollegen bejagen Raubtiere wie Fuchs oder Marder, um deren Zahl zu kontrollieren und die Beutetiere zu schützen. Immer öfter landen dabei auch Enoks in den Lebendfallen oder vor der Flinte der Jäger. „Die Streckenzahlen bei den Marderhunden haben sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt.“

Eigentlich stammen die scheuen Vierbeiner aus Asien (siehe Info-Kasten). In der Marsch scheinen sie optimale Lebensbedingungen vorzufinden. „Sie sind absolute Lebenskünstler und sehr anpassungsfähig“, erklärt Lange das Erfolgsrezept der Enoks. Neben kleinen Säugetieren stehen Fisch, Insekten, Vogeleier und Aas ebenso auf dem Speiseplan der Marderhunde wie Früchte oder Eicheln. Wird das Futter im Winter knapp, halten die Tiere Winterruhe und überstehen so auch schwierige Zeiten. Besonders in Wassernähe finden sie viel Nahrung und haben sich daher entlang der Flüsse und Wettern stetig ausgebreitet.

Natürliche Feinde haben die meist nachtaktiven Marderhunde nicht. Lediglich größere Greifvögel wie Uhu und Adler oder große Raubsäuger wie Luchs und Wolf könnten ihnen gefährlich werden. Keiner davon geht im südlichen Kreis Steinburg auf die Jagd. Gegenüber Nahrungskonkurrenten wie dem Fuchs oder auch verwilderten Katzen, die zumindest für den Nachwuchs der Enoks eine Gefahr darstellen, setzen die Tiere sich nach Beobachtungen der Jägerschaft aggressiv durch. „Ihr großer Vorteil ist, dass sie, anders als andere Raubtiere, im engen Familienverband leben und immer als Paar zu zweit unterwegs sind. Bekommt einer Probleme, etwa mit einem Fuchs, kann ihm sein Gefährte zur Hilfe eilen und der Gegner hat schlechte Karten“, erklärt Lange.

Deshalb ist zu erwarten, dass sich die Marderhunde weiter vermehren werden. Eine Entwicklung, die nicht nur Jäger kritisch sehen. „Wir sind besorgt, dass die Marderhunde vor allem im Frühjahr den Nachwuchs der Feldhasen und die Gelege von bodenbrütenden Vogelarten gefährden“, erklärt Lange – Tierarten, die es in der modernen Kulturlandschaft ohnehin schon schwer hätten, geeigneten Lebensraum zu finden und deren Anzahl zurück geht. Diese Einschätzung teilt auch Dr. Sybille Petersen, Vorsitzende der Ortsgruppe Glückstadt des Naturschutzbundes (NABU): „Die Marderhunde werden mehr. Gerade auch dort, wo die selten gewordenen Bodenbrüter ihre Nistplätze haben.“ So bieten beispielsweise die Naturschutzgebiete entlang der Elbe mit ihren dichten Schilfgürteln im Deichvorland den Enoks viel Deckung – und hier dürfen sie, wie alle anderen Tiere, nicht bejagt werden und könne sich völlig ungestört vermehren.

Dass diese Sorgen nicht unbegründet sind und überregional geteilt werden, zeigt eine Empfehlung der Europäischen Union aus dem Jahr 1999, die feststellt, dass der Marderhund „bewiesenermaßen eine Bedrohung für die Artenvielfalt“ darstellt und daher stark bejagt werden sollte.

Es gibt allerdings auch andere Einschätzungen: Beim NABU Schleswig-Holstein wird die schleichende Einwanderung der pelzigen Vierbeiner gelassener gesehen. „Die Tiere sind inzwischen längst ins Ökosystem integriert. Befürchtungen bezüglich anderer Tierarten haben sich aus unserer Sicht bisher nicht bestätigt“, erklärt NABU-Sprecher Ingo Ludwichowski.

Ähnlich sieht auch Dr. Peter Borkenhagen aus Probsteihagen bei Kiel die Zuwanderung des Marderhundes. Der Biologe und Jäger beobachtete über viele Jahre die Ausbreitung der Enoks in Schleswig-Holstein und führte wissenschaftliche Untersuchungen über ihr Nahrungsspektrum durch. Sein Fazit: Der Marderhund ist im Verhältnis zu anderen Raubtieren bisher von untergeordneter Bedeutung, was Vögel und Niederwild angeht. „Im Vergleich zum Beispiel zum Fuchs gibt es doch noch wenige Marderhunde in Schleswig-Holstein“, erklärt Borkenhagen und verweist auf Streckenzahlen von etwa 1100 Marderhunden landesweit im Vergleich zu über 14000 Füchsen.

Außerdem ist Borkenhagen der Meinung, dass Eier, Jungvögel und auch junge Feldhasen eher die Ausnahme auf dem Speiseplan des Marderhundes darstellen. Gelegenheitsbeute, die der „gemächliche Sammler“ frisst, wenn er sie findet, nach der die Tiere aber nicht gezielt suchen: „Marderhunde ernähren sich eher von kleinen Wirbeltieren wie Mäusen, Maulwürfen und jungen Ratten. Außerdem fressen sie viel Insekten, Aas und Obst.“ Bisher sei ihm keine ernsthafte Gefährdung einer anderen Tierart durch den Marderhund bekannt, erklärt der Experte. Das es aber schwerpunktmäßig in Gebieten mit vielen Bodenbrütern zu Problemen kommen könnte, hält auch Borkenhagen nicht für ausgeschlossen. Dass es im Kreis Steinburg dazu kommt, würde Bernd Lange gerne vermeiden. Er hält es für unrealistisch, dass der Marderhund wieder verschwindet, aber gemeinsam mit anderen Jägern möchte er die Zahl der Marderhunde in Grenzen halten – „zum Schutz der anderen Tiere.“

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